In der Web-Galaxis ist stilinberlin.com mit 70 000 Visits pro Monat ein viel besuchter Blog, dessen Street-Style-Fotos den Ton der Berliner Mode angeben.
Die 26-jährige Style-Hunterin Mary Sherpe wurde in den 80er-Jahren östlich der Mauer geboren. Die 1,80 große brünette Studentin der Kunstgeschichte ist nie ohne ihren Mac, ihren Fotoapparat und ihre Doc Martens unterwegs. Ihre wahre Leidenschaft sind Modefotos. Seit 2006 stellt sie in ihrem Blog stilinberlin.com Bilder gestylter „Zufallsbegegnungen“ aus – Eintagsmodels, die sie auf dem Berliner Pflaster getroffen hat und deren Konterfei sie mit Angabe von Ort, Vor- und Zunamen, Alter und Beruf sowie Hinweisen zu ihrer Kleidung ins Netz stellt. Das alles selbstverständlich auf Englisch. Am 8. März 2009 hat sie die 15-jährige Schülerin und DJane Anna aus Kopenhagen in der Neuen Schönhauser Straße verewigt. Unter dem Foto der cool und etwas grimmig dreinblickenden Anna stehen die lakonischen Angaben: „
Henrik Vibskov jacket, Wilford tights, vintage scarf and shoes.“
Laut Mary sind die meisten Wahlberliner Kreative, für die Kleidung ein Ausdrucksmittel ist. Die meisten sind, so Mary, starke Persönlichkeiten, die sehr auf ihren Look achten, und sie sind so selbstbewusst, dass sie sich meist gern fotografieren lassen. Marys Jagdgründe liegen auf den Straßen von Berlin Mitte im ehemaligen Ostberlin, heute Hochburg von Designern und Galerien. Hier haben sich inzwischen viele Yuppies niedergelassen, und das Viertel wird zunehmend teuer und schick. Mary ist kein Winkel rund um die U-Bahn-Stationen Weinmeisterstraße, Torstraße und Mulackstraße fremd – sie kennt das Viertel wie ihre Westentasche, seitdem sie sie nach mehreren Umzügen innerhalb von Berlin hier niedergelassen hat. In Mitte schlägt das Herz der Stadt, sagt Mary. Fast alle kennen sich hier, ein Kiez mitten in der riesigen, eher kalten Stadt.
Die Urberlinerin Mary findet ihre Heimatstadt schnell, locker und inspirierend. Es vergeht kaum ein Tag, an dem hier nicht eines neues Konzeptcafé, -restaurant oder eine Trendboutique aufmachen. Die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren gut, und die Mieten und das Leben in Berlin sind preiswert. Ganz zu schweigen vom kulturellen Angebot. Als Markenzeichen der Berliner nennt Mary die „
Cosyness“, also die Zwanglosigkeit der Kleidung. Offenheit und Toleranz der Berliner drücken sich im Look aus: Zwischen minimalistischem Schick und Punk-Attitüde der 80er findet jeder seinen eigenen Stil, niemand schreibt irgendetwas vor. Selten sieht man hohe Absätze, schon aufgrund der Schlaglöcher und der kaputten Bürgersteige wäre dies schwierig. Die Berliner tragen vor allem flache, bequeme, meist schwarze Schuhe. „
Jede Stadt hat“, so Mary, „
ihr eigenes Licht. Paris ist rosa und New York eher gelblich. In Berlin herrscht grau vor.“
Bei ihrer Bilderjagd fängt Mary vor allem skandinavische Passanten ein. Viele Schweden, wie sie sagt. Sie kommen nach Berlin, um billige Klamotten zu kaufen. Die meisten arbeiten in der Modebranche. Dabei sind Sachen von H&M genauso gefragt wie Designerstücke oder Vintage-Artikel vom Flohmarkt. Mary versichert, Trends seien ihr völlig egal. Was sie nicht daran hindert, in jeder Saison brav an der Berliner Fashion Week teilzunehmen. Außerdem ist sie Mitarbeiterin der deutschen Ausgabe von Glamour. Sie ist weder prinzipientreu noch objektiv, hat aber einen scharfen Sinn fürs Detail: „
Bei einer guten Einstellung kann jeder topp angezogen wirken.“
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