Im Gespräch - 11/09/07
Prof. Jan Schütte
Leiter der deutsch-französischen Masterclass an der Filmakademie Ludwigsbug
ARTE zeigt am Samstag, 30. April 2005, um 0.20 Uhr neun Kurzfilme von Absolventen der Masterclass unter dem Thema "Weihnachtsessen"
Die Interviews von A-Z
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Herr Prof. Schütte, sie betreuen die Studenten der deutsch-französischen Filmakademie in Ludwigsburg in der Masterclass. Können sie kurz beschreiben, wie das Masterclass-Programm zustande kam und was da eigentlich gemacht wird.
In der Masterclass studieren 18 Studenten, 6 Deutsche, 6 Franzosen und 6 aus anderen europäischen Ländern, gemeinsam die deutschen und französischen Filmförderungsstrukturen, die Produktionsformen und wie ein Film hergestellt wird. Sie vergleichen dabei die Strukturen in den beiden Länder, die ja sehr verschieden arbeiten. Wir glauben, dass sie sich danach auch jedes andere System schnell aneignen können, und wir versuchen, daraus ein Netzwerk von jungen Produzenten aufzubauen.
Der letzte Masterclass-Kurs hatte das Thema „Weihnachtsessen“. ARTE zeigt am 30. April neun Kurzfilme, die zu diesem Thema von den Teilnehmern gedreht wurden. Wie sieht die Betreuung in der Praxis aus - von der Idee bis zum fertigen Film? Welche Vorgaben gibt es zum Beispiel?
Wir drehen mit den Studenten diesen Abschlussfilm und zwar in Zweier-Teams, damit sie auch gleich koproduzieren lernen. Sie müssen einen unterschiedlichen Pass und verschiedene Muttersprachen haben: Ein Pole produziert zum Beispiel mit einem Deutschen, eine Italienerin produziert mit einem Franzosen. Es entstehen vier bis fünf Filme in Frankreich an der Pariser „La Fémis“ und vier bis fünf in Ludwigsburg in Zusammenarbeit mit der Filmakademie. Wir suchen immer ein bestimmtes Thema aus. Dieses Jahr haben wir gesagt, dass ein „Weihnachtsessen“ und ein „Stromausfall“ darin vorkommen müssen, um einen gemeinsamen Rahmen zu haben, denn es ist viel spannender, Filme anzuschauen, die in irgend einer Form eine Verbindung haben. Sie werden sehen, dass die Themen völlig verschieden behandelt werden - von einem historischen Spielfilm über eine Komödie bis hin zum Zeichentrickfilm. Es gibt ganz verschiedene Arten damit umzugehen. Es ist eine Art Nagel in der Wand, an dem man sich festhalten kann. Damit werden die Filme viel lebendiger, als wenn es kein Thema geben würde. Die einzige andere Vorgabe ist, dass die Filme achteinhalb Minuten lang sein müssen.
Gibt es Vorgaben zur Technik: Filmmaterial oder digital?
Nein. Die Studenten drehen sowohl auf 16 mm als auch auf digitalem Material und wie gesagt auch als Zeichentrick. Das ist eigentlich eine Ausnahme. Es war ein Unikat, das mit dem hervorragenden Animationsinstitut in Ludwigsburg ein Zeichentrickfilm gemacht wurde.
Sie sind selbst ein arrivierter Filmemacher, zuletzt mit „Supertex“ in den Kinos und davor mit dem hochgelobten Brechtfilm „Abschied“. Wenn man Filmstudenten betreut, wird man da an die eigenen Anfänge erinnert, oder ist heute durch die technischen Veränderungen alles ganz anders?
Es ist alles anders und doch irgendwie gleich. Ich habe Literatur und Philosophie studiert und bin auf ganz anderen Wegen zum Film gekommen, indem ich kleine Dokumentarfilme gedreht habe. Ich glaube, dass es heute viel schwieriger ist, in den Markt einzusteigen, der viel geschlossener und viel umkämpfter ist. Gleichzeitig gibt es mehr Filmschulen und Filmhochschulen, an denen Film gelehrt wird. Es gibt natürlich auch viel mehr Filmstudenten. Was wir erreichen wollen, ist das, was vor 20 Jahren noch sehr stark war. Es gab ganz viele Koproduktionen und eine große Neugier auf die Filme anderer Länder. Das ist aus irgend welchen Gründen ein bisschen eingeschlafen und wesentlich weniger geworden. Wir hoffen, dass wir damit Produzenten ausbilden, die koproduzieren können, die zusammen mit Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen, Koproduktion und Filme machen können, die in allen europäischen Ländern Interesse finden. Die Studenten haben schon einen eigenen Verein gegründet, in dem die ehemaligen Masterclass-Absolventen drin sind. Daraus bildet sich ein Netzwerk, das heißt, wenn jemand aus Italien kommt und in Spanien einen Koproduzenten sucht, dann kann der einen früheren Masterclass-Teilnehmer anrufen und sagen: „Wen kennst du? Hast du dazu Lust? Kannst du mir helfen?“. Das ist unsere Idee, dass so ein sehr intimes, starkes Netzwerk entsteht, innerhalb Europas.
Es handelt sich bei der Masterclass um ein Deutsch-Französisches Gemeinschaftsprojekt. Gibt es unter den internationalen Teilnehmern ganz unterschiedliche Herangehensweisen an so ein Filmprojekt? Profitieren sie von ihren unterschiedlichen Sichtweisen?
Es ist sehr verschieden und sehr spannend, natürlich auch sehr anstrengend für die Studenten. In der „La Fémis“ zum Beispiel ist der Regisseur die höchste Instanz. Man guckt sehr stark auf das Kino und fast gar nicht auf das Fernsehen. Die Filmakademie Luwigsburg, deren Erfolgsgeheimnis auch ist, dass sie sich näher am Markt orientiert und das Fernsehen stark mit einbezieht, ist sehr viel pragmatischer. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Da entstehen sehr spannende Reibungen und ein neugieriges Hinschauen, wie die anderen das wohl machen.
Die aktuelle Masterclass läuft seit einigen Monaten. Was gibt es diesmal für ein Thema?
Wir haben diesmal kein strenges Thema gewählt, sondern etwas anderes gemacht. Wir werden Filme nach den gleichen Drehbüchern auf beiden Seiten verfilmen lassen. Es gibt ein Motto „Ich habe meinen Schlüssel verloren.“. Aber wir haben wesentlich weniger Drehbücher. Es gibt ein Drehbuch, das sogar zweimal in Deutschland und zweimal in Frankreich verfilmt wird. Das ist auch ein Experiment, bei dem wir sehen wollen, wie funktioniert das, wenn dasselbe Drehbuch von verschiedenen Leuten verfilmt wird.
Wir sind auf das Ergebnis gespannt.
Prof. Schütte, vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Thomas Neuhauser
(April 2005)
Erstellt: 29-04-05
Letzte Änderung: 11-09-07