
Wie schon in den vergangenen Jahren hat die Berlinale-Jury mit ihrer Preisvergabe wieder für Überraschungen gesorgt. Dabei hätte man sich eigentlich denken können, dass ein Juryvorsitzender Costa Gavras dem politisch-gesellschaftskritischen Film seine besondere Aufmerksamkeit schenken werde. Die Preisvergabe trägt seine Handschrift, auch wenn er ausdrücklich betonte, dass alle Entscheidungen mehrheitlich getroffen wurden, und er seine zweite Stimme als Jurypräsident nicht einsetzen musste.
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| Goldener Bär: Tropa de elite |
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Mit dem Goldenen Bären für den kleinen, harten brasilianischen Erstlingsfilm „
Tropa de Elite“ von José Padilha hatte jedenfalls kaum jemand gerechnet. Der im semi-dokumentarischen Stil gedrehte Film über eine brasilianische Elitetruppe, die mit brutaler Härte gegen die Drogenbanden der Favelas vorgeht, ist wegen seiner Gewaltdarstellungen in Brasilien schon länger umstritten und blieb es auch auf dieser Berlinale.
Mit den Silbernen Bären für „
Happy-Go-Lucky“ (weibliche Hauptrolle), „
The Song Of Sparrows“ (männliche Hauptrolle), „
In Love We Trust“ (bestes Drehbuch) und natürlich dem überall favorisierten „There Will Be Blood“ (Regie), dürften dagegen alle einverstanden sein, auch wenn letzterer mehr mit dem Academy Award, kurz Oscar, in Verbindung gebracht werden wird, als mit Berlin. Der Große Preis der Jury allerdings, der an „Standard Operating Procedure“, den ersten und einzigen Dokumentarfilm im Berlinale-Wettbewerb ging, wurde eher kontrovers diskutiert, da man dem Regisseur Errol Morris den vehementen und fragwürdigen Einsatz manipulativer und emotionalisierender filmischer Mittel vorwerfen kann. Vielleicht doch ein Tribut an die engagierte Aufarbeitung des Abu-Ghraib-Folterskandals, wenn auch für europäische Augen mit etwas zu reißerischen Methoden.
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| Großer Preis der Jury: Standard Operating Procedure |
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Dabei ist es ansonsten eine eher leise Berlinale gewesen, bezogen auf filmisch herausragende Ereignisse wohlgemerkt, denn die Auftritte der Rolling Stones, von Madonna, Neil Young und Pattie Smith sind zwar gute und laute Publicity, stehen aber nicht notwendigerweise für ein starkes Festivalprogramm. Wenn man denn unbedingt die 23 Wettbewerbsfilme thematisch beschreiben oder zusammen fassen will, so standen der Tod und tragische Kinderschicksale in vielen Filmen im Mittelpunkt. Das war so in den deutschen Beiträgen „
Kirschblüten - Hanami“ und „
Feuerherz“ - die leider, aber nicht ganz zu unrecht, leer ausgingen – aber auch bei „In Love We Trust“, „
Gardens oft the night“, oder auch in dem ruhigen, formvollendeten „
Kabei“.
Viele Filme werden es wahrscheinlich nicht sein, die von dieser 58. Berlinale in Erinnerung bleiben werden, bestimmt aber das schöne Dekolleté von Scarlett Johansson und das hinreißende Lächeln von Natalie Portman bei ihrem gemeinsamen, in schöner Rollenverteilung perfekten Auftritt für den leider misslungenen „
The Other Boleyn Girl“. Aber im nächsten Jahr darf ruhig auch die Filmauswahl wieder etwas aufregender sein.
Thomas Neuhauser
Verdammte aller Länder, vereinigt euch!Erstaunliche zwei Seiten hat die Medaille, die Costa-Gavras und seine Jury den Spitzenreitern der diesjährigen Liste der Filmpreisanwärter verliehen haben. Dem Regisseur von „Das Geständnis“ ist es hoch anzurechnen, dass ihm besonders die aufrüttelnden, gesellschaftspolitischen Werke am Herzen lagen, und das passt auch ganz zur politischen, engagierten Leitlinie der Berlinale, hat aber widersprüchliche Wirkung. So hat die Verleihung des Goldenen Bären an José Padhila für seinen Film „
Tropa de Elite“ und des Silbernen Bären, der Errol Morris für „
Standard Operating Procedure“ zuteil wurde, einerseits etwas von verlegenem Stottern, anderseits den Effekt einer Sammelauszeichnung.
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| Beste Darstellerin: Sally Hawkins |
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Zwar unterscheidet sich die Darstellung des brutalen Konfliktes zwischen den brasilianischen Eliteeinheiten und den Drogenbaronen aus Schulterkameraperspektive im ersten Film formell von der Art und Weise, in der der Regisseur von „The Fog of War“ im zweiten genannten Werk die furchtbaren Bilder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis aus dem Jahr 2003 thematisiert. Aber in diesen beiden beängstigenden Filmen werden Vertreter der öffentlichen Ordnung, die zumeist aus der Mittelschicht stammen, dazu gebracht, keinerlei Skrupel mehr gegenüber Gewalt und Folter zu empfinden, so dass ihnen kaum mehr etwas Menschliches bleibt. Die zwei Werke zeigen insbesondere, wie ein Polizei- oder Militärkrieg die Menschen verformt und den sozialen Bruch in einer Nation immer tiefer werden lässt, ganz gleich, ob in Brasilien oder in Amerika. In Zeiten der Globalisierung wollte die Jury vielleicht zeigen, dass es möglich ist, dass die mächtigste Nation der Welt und das von Lula regierte Land sich auf gleicher Augenhöhe befinden.
Die Journalisten, die zu den glamourösesten und exklusivsten Vorführungen wollten (nämlich zu den Filmen von
Madonna und
Paul Thomas Anderson) mussten sowohl ihre von den Festivalorganisatoren vergebenen Freikarten als auch die entsprechende Presseakkreditierung vorzeigen. Das sollte sie davon abhalten, die Tickets gewinnbringend an andere Besucher und Fans weiterzuverkaufen. All die von solchen Tricksereien in Versuchung gebrachten und in prekären Verhältnissen lebenden Schreiber werden sicher hochsensibel auf den Film von José Padhila regieren, der das Schicksal von unterbezahlten Polizisten beschreibt, die zu Unaufrichtigkeit und Unrecht getrieben werden, um über die Runden zu kommen.
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| Alfred Bauer Preis: Lake Tahoe |
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Der mit zahlreichen Nominierungen (und auch schon einigen Preisen) versehene Film „
There Will Be Blood“ von Paul Thomas Anderson macht ein weiteres Dilemma deutlich: Wie soll man einen solchen Film auszeichnen, wenn der in Berlin verliehene Preis gegenüber den Oscars völlig unterzugehen droht, und wie kann er andererseits verdrängt werden, obwohl er sich doch weit vom Mittelfeld abhebt? Der amerikanische Regisseur, der bereits vor acht Jahren für „Magnolia“ mit einem Bären geehrt wurde, fährt nun mit zwei sehr beachtlichen „Nebenpreisen“ nach Hause. Die Kunst der Verrenkung macht’s möglich.
Die verbleibenden Preise, mit denen „
Lake Tahoe“ von Fernando Eimbcke, „
Zuo You“ („In Love We Trust“) von Wang Xiaoshuai und „
Avaze Gonjeshk-ha“ („The Song of Sparrow“) von Majid Majidi ausgezeichnet wurden, machen das Bemühen um das Herausfiltern einer gewissen künstlerischen Kohärenz (Autoren aller Länder, vereinigt euch!) in einem gelegentlich verwirrenden Wettbewerb deutlich. Ohne wirklich schlechte Filme zu sein, hatten doch einige Werke weder das nötige Format, noch waren sie ambitioniert genug für einen Wettbewerb dieses Ranges. In der Tat ist es manchmal schwer, Dieter Kosslick, genannt Dieter „Cosmic“, in seiner ganz eigenen Art zu folgen, mit der er die Grenzen verschiebt zwischen dem Filmmarkt, dem Wettbewerb, den Glamour-Filmen mit den für die mediale Wirkung notwendigen Leinwandstars und den „Trägermedien“ (wie „
Musta Jää – Black Ice“ des Finnen Petri Kotwica), die vor allem aufgrund des kommerziellen Erfolgs in ihren Ländern im Wettbewerb vertreten sind und wie die Musterstücke wirken, denen die gute Finanzsituation der nationalen und europäischen Filmindustrien zu verdanken ist. Das hat etwas von Infoständen auf einer internationalen Messe.
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| Beste Regie: There will be blood |
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Schließlich darf man sich sehr für die Britin Sally Hawkins freuen, die die Rolle der Lehrerin Poppy in „
Happy-Go-Lucky“ von Mike Leigh spielt und deren Lächeln die Stadt Berlin und einen wieder einmal von schwermütigen Werken beherrschten Wettbewerb zehn Tage lang mit übermütigem Schwung erleuchtet hat. Ihre Unbeschwertheit passt so gar nicht zu all der Gewalt, Melancholie und bitteren Wut in den anderen prämierten Filmen.
Julien Welter