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29/03/07

Portrait des Cellisten Mstislaw Rostropowitsch

von Teresa Pieschacón Raphael


Aus Anlass des 80. Geburtstages zeigt ARTE eine aktuelle Dokumentation über den russischen Jahrhundert-Cellisten.


Universidad Nacional, Bogotá, Kolumbien. Mitte der siebziger Jahre, an einem Sonntag um elf Uhr morgens: Zu Tausenden sind sie gekommen mit Pamphleten und Spottgedichten. „Nieder mit der Regierung!“ skandiert die Masse, während der Campus langsam umstellt wird von Militärpolizisten mit entsicherten Waffen. Und auch im berstend vollem Auditorium der Universität brodelt es gewaltig, mal wird diskutiert, mal randaliert, die Luft scheint zum Zerreißen gespannt. Plötzlich schwingt sich ein kleiner wendiger Mann mit einem Cello auf die Bühne. Noch scheint ihn keiner wirklich wahrzunehmen. Dann aber tönt und bebt und hallt es durch den ganzen Raum. Jetzt hat Johann Sebastian Bach das Wort ergriffen. Und alles rundherum verstummt. Ein Augenblick, der sich ins Gedächtnis brennt, den ich, damals fünfzehn, nie vergessen werde.

Kein gewöhnliches Konzert im Leben des Mstislaw Rostropowitsch war dies, aber gewiss auch nicht das erste dieser Art. Nur wenige Jahre zuvor, im Februar 1971, hatte er wohl den gefährlichsten Auftritt seines Lebens riskiert. Demonstrativ war er im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums aufgetreten, wusste doch jeder im Saal, dass er in einem Offenen Brief die Regierung kritisiert hatte und den Regimekritiker und Nobelpreisträger Alexander Solschenyzin in seiner Datscha nahe Moskau beherbergte.

Das russische Imperium schlug zurück. Auslandsengagements wurden abgesagt, Plattenproduktionen unterbrochen, die Auftritte seiner Frau, Galina Wischnewskaya, einer Staropernsängerin, reduziert. Und auch in der Provinz sorgten Kulturfunktionäre dafür, dass Rostropowitsch nur noch vor halbleeren Sälen stand. Kaum einer mehr wollte von dem phantasievollen Virtuosen wissen, der seinem Instrument unerhörte Töne zu entlocken vermochte und über ungeahnte technische Möglichkeiten verfügte. Er, dem einst Prokofiew sein Zweites Cellokonzert und Schostakowitsch ganze zwei Cellokonzerte gewidmet hatte, war nun persona nongrata im eigenen Land.
Es war Leonard Bernstein, der über den Senator Edward Kennedy dem geächteten Künstler zu einem Ausreisevisum verhalf. Ende April 1974 verließ Rostropowitsch seine Heimat. „Sie haben mich“, erinnert er sich, „wie einen Hund herausgeworfen.“
Wie ein König nimmt ihn allerdings der Westen auf, verleiht ihm eine Auszeichnung nach der anderen, Komponisten widmen ihm ihre Werke. Kein Interpret der Gegenwart hat soviel Neue Musik für sein Instrument inspiriert wie Rostropowitsch; bisher sind über siebzig Werke notiert, allein über vierzig konzertante Werke hat er uraufgeführt.
Er reist um die Welt, gibt Solidaritäts- und Benefizkonzerte, manchmal auch zur Rettung afrikanischer Elefanten. Er dirigiert und engagiert sich für den Schutz der Menschenrechte. Er wird zum Symbol für Zivilcourage und heroischen Antikommunismus und so auch zum Superstar auf dem gesellschaftlichen Parkett. Slawa nennen seine Freunde ihn, zu denen bereits Verstorbene wie Charlie Chaplin, Axel Springer und Willy Brandt ebenso zählen, wie der Prince of Wales und mancher Ölmilliardär.
Seine Gesinnung hat Rostropowitsch gerne an die große Friedensglocke gehängt und medial vermarktet. Mal im Weißen Haus, mal vor dem Papst in Rom und 1989 in Berlin vor der Mauer am Checkpoint Charlie. Nicht jeder teilt die Begeisterung für diesen Tausendsassa, der offenbar seine Kunst, seine Abenteuerlust und sein Showtalent aufs Einträglichste in Einklang zu bringen vermag, denn Rostropowitschs Einkünfte wurden bald so sagenhaft wie seine Kunst auf dem Cello. Als er 1990 ein Comeback in seine Heimat wagt, da war er schon längst nicht mehr der kleine „Slawa aus Baku (Aserbaidschan)“, der von den Eltern das Musizieren gelernt hatte. „Wot Slawa“, der „große Slawa ist wieder da!“ titeln die Zeitungen und jubeln ihm zu wie einem Nationalhelden. Ganz Moskau ist da. Bei seinem Konzert im Moskauer Konservatoirum teilt sich erste Dame der UDSSR Raissa Gorbatschova die Loge mit der Königin von Spanien, und auch der französische Kultuminister ist da. Rostropowitsch bedankt sich mit unvergleichlicher Meisterschaft auf dem Cello und einer Million - angeblich selbstgekaufter - leerer Einwegspritzen, die er im Kampf gegen Aids
verteilen lässt.

Zum 60. Geburtstag schickte ihm die Regierung von Singapur 1000 Orchideen und die ersten Exemplare einer neu gezüchteten „Slawa-Rose“. Zu seinem 80. Geburtstag, den er im März 2007 feiert, wirft ARTE einen Blick auf ein spannendes Leben zwischen Konzertsaal und Weltpolitik .

© 2007 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 29-03-07
Letzte Änderung: 29-03-07