Im August des Jahres 1980 traten die Arbeiter der Lenin-Werft in Gdansk in den Streik. Ihre zuerst rein ökonomischen Forderungen erweiterten sich im Streikverlauf zu Postulaten zur Einhaltung von Arbeiterrechten und führten zur Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft im kommunistischen System: "Solidarnosc". Der zweite Teil der Dokumentationsreihe schildert die Entstehung der unabhängigen Gewerkschaft und ihr zähes Ringen um ein Ende der Unterdrückung in Polen trotz Verhängen des Kriegsrechts und politischer Verfolgung ihrer Anhänger, zu denen auch die Straßenbahnfahrerin Henryka Krzywonos gehörte.
Als die 12.000 Beschäftigten der Lenin-Werft in Gdansk am 14. August 1980 in den Streik traten, hatten ihre Forderungen anfangs rein ökonomischen Charakter. So bekamen sie die Lohnerhöhungen auch schnell zugesprochen. Streikführer Lech Walesa war bereits im Begriff, die Protestaktion zu beenden. Doch vor den Werfttoren standen Vertreter kleinerer Betriebe, deren Postulate unbeachtet geblieben waren und verlangten Solidarität. Unter ihnen war auch die junge, auf Gerechtigkeit fixierte Straßenbahnfahrerin Henryka Krzywonos. Sie hatte den Streik der Verkehrsmittel der Dreistädtestadt Gdansk, Gdynia und Sopot bewirkt und so dem ökonomischen Protest eine politische Dimension verliehen. Die zwei Streikwochen wurden für Henryka Krzywonos zu einem Schnellkurs in politischer Bildung.

BuchtippGyörgy Dalos: Der Vorhang geht auf.Das Ende der Diktaturen in Osteuropa.
1989 war der Kommunismus endgültig bankrott. Die Sowjetunion überließ ihre Satellitenstaaten dem eigenen Schicksal, von der "sanften" Revolution in der CSSR bis zum Massaker in Bulgarien. György Dalos hat eine fazinierende Zusammenschau verfaßt.

Einige Idealisten hatten die Arbeiter überzeugt, dass nur eine unabhängige Gewerkschaft die Beachtung der Arbeiterrechte garantieren könne. Dass es sich dabei um grundsätzliche Menschenrechte handelte, war den Beteiligten damals nicht wirklich bewusst. "Wir haben den Monolith der kommunistischen Macht nur ein wenig angebissen, ohne zu ahnen, welche Folgen das haben würde", sagt Henryka Krzywonos heute.
In Wirklichkeit hatten die massiven Streiks in Polen 1980 der Zerfall des Ostblocks initiiert. Zwar war der durch die Legalisierung der freien Gewerkschaft "Solidarnosc" erkämpfte Freiheitstraum nach 16 Monaten mit dem Verhängen des Kriegszustands beendet. Doch blieb "Solidarnosc" als unkontrollierbare Massenorganisation eine Bedrohung des Parteimonopols in Polen und der bestehenden Teilung Europas.
Henryka und ihre Kollegen in Gdansk haben so - lange bevor Perestroika die Schwächen des sowjetischen Machtsystems zutage brachte und zehn Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer - an der beginnenden Demontage eines Systems mitgewirkt. Dafür mussten sie bis 1989 mit Kriegszustand, Arbeitsverbot, Armut und Verfolgung leben. Der Sieg der demokratischen Opposition in Polen war Ergebnis eines langjährigen Widerstands der Arbeiter und der Verhandlungen am Runden Tisch, zu dem die Regierung durch die wirtschaftliche und politische Misere im Lande gezwungen wurde.