Schriftgröße: + -
Home > Buchmesse Frankfurt > Tabus, Mythen, Geschichten > Das zerstörte Nest

Schwerpunkt Indien - 12/10/06

Rabindranath Tagore: Das zerstörte Nest

Rezension von Jörg Plath


Eine junge, von ihrem viel beschäftigten Ehemann vernachlässigte Frau befreundet sich mit dessen jüngerem Bruder und entdeckt die - Literatur. Der bengalische Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore spielt Katz und Maus mit den Erwartungen des Lesers. Ein Kurzroman aus dem Jahr 1901, so frisch, als wäre er von heute.


Dieses Buch lässt an die Dramen Henrik Ibsens denken und Gustave Flauberts „Emma Bovary“: In dem Kurzroman „Das zerstörte Nest“ lässt der Bengale Rabindranath Tagore dieselbe Unerbittlichkeit in der Schilderung eines tragischen Frauenschicksals walten wie seine europäischen Kollegen. Der Literaturnobelpreisträger von 1913 ist ein sanfter und lakonischer Erzähler. Und ein raffinierter: seine überschaubare, zuweilen flächig wie eine Legende wirkende Geschichte vom Zerfall einer Ehe erweist sich als beunruhigend doppelbödig.

Vordergründig handelt sie von der unschuldigen Sehnsucht nach Nähe und Vertrautheit: Eine junge Frau wird von ihrem Ehemann vernachlässigt und freundet sich mit dessen jüngerem Bruder an, dem Studenten Omol. Tagore spielt Katz und Maus mit den Erwartungen des Lesers, gleich werde es zum Seitensprung kommen. Dabei bedeuten Tscharulota die Buchstaben alles. Es geht also um viel mehr als um Liebe.


Von der Poesie der Herzen zur Prosa des Alltags
Tscharu, so lautet ihr Kurzname, ermutigt Omol zum Schreiben und erfreut sich an seinen Texten, bis er ihr eines Tages stolz eine literarische Zeitschrift zeigt, die eine seiner Erzählungen abgedruckt hat. Tscharu ist zutiefst enttäuscht und verfasst nun, um Omol zurück zu gewinnen, ebenfalls Geschichten. Tatsächlich freut sich dieser, lässt ihre Erzählungen jedoch ohne ihr Wissen in derselben literarischen Zeitschrift veröffentlichen. Dann verliert Tscharus Ehemann Bhupoti durch einen betrügerischen Verwandten sein Vermögen. Er sorgt dafür, dass Omol vorteilhaft verheiratet wird und zum Studium nach England gehen kann. Tscharu trauert, und weil Omol ihr nicht schreibt, versetzt sie für ein Telegramm mit teurer Rückantwort aus London all ihren Schmuck. Mit einem Mal erkennt Bhupoti seine Lage.

Der Kurzroman ist gebaut wie eine Fuge. Zweimal, erst durch Omols, dann durch Tscharus Geschichten, stellt sich Intimität her, zweimal wird sie durch die Veröffentlichungen gesprengt. Produktion und Zerstörung der Nähe wiederholt Tagore zweimal als Farce: Während Omol in London studiert, wirbt Bhoputi mit eigenen literarischen Versuchen um Tscharu. Doch sie verzehrt sich nach Zeilen von Omol, der schließlich in dem für ihn bezahlten Telegramm knapp kundtut: „Mir geht es gut.“ Die Prosa des Alltags ist an die Stelle der anfänglichen Poesie getreten, die zumindest Tscharu als eine Kommunikation der Herzen verstand. Unverfänglicher kann man Katastrophen nicht auslösen.


Verwerfungen im Gefühlshaushalt und anderswo
Von indischer Exotik ist in diesem 1901 erschienenen Roman keine Spur. Rabindranath Tagore (1861-1941) wurde zwar in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts in England und Deutschland als mystischer Heiliger gesehen. Doch der Schriftsteller, Philosoph, Maler, Komponist und Musiker war ein engagierter Reformer: Er protestierte gegen die übliche Kinderheirat und gründete in der Provinz Banken, Schulen, Genossenschaften und Krankenhäuser. Außerdem revolutionierte er die bengalische Literatur durch neue Gattungen und Motive – und durch eine unverbrauchte, alltagsnahe Sprache, für die in „Das zerstörte Nest“ nicht Omol, sondern Tscharu gelobt wird.

Das mehr als einhundert Jahre alte Buch wirkt ungemein modern, weil es von Grenzverschiebungen erzählt. Bereits auf der zweiten Seite schlägt Tagore das Motiv an, das er auf außerordentlich ökonomische Weise viermal durchspielen wird: Die Regierung, heißt es, betreibe in einer nicht weiter erklärten „Grenzfrage“ eine Politik, die „jegliche Zurückhaltung in diesem Punkt über Bord zu werfen schien.“ In der Grenzfrage wird eine Grenze überschritten, weshalb der Zeitungsherausgeber Bhupoti stark beschäftigt ist und keine Zeit für seine Ehefrau hat. Tscharu wiederum will mit der Literatur eine Grenze gegenüber der Außenwelt ziehen, die Omol überschreitet: „Omol zeigte seine Werke allen und jedem, während Tscharu jede Zeile für sich behielt.“


„Lassen wir das!“
Die traditionelle bengalische Gesellschaft ist in Bewegung geraten. Die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschieben sich und mit ihnen die Rollen der Geschlechter. Am Ende steht kein Schlangenfest, kein reinigender Monsunregen, keine Verbrennung einer Untreuen, sondern eine neue, verzweifelte Grenzziehung. Der Ehemann ist dazu nicht fähig. In Gedanken sucht er schon das Weite, um die Frau und mit ihr die demütigende Erinnerung an den Nebenbuhler hinter sich zu lassen. Angesichts ihres Erschreckens lenkt er nachsichtig ein. Rabindranath Tagore ertielt Tscharu das Schlusswort. Es fällt knapp aus. Zu Kompromissen ist sie nicht mehr bereit und schleudert ihrem Gatten einen Satz entgegen, der alles beendet, die Ehe, das geschützte Dasein, die Hoffnung – und den Roman: „Lassen wir das!“ Diese Frau, so scheint es, ist unsere Zeitgenossin.

Photo der Grafik. Copyright: Anita Menrath.

Erstellt: 27-09-06
Letzte Änderung: 12-10-06