Wer Shanghai vom Ende der 80er Jahre kennt und heute in die Stadt zurückkehrt, wird von der wirklich spektakulären Entwicklung beeindruckt sein. In diesen zehn Jahren ist aus der horizontal angelegten Stadt, aus der nur einige wenige hohe Gebäude vor allem am Bund oder in der Nankin-Straße ragten, eine Skyline geworden, in der sich Hochhaus an Hochhaus reiht, die, mehrere zusammen stehend, in immer größerer Zahl und Höhe in den Himmel schießen.Besonders betroffen ist das Stadtviertel Pudong, das dem Bund am Ostufer des Huangpu gegenüber liegt. Wer oft nach Shanghai reist, ist vor allem von der Geschwindigkeit beeindruckt, mit der hier abgerissen und neu gebaut wird: Innerhalb weniger Monate kann sich ein Stadtviertel völlig verändern, und das nicht nur durch den Abriss und den Neubau von Gebäuden, sondern vor allem durch die Autobahn, die ohne Weiteres in die Stadt eindringt und sich auf mehreren Ebenen mit ihren beeindruckenden Autobahnkreuzen über die bestehenden Verkehrswege spannt, ohne Rücksicht auf die Anwohner zu nehmen, die sich in ihren Wohnungen eines Tages plötzlich neben einer Autobahn wieder finden, während am Boden das Leben in Schatten gehüllt wird.
Paris hatte nach lebhaften Debatten der Versuchung des Baus derartiger Denkmäler zum Ruhme des Automobils widerstanden; Los Angeles baute eine Vielzahl derartiger Schnellstraßen, doch sie dienen der Anbindung der relativ verstreuten Stadtteile; in Shanghai dagegen zögerte man nicht, mit den Autobahnen bis ins Herz der Stadt vorzudringen.Das verleiht Shanghai by night zwar den Charakter eines riesigen Jahrmarktsfestes, wo man aus dem rasenden Abteil einer Achterbahn inmitten von tausendundeinem Lampion die Stadt besichtigen kann, doch es besteht natürlich kein Zweifel, dass die Lebensqualität der Einwohner irgendwie vergessen wurde, als es darum ging, die entsprechenden Beschlüsse zu fassen. Wenn man die Stadt tagsüber auf ihren Autobahnen überfliegt, kann man sich schnell einen Eindruck von den Gegensätzen und paradoxerweise sogar von der Privatsphäre der Menschen verschaffen, denn der Blick dringt mitunter bis ins Innerste der Inseln vor. So entdeckt man unterschiedlich geartete Teile dieses Stadtgefüges, z. B. Illong, eine populäre Wohnsiedlung mit engen Straßen, die zwischen den dicht aneinandergebauten Wohnhäusern hindurchführen.
Gleichzeitig fragt man sich zu Recht, ob wohl bei einem nächsten Tiefflug dieser Art ein solches Stadtgefüge überhaupt noch existieren wird. Shanghai ist eine permanente Baustelle, die Stadt saugt alles Moderne förmlich in sich auf. Und während die in Abgasen erstickenden westlichen Metropolen ihre alten Stadtviertel aufwändig sanieren und vom Fahrrad träumen, ohne wirklich daran zu glauben, gilt in China das Auto als Symbol für Wohlstand, nach dem es zu streben gilt. In Pudong will Shanghai sogar einen Weltrekord schlagen: Hier soll der höchste Wolkenkratzer der Welt entstehen.
Gwenaël Querrien
In « Shanghai, Collection Portrait de Ville », Archiscopie n°9, 2000
Institut Français d’Architecture






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