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08/08/06

Porträt: Petros Markaris

"Eines schönen Tages, ich schrieb gerade ein Drehbuch für eine Fernsehserie, da tauchte vor meinem geistigen Auge ganz deutlich das Bild einer typischen, kleinbürgerlichen griechischen Durchschnittsfamilie auf. Meine erste Reaktion war: Zum Teufel mit ihnen! Denn egal ob in der Literatur, im Theater oder im Film, überall gibt es bereits haufenweise Geschichten über Kleinbürger. Was sollte ich darüber noch Neues schreiben? Vergiss es, dachte ich, lass die Finger davon... Aber es war eine Figur dabei, die war extrem stur, ja, richtig hartnäckig! Sie ließ mich nicht mehr los. Kaum fing ich an zu schreiben, saß mir der Mann auch schon gegenüber und starrte mich an. iese Folter ging so lange weiter, bis ich dachte: Wenn mich dieser Kerl so sehr quält, kann er nur Bulle oder Zahnarzt sein. Was sonst? Zahnärzte mögen ja ganz nett sein, aber als dramatische Figuren taugen sie definitiv nichts. Also musste es sich wohl eher um einen Bullen handeln. So entstand die Figur des Kostas Charitos. "
(Petros Markaris in der Dokumentation "Tod in der Agora")

Petros Markaris kommt 1937 in Istanbul zur Welt. Sein Vater ist Armenier, seine Mutter Griechin. Er besucht die österreichische Schule und beherrscht heute vier Sprachen. Ein Kosmopolit, der sich zum Weltbürgertum bekennt. Zunächst arbeitet er als Drehbuchautor (u.a. für Theo Angelopoulos). Außerdem ist er Theaterautor und Übersetzer. Er überträgt Brecht und Goethes „Faust“ ins Neugriechische. Erst spät, mit 57 Jahren, beginnt er seine Reihe um den Athener Kommissar Kostas Charitos, der sein Polizistenhandwerk unter den Obristen lernte, eine Xanthippe zur Ehefrau hat und mit bauernschlauer Beharrlichkeit seinen Weg in den Dschungeln von Korruption und Bürokratie findet. Charitos ist nicht nur der Inbegriff eines Kleinbürgers - zumindest sein Wörterbuch-Tick, den er mit seinem Erfinder gemeinsam hat, ist ungewöhnlich:

Charitos Marotte (Auszug aus "Tod in der Agora")

Der erste Markaris-Krimi „Hellas Channel“ erschien 1995. Er handelt von einer Mordserie vor dem Hintergrund dubioser Osteuropa-Geschäfte. Kommissar Kostas Charitos soll einen Mord an zwei Albanern aufklären, bei dem zunächst alles auf eine private Abrechnung hindeutet – bis eine Nachrichtenmoderatorin kurz vor ihrem nächsten Fernsehauftritt ermordet wird. Bei seinen Ermittlungen stößt Charitos auf die Welt des Kinder- und Organhandels, in der Ex-Kommunisten, getrieben von der Aussicht auf schnellen Profit, nicht vor dem Verrat ihrer einstigen Ideale zurückschrecken, um Kapital aus der Not ihrer Mitmenschen zu schlagen. Kommissar Charitos gerät in ein zwielichtiges Milieu und in einen Fall mit zahllosen Spuren und Verwicklungen.

Das Nachtleben bildet den Rahmen für Markaris’ zweiten Roman: „Nachtfalter“, erschienen 1998. Finstere Gestalten gehen am helllichten Tage ihren dunklen Geschäften nach, offenbar ohne jede Angst aufzufliegen. Die Handlung spielt zwischen 1985 und 1996 und zeichnet eine Ära des Populismus nach, die durch die Verteilung von EU-Mitteln charakterisiert wurde und zur Bildung einer neuen Mittelschicht führte. Stets im Hintergrund präsent: das griechische Nachtleben. Selfmademan Dinos Koustas, Regent über ein kleines Nachtclub-Imperium, wird aus nächster Nähe erschossen. Bei den Ermittlungen in Koustas’ Familie rührt Kommissar Charitos an ein Spinnennetz: Die Welt der Restaurants und Nachtbars, zwielichtige Geschäfte und Schiebereien, Geldwäsche und manipulierte Beliebtheitswerte von Politikern – alles ist eng miteinander verwoben. Vergebens sucht der Kommissar die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Eine schwierige Partie für Charitos, doch noch hat der alte Macho nicht sein letztes Wort gesprochen...

Markaris’ dritter Roman trägt den Titel „Live“: Der live im Fernsehen übertragene Selbstmord dreier hochrangiger Persönlichkeiten löst in den Medien einen beispiellosen Aufruhr aus und erweckt den Argwohn von Kommissar Charitos. Alle drei Toten gehören zur neuen Manager-Generation und waren unter jenen Studenten des Polytechnikums, die zum Sturz der Militärjunta beigetragen hatten. Einst von Idealen sozialer Revolte und Gerechtigkeit beseelt sind sie inzwischen zur „Kaviar-Linken“ mutiert. Charitos beginnt halboffizielle Ermittlungen in der Polit- und Wirtschaftsszene Athens – einer Stadt, die kurz vor den Olympischen Spielen einer einzigen Großbaustelle gleicht.

Der Grieche Petros Markaris gehört zu jener neuen Generation europäischer Autoren, die den Kriminalroman gezielt einsetzen, um die Gesellschafts kritisch zu beleuchten. Unter den Vorzeichen von Globalisierung und Immigration hat sich das Wesen des Verbrechens geändert - auch in Athen. Die wirklichen Drahtzieher bleiben unsichtbar.

Petros Markaris (Auszug aus "Tod in der Agora")


Text von Angelos Abazoglou, Autor der Dokumentation "Tod in der Agora" am 4.8.2006 auf ARTE

Erstellt: 28-07-06
Letzte Änderung: 08-08-06