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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Primo Levi (Italien)

berichtet seit 1947 über die Judenvernichtung in Europa


Primo Levi (1919 geboren in Turin, 1987 dort gestorben) war einer der ersten, der wie auch Elie Wiesel, Bruno Bettelheim, David Rousset, und Robert Antelme über die Konzentrationslager der Nazis berichtete. Der militante Antifaschist, der sich selbst als "italienischen Bürger jüdischer Herkunft" bezeichnet, wird 1943 im Alter von 24 Jahren festgenommen und nach Auschwitz deportiert, wo er im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wird. Seine Schilderung, die er nach seiner Rückkehr in die Heimat verfasst, wird 1947 in 2500 Exemplaren von einem kleinen Verlag veröffentlicht, der bald darauf schließt. Erst 1958 wird das Buch vom Verlag Einaudi mit Erfolg neu aufgelegt und daraufhin in sechs Sprachen übersetzt.
Levi, der eine Ausbildung als Chemiker absolviert hatte, beschreibt das Unaussprechliche mit kühler Präzision; er selbst bezeichnet seinen Stil als "gefiltert" oder "purgiert". Für ihn ist die planmäßige Massenvernichtung im Lager etwas, das "diesseits von Gut und Böse" angesiedelt ist.

Viele von uns, Einzelne oder Völker, unterliegen dieser bewussten oder unbewussten Vorstellung ‚Jeder Fremde ist ein Feind’. Zumeist schlummert diese Überzeugung in den Köpfen wie eine latente Infektion; sie manifestiert sich nur in vereinzelten, nicht miteinander zusammenhängenden Handlungen und bildet kein System. Doch wenn es dazu kommt, wenn das unausgesprochene Dogma in den Rang einer wichtigen Prämisse eines Syllogismus erhoben wird, dann steht am Ende des logischen Prozesses das Lager; das heißt, das Ergebnis einer mit rigoroser Kohärenz bis zu ihren äußersten Folgen getriebenen Weltsicht; so lange es diese Sicht gibt, bedrohen uns diese Konsequenzen. Möge die Geschichte der Vernichtungslager uns allen wie ein Unheil verkündenden Alarmsignal klingen.“
Einleitendes Gedicht, welches dem ersten Kapitel vorangestellt ist.
Ist das ein Mensch?

Ihr, die ihr gesichert lebet
In behaglicher Wohnung;
Ihr, die ihr abends beim Heimkehren
Warme Speise findet und vertraute Gesichter:
Denket, ob dies ein Mann sei,
Der schuftet im Schlamm,
Der Frieden nicht kennt,
Der kämpft um ein halbes Brot,
Der stirbt auf ein Ja oder Nein.
Denket, ob dies eine Frau sei,
Die kein Haar mehr hat und keinen Namen,
Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat,
Leer die Augen und kalt ihr Schoß
Wie im Winter die Kröte.
Denket, daß solches gewesen.
Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht;
Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
Krankheit soll euch niederringen,
Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.


Primo Levi
Ist das ein Mensch?
Ein  autobiographischer Bericht
Aus dem Italienischen von Heinz Riedt
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2003, München

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08