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01/09/08

Porträt

Almodóvars gesamtes Filmwerk ist von Frauen bevölkert. Ob zerbrechlich oder stark - sie sind allmächtig und werden von wunderbaren Schauspielerinnen verkörpert: Carmen Maura, Victoria Abril, Marisa Paredes, Penelope Cruz ... Liegt das vielleicht daran, dass Frauen ausdrucksstärker sind als Männer?

„An die Schauspielerinnen, die Schauspielerinnen gespielt haben. An die Frauen, die in die Männerrolle schlüpfen. An alle Frauen, die Mütter sein wollen."
(Widmung von Pedro Almodóvar am Ende seines Films Alles über meine Mutter)

Kurze Zeit nach der Franco-Diktatur entstand im Spanien der 80er-Jahre eine große moralisch-kulturelle Emanzipationsbewegung, die Movida. Mit ihrer schrill-bunten Welt setzte sie sich in bewussten Kontrast zur Vergangenheit. Ihre Galionsfigur Pedro Almodóvar revolutionierte damals den spanischen Film, griff auf das klassische Melodram zurück und spielte den Provokateur. Die neu gewonnene Freiheit kam vielfältig zum Ausdruck: Das vorher Verbotene wurde gedacht, endlich ausgesprochen und gezeigt. Alle Verbote wurden über Bord geworfen, insbesondere das Verbot, sich in der Öffentlichkeit - und auf dem Bildschirm - zu küssen. Almodóvar zeigte Spanien eine neue und untypische Frau, z. B. Luci, die sich in "Pepi, Luci, Bom y otras chicas del motón" für Erektionswettbewerbe begeistert, Sexilia, die Nymphomanin in "Laborinto de pasiones", die Ordensschwester, die in "Das Kloster zum heiligen Wahnsinn" (In der Finsternis) unter Pseudonym pornographische Romane schreibt, und Gloria, die Familienmutter, die in "Womit habe ich das verdient?" Aufputschmittel nimmt.


Ein einziges Vorbild

Zwar ändert sich Almodóvars Welt in den 90er-Jahren nicht, aber seine Figuren werden gelassener, der Ton ist verhaltener und sein Humor feiner. Von den „Frauen am Rande der Nervenkrise" bis zu denen im Koma in "Sprich mit ihr" ist das Bild ruhiger und der Stil nüchterner geworden. Doch Almodóvar setzt seine Erkundung der zwischenmenschlichen Beziehungen fort, und die Frau steht weiterhin im Mittelpunkt der Handlung. Sie ist vor allem Mutter, diejenige, die das Leben schenkt. Während der Vater meist überhaupt nicht (oder als Transvestit) auftritt, ist das Bild der Mutter in allen Filmen Almodóvars gegenwärtig. Charakterlich erscheint sie in den verschiedensten Ausprägungen: aufdringlich oder fanatisch (Matador), abwesend und vergöttert (High Heels), tot (Kika), liebend und tröstend (Alles über meine Mutter) oder schwanger (Sprich mit ihr). Ob seine Mutterfiguren grausam, egoistisch oder sanft sind, Almodóvar gesteht, dass er sie alle nach dem Vorbild seiner Mutter gestaltet hat, die übrigens manchmal in seinen Filmen auftritt (z.B. als Interviewerin in "Kika"). Aber offenbar führt uns der Regisseur auch an der Nase herum: Der einzige Film, der vorgibt, „alles" über seine Mutter zu sagen, verrät ganz und gar nichts über sie.


Die Fähigkeit, Gefühle zu zeigen

Für Almodóvar sind „Krisen viel interessanter zu erzählen, wenn es sich um nicht mehr ganz junge Frauen handelt. Sie haben dann eine viel intensivere Art, an das Leben heranzugehen." Almodóvars Frauengestalten sind reife Persönlichkeiten. Selbst die Kindfrau in "High Heels", Rebeca, hat bereits ausgeprägte Charaktereigenschaften. Sie versuchen auch, die traditionell „weiblichen" Eigenschaften anzunehmen: die Fähigkeit zu weinen oder diejenige, „weder vor der Eigenliebe noch vor der Lächerlichkeit Angst zu haben" (Almodóvar). Bei Almodóvar ahmt der Mann die Frau nach. Oft ist er „unmännlich", alles andere als stark und leidet darunter, dass er Frauen nicht befriedigen kann (z.B. der Ausgebrochene in "Kika" und Benigno in "Sprich mit ihr"). Die Frau frustriert den Mann, und er beurteilt sie. Sie wiederum verteidigt und behauptet sich in ihrer Wesensart. Dieses Muster gilt mit einer einzigen Ausnahme: Antonio Banderas. Er ist bis jetzt die einzige männliche Figur, die sich in Almodóvars weiblicher Welt durchgesetzt hat.

Louise Cueno

Erstellt: 29-08-07
Letzte Änderung: 01-09-08