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Yasujirô Ozu

Ozus Filme erzählen die lange Auflösung der japanischen Familie und damit auch die Auflösung einer nationalen Identität. Doch sie täten das, ohne den (...)

Yasujirô Ozu

12/11/03

Porträt

Yasujiro Ozus Kindheit

„Ozus Eltern gehörten dem verarmenden Kleinbürgertum an. Sein Vater war ein - häufig abwesender - Kaufmann, der mit Düngemitteln handelte. Yasujiro und seine beiden Brüder wurden auf dem Land von der Mutter großgezogen; sie waren verwöhnte Gören, ähnlich den Kindern in seinen Filmen Ich wurde geboren, aber... oder Guten Tag aus dem Jahr 1959."

Schulzeit und Studium

„1920 flog er von dem Internat, das er in der Sekundarstufe besuchte, nachdem er ein Ungenügend in Betragen bekommen hatte - eine für die damalige Zeit außergewöhnliche und beschämende Strafe, die aus mehreren Gründen gegen ihn verhängt worden war: Er trank regelmäßig, war streitsüchtig, sammelte Fotos von ‚Miss Otome Amatsu’, der ‚Primadonna’ der ausschließlich mit Frauen besetzten Takarazuka-Oper, und vor allem schrieb er einem seiner Mitschüler einen „sehr gefühlsbetonten und indiskreten" Brief. (…) Sein weiterer schulischer Werdegang konnte nicht wirklich als Versagen bezeichnet werde, da er nie versuchte, einen Abschluss zu machen. Er verbrachte seine Zeit im Kino und sah jede Menge amerikanischer Filme, für die er eine Leidenschaft entwickelt, die ihn nie wieder losließ. (…) Bei der Aufnahmeprüfung für die Hohe Handelsschule in Kobe fiel der durch - was kein Wunder war, denn er verbrachte den Prüfungstag im Kino und sah Der Gefangene von Zenda. Nur das Kino, moderne Literatur, Alkohol und Spaß machten in seinen Augen das Leben lebenswert."

Der Beginn seiner Laufbahn

„Alles begann, als ihn ein Onkel mit Teihiro Tsutsumi, dem Geschäftsführer der Shochiku, bekannt machte. Ozu kannte zwar das amerikanische Kino, hatte bis zu diesem Zeitpunkt aber insgesamt nur drei japanische Filme gesehen, die ihn nicht beeindruckt hatten. Er wurde als Kameraassistent engagiert. (…) Fünf Monate später stellte die Shochiku einen anderen jungen Mann, Kogo Noda, ein; Ozu arbeitete mit ihm an praktisch allen seinen Drehbüchern. Man redete ihm zu, sich selbst an der Regie zu versuchen, aber er lehnte die in seinen Augen lästige Verantwortung ab: „Als Kameraassistent konnte ich trinken, soviel ich wollte und den lieben langen Tag quatschen. Als Regisseur hätte ich die ganze Nacht aufbleiben müssen, um am Drehbuch zu arbeiten." (…)1926 beantragte er jedoch die Ernennung zum Regieassistenten - der Bitte wurde umgehend stattgegeben. Zur Überraschung aller wollte er mit Tadamoto Okubo arbeiten, dem als altmodisch verschrienen Regisseur von Slapstick-Komödien mit handlungsschwachen Drehbüchern, zusammengesetzt aus einer Abfolge unglaubwürdiger Gags voller Streiche und schlüpfriger Witzchen."

Sein erster Film
„Es war im Jahr 1926. Ozu stand schon seit einer geraumen Weile in der Cafeteria des Filmstudios Schlange und wartete darauf, bedient zu werden. Da beobachtet er, wie der Kellner den gerade erst angekommenen Studio-Bossen ihr Essen serviert. Ozu wurde wütend, brach einen Streit vom Zaun und zerkratzte dem Kellner das Gesicht. Vor die Geschäftsleitung zitiert, brachte er sein Plädoyer in eigener Sache so überzeugend vor, dass diese ihn noch vor Verlassen des Büros zum Regisseur beförderte: Man hatte ihn soeben mit der Regieführung bei seinem ersten abendfüllenden Spielfilm betraut. Ozu schlug Kogo Noda vor, ein Drehbuch in Anlehnung an den Film Kick-in von Georges Fitzmaurice zu schreiben."

Seine Mitarbeiter
„Zwischen 1927 und 1930 vertiefte sich seine Beziehung zu Kogo Noda und dem Kameramann Hideo Mohara. Die Umstellung auf den Tonfilm ließ Ozu ungerührt; er drehte weiterhin Stummfilme und gab Mohara und seinem Assistenten Yuharu Atsuta das Versprechen, erst dann Tonfilme zu drehen, wenn die beiden Zeit und Gelegenheit hatten, die neue Technik zu erlernen. Denen, die sich wunderten, dass er die Umstellung auf den Tonfilm wegen eines Versprechens an seine Techniker auf später verschob, antwortete Ozu kühl: ‚Wenn ich ein solches Versprechen nicht halten kann, dann sollte ich besser die Finger von der Regie lassen....’ (…) Seinen ersten Tonfilm, Der einzige Sohn, drehte er schließlich 1936. Tonregisseur war Hideo Mohara, Ex-Kameramann…"

Der Krieg
„Von 1939 bis 1945 drehte Ozu nur zwei Filme; er weigert sich, militaristische und patriotische Schinken zu drehen, wie es von ihm erwartet wurde. (…) Seine Filme waren nicht propagandistisch genug und wurden kritisiert. Ozu verteidigte sich und setzt sich für die Freiheit von Filmemachern im Allgemeinen und die Kurosawas im Besonderen ein; letzterer bekam wegen seines Films Die Legende vom großen Judo Schwierigkeiten mit der Militärjunta (…).Yasujiro wurde nach Singapur geschickt und nutzte die Gelegenheit, um dort die Filme des von ihm besonders bewunderten John Ford zu sehen, außerdem ??Le grand passage, Fantasia, Vom Winde verweht und vor allem Citizen Kane, den er sich, beifällig nickend, mehrmals hintereinander ansah. Orson Welles’ Meisterwerk zitierte er seither als seinen liebsten ausländischen Film. 1945 wurde als Kriegsgefangener in ein britisches Lager in der Nähe von Singapur interniert. Erst im Februar 1946 kehrte er nach Japan zurück. (…) Seine neuen Filme wiesen im Vergleich zu seinen Vorkriegsfilmen kaum Veränderungen auf."


Sein Werk
„Später Frühling aus dem Jahr 1949 gilt als der Film, der die Stilrichtung aller weiterer Filme vorgab, die Ozu bis zu seinem Tod drehte. Natürlich ist diese Kategorisierung etwas schematisch, denn Ozu wurde mit den Jahren reifer und gelassener, er vereinfachte seinen Stil bis zur völligen Schmucklosigkeit, Bild und Wort standen in perfektem Einklang zueinander. Von 1949 bis 1963 (…) drehte er dreizehn Filme, die von seinem genialen Gespür für Nuancen und der unglaublichen Sicherheit seines Erzählrhythmus zeugten... (…).“

Auszüge aus der von Jean Pierre Jackson verfassten Biographie über Yasujiro Ozu [unautorisierte Übersetzung] (Hrsg.: Alive, 1993.)

Jean Pierre Jackson gilt in Frankreich als einer der großen Kenner des japanischen Films. Schon oft schrieb er über Ozu und war an Veranstaltungen beteiligt, die dem Künstler gewidmet waren. Seine Firma Alive hat in Frankreich den Verleih der Filme Yasujiro Ozus und vieler anderer japanischer Filmemacher übernommen. Für die DVD-Sammelbox, die von ??Arte Vidéo/??ARTE Edition herausgegeben wird, realisierte er eine 52-minütige Dokumentation mit dem Titel ?? Ozu éternel contemporain. So ist es völlig natürlich, dass er auch anlässlich des hundertjährigen Geburtstages des Filmemachers zu Wort kommt.

Sein Werk

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 12-11-03