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31/03/08

Proteste und Gewalt in Tibet

Am 8. August 2008 beginnen in China die Olympischen Spiele. Am 23. März wurde im Hera-Tempel im griechischen Olympia die olympische Flamme entzündet – doch ihr Licht wird getrübt durch die gewaltsame Niederschlagung der jüngsten Proteste in Tibet durch die Chinesen.

"Eine Welt, ein Traum" – so lautet Pekings Olympia-Motto. Und so unerschütterlich auch das Reich der Mitte erscheinen mag, das Blutbad in Tibet schadet seinem Ansehen beträchtlich. Die chinesische Regierung sprach von Krawallen, die es einzudämmen gelte, sowie von insgesamt 19 Todesopfern: 18 „unschuldige“ Zivilisten (ausschließlich Chinesen) und ein Polizist. Die tibetische Exilregierung – vertreten vor allem durch den Dalai Lama, aber auch durch verschiedene Verbände und durch den Präsidenten des tibetischen Parlaments, Karma Chophel, der am 26. März im Europäischen Parlament in Brüssel zu Gast war – betrachtet die Proteste als „Auflehnung des Volkes gegen den Besatzer“. Auch die Bilanz der Unruhen sieht aus tibetischer Sicht anders aus: Es wurden mindestens 135 Todesfälle bestätigt; hinzu kommen über eintausend Verletzte und rund vierhundert Festnahmen.

Die chinesische Armee „befreit“ Tibet
Den Ausgangspunkt der Mitte März ausgebrochenen Revolte bildete eine Bewegung, die mit der birmanischen „Safran-Revolution“ im September 2007 vergleichbar ist. In Tibet geht es jedoch nicht um Teuerung, sondern um das Streben nach Autonomie – wenn nicht sogar nach Unabhängigkeit – nach über fünfzigjähriger Besatzung durch eine quasi koloniale Diktatur. Die französische Tibetologin Françoise Robin spricht sogar von „einem Bruch, einem Wendepunkt in der Einstellung der Tibeter gegenüber den Chinesen.“
Im Jahr 1950 „befreite“ die chinesische Armee Tibet, wie es offiziell heißt. Gerechtfertigt wurde diese Intervention durch den Sturz der nationalistischen chinesischen Regierung im Vorjahr. 1951 marschierte die chinesische Volksarmee in die tibetische Hauptstadt Lhasa ein, und durch ein Abkommen in demselben Jahr wurde Tibet zur chinesischen Provinz. Das Land wurde fortan vom Dalai Lama und vom Panchen Lama – dem zweithöchsten geistlichen Oberhaupt Tibets – regiert und unterstanden beide direkt Peking. Doch die chinesische Regierung verzögerte bewusst die kommunistischen Reformen in der neuen Provinz und führte sie zunächst nur in den Regionen ein, die bereits seit langem chinesische Provinzen waren. Tibet war also davon ausgeschlossen. Es brachen Aufstände aus, der größte fand im März 1959 statt.
Der Dalai Lama musste um sein Leben fürchten und flüchtete mit Angehörigen der tibetischen Regierung nach Dharmshala in Indien. Seitdem lebt der 14. Dalai Lama mit der Regierung und über 100.000 Landsleuten im Exil. Die Revolte von 1959 wurde von den Chinesen blutig niedergeschlagen: Nach einem geheimen Dokument der chinesischen Armee, das 1990 in Indien von einer tibetischen buddhistischen Organisation veröffentlicht wurde, wurden 87.000 Tibeter „eliminiert“. Die folgenden Jahrzehnte waren geprägt von einer großen Hungersnot, ausgelöst durch die Politik des „Großen Sprungs nach vorn“ und die repressive maoistische Kulturrevolution.

Die blutigsten Unruhen seit 1989
In der Folgezeit kam es 1989 wieder zu schweren Unruhen bei Demonstrationen und Gedenkfeiern zum dreißigsten Jahrestag der Exilierung des Dalai Lama. Zwei Thesen stehen einander gegenüber: Die Chinesen behaupten, ein Polizist sei von den Demonstranten gesteinigt worden, während die Tibeter von einem Angriff chinesischer Polizisten auf eine religiöse Versammlung sprechen. Das Zentrum von Lhasa war in der Hand der Aufständischen, es kam zu Übergriffen gegen chinesische Geschäfte, und die chinesische Armee schritt ein. Hu Jintao, heute chinesischer Staatspräsident und damals kommunistischer Parteisekretär in Tibet, verhängte das Kriegsrecht. Nach offiziellen Angaben gab es rund fünfzehn Tote und einhundert Verletzte. Es war wie eine Übung – mit echter Munition – für das Drama, das sich einige Monate später in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens abspielte.
Die Proteste von März 2008 waren die blutigsten seit 1989. In beiden Fällen schloss sich das tibetische Volk den Mönchen an – ein Zeichen für die wachsende Wut in der Bevölkerung und die feste Verankerung der territorialen Ansprüche im tibetischen Bewusstsein. Hiervon zeugt auch die geografische Ausdehnung der Proteste, die sich weit über das Autonome Gebiet Tibet hinaus bis auf die Nachbarprovinzen Gansu, Sichuan, Xinjiang und Qinghai erstreckten.

Ein „kultureller Völkermord“ an den Tibetern
Derzeit ist noch unklar, was der Auslöser für die jüngsten Unruhen war, doch der britische Geheimdienst bestätigte die Aussage des Dalai Lama, die chinesische Regierung habe die Proteste geschürt, indem sie als Mönche verkleidete Soldaten in die Menschenmengen einschleuste, die am 10. März friedlich für die Freilassung von 2007 inhaftierten Mönchen demonstrierten. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter hat im Übrigen eine gründliche internationale Untersuchung über den „kulturellen Völkermord“ gefordert, der an seinem Volk insbesondere durch das Verbot der buddhistischen Religionsausübung begangen werde.
Peking machte seinerseits sofort den Dalai Lama für die Ausschreitungen verantwortlich. Am 18. März sagte Premierminister Wen Jiabao auf einer Pressekonferenz, die Vorfälle seien „von der Clique des Dalai Lama organisiert, vorsätzlich geplant, gesteuert und angestachelt“ worden. Dies zeige deutlich, dass deren Beteuerungen, sie strebe nicht nach Unabhängigkeit, sondern nach einem friedlichen Dialog, „nichts als Lügen“ seien. Der Gouverneur des Autonomen Gebiets Tibet behauptete, die Polizei sei „mit größter Zurückhaltung“ und „ohne den Gebrauch tödlicher Waffen“ gegen die Demonstranten vorgegangen. Diese Auffassung vertrat auch die offizielle englischsprachige Tageszeitung China Daily, die vermerkte, die Brandstiftungen und Gewalttätigkeiten gegen Sicherheitskräfte und „unschuldige“ Bürger blieben in den ausländischen Medien unbeachtet. Angesichts solcher Ausschreitungen würden die meisten Regierungen in der Welt drastische Maßnahmen ergreifen, schrieb die Zeitung weiter.

Gemäßigte internationale Reaktionen
Die Welt reagierte spät und blieb zurückhaltend. Die US-Regierung rief die chinesische Führung in einem Kommuniqué auf, die tibetische Kultur zu respektieren und in einen Dialog mit dem Dalai Lama zu treten. Präsident Bush zeigte sich „besorgt“ über die Situation. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Louise Arbour, forderte die chinesische Regierung auf, den Demonstranten ihr Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu gewähren, keine „exzessive Gewalt“ anzuwenden und Festgenommene nicht zu misshandeln. UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon forderte eine „friedliche Lösung“ des Konflikts und erklärte, die UNO werde nicht einschreiten. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gaben keine gemeinsame Erklärung ab, doch der außenpolitische Vertreter der EU, Javier Solana, versicherte erneut, die Teilnahme der EU-Staaten an den Olympischen Spielen in Peking würde durch die Ereignisse in Tibet nicht in Frage gestellt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, sie halte „nichts von einem Olympia-Boykott“, da ein solcher Schritt die Situation in China noch verschärfen würde. Und aus Frankreich kamen unterschiedliche Äußerungen: Staatspräsident Nicolas Sarkozy bat den chinesischen Präsidenten Hu Jintao zunächst um Zurückhaltung und um Beendigung der Gewalt in Tibet durch Einleitung eines Dialogs. Einen Tag später, am 25. März, sagte er, hinsichtlich eines Boykotts der Olympia-Eröffnungsfeier seien „alle Möglichkeiten offen“. Er erklärte, ein Gesandter habe mit den engsten Vertrauten des Dalai Lama gesprochen. Sarkozy forderte, dass nun ein Dialog beginnen müsse. Er appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der chinesischen Führung und machte seine Antwort bezüglich der Olympischen Spiele von der Antwort der chinesischen Behörden abhängig.
Alexis Fricker

Erstellt: 27-03-08
Letzte Änderung: 31-03-08