Im Gespräch mit... - 25/10/05
Raymond Ley
Regisseur der ARTE-Koproduktion "Die Nacht der großen Flut"
Interview mit Raymond Ley, Regisseur der ARTE-Koproduktion
„Die Nacht der großen Flut“.
Erstausstrahlung auf ARTE am Freitag, 28. 10. 2005, um 20.40 Uhr.
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T.N.: Herr Ley, wie haben Sie für die Verfilmung der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 recherchiert, wie haben Sie z.B. für „Die Nacht der großen Flut“ die noch lebenden Zeitzeugen gefunden?
R.L.: Die haben wir über Zeitungsannoncen gefunden, die sind dann direkt auf uns zugekommen. Wir haben sie aber auch in den Gebieten zum Teil selbst gesucht. Einige sind uns dann aber auch genannt worden, über das „ich kenne da noch jemanden, frag den doch mal“. So sind wir eigentlich zum Kern der Zeitzeugen gekommen. Die dramatischsten Geschichten, die uns erzählt wurden, sind allerdings von Zeitzeugen, die sich nicht über Annoncen gemeldet haben, die haben wir im Laufe einer großflächigen Recherche in den Überflutungsgebieten von damals kennen gelernt.
T.N.: Warum haben Sie sich für die Form des Dokudramas entschieden? War das von Anfang an klar?
R.L.: Das war von Anfang an klar. Das liegt auch ein bisschen an mir, weil ich aus diesem Genre komme. Ich habe vorher über die CDU- Spendenaffäre 1999/2000 ein langes Dokudrama gemacht. Das ist die Form, in der ich mich ausdrücken wollte, auch bei diesem Film über die große Hamburger Flut. Und da ich auch gerne sowohl im Bereich des Journalismus wie in dem der Inszenierung arbeite, war es keine Frage, hier wieder mit den Mitteln des Dokudramas oder der Doku-Fiction zu arbeiten.
T.N.: Sie haben ja den Vorteil, dass der damalige Innensenator von Hamburg und spätere Bundeskanzler, Helmut Schmidt, der sich damals auch als Leiter und Koordinator des Einsatzes profilierte, heute noch lebt. War er denn gleich bereit, daran mitzuwirken, und wie war er dann im Gespräch?
R.L.: Das war ein längeres Procedere. Herr Schmidt hat sich nicht gleich bereit erklärt, weil ich glaube, er ist in diesem Jahr von sehr vielen Anfragen überhäuft worden, sich zu seinem Leben und zu seinem Werk zu erklären. Er musste da ein bisschen nachdrücklich mit viel Höflichkeit und Hartnäckigkeit gebeten werden, sich für diesen Film noch einmal zu äußern. Das Interview selbst fand ich dann sehr bewegend, sehr emotional von ihm geführt und gefühlt. Man muss schon sagen, dass er sein bester Darsteller ist. Es ist immer vollkommen klar, wer bei so einem Interview der Herr im Hause ist. Wenn er aber spürt, dass man am Thema interessiert ist und auf seinem Niveau richtig vorbereitet ist, dann lässt er sich auf vieles ein. Das Gespräch hat dann fast 100 Minuten gedauert und das spricht ja ein bisschen für die Situation, in der wir dabei befanden. Und er hatte dann einfach auch Lust, sich zu erklären, zu diesem Thema und zu den damaligen Ereignissen.
T.N.: Die überlebenden Zeitzeugen, die in Ihrem Film zu Wort kommen, haben ja auch sehr schmerzhafte Erinnerungen. Wie sind Sie denn mit den Emotionen dieser Zeitzeugen umgegangen?
R.L.: Das war nicht einfach. Wir sind immer wieder persönlich auf diese Leute zugegangen, wir telefonieren und treffen uns auch heute noch sehr oft und sprechen über das, was dann in dem Film verarbeitet wurde. Das ist natürlich für diese Menschen eine sehr komplizierte Situation. Das, was sie über Jahrzehnte in sich verschlossen haben, nun für den Film einmal in einem Interview nach außen gegeben zu haben, und das dann jetzt permanent wiederholt zu sehen. Der damalige Werftarbeiter Horst Sahm, der im Film ja über den Verlust seiner Frau und seiner zwei Kinder spricht, geht da sehr hart und beherrscht mit sich selbst um. Er sagt dann „Junge, mach mal! Wird schon was. Ich hab dir meine Geschichte gegeben, mach mal was draus.“ Wir haben eine sehr bewegende Vorführung des Films nur für die Zeitzeugen gemacht. So verhielt er sich dann auch am Schluss: „Na ja, ist ja ganz anständig geworden. So war es. Ruf mich an.“ Auf diesem wortkargen Niveau läuft das dann. Das war für die Leute eine hochemotionale Situation, sich selbst auf der Leinwand zu sehen und dann Schauspieler zu erleben, die versuchen, dieser Tragik, dieser Geschichte auch ein Antlitz zu geben.
T.N.: Nun haben Sie ja keine große Hollywood- Produktion gemacht, sondern eine Fernsehproduktion mit einem für die Inszenierung von Naturkatastrophen eher bescheidenen Budget. Wie haben Sie denn die Überflutungsszenarien hingekriegt?
R.L.: Ich muss sagen, wir haben um jeden Liter Wasser gekämpft. Wir haben um jede Pfütze, um jedes Bassin gestritten und haben versucht, es möglichst authentisch umzusetzen. Also, wir haben versucht, mit unseren Mitteln an die Grenzen zu gehen, um genügend von der Sturmflut in diesem Film zu erzählen. Da war natürlich irgendwann Ende der Fahnenstange. Wir konnten dann gewisse Überflutungsszenarien nur noch im Computer herstellen, und das ist natürlich für eine solche Produktion eine große Herausforderung, da muss man dann noch mal finanziell nachlegen, um von dem Ganzen auch einen richtigen Eindruck zu bekommen. Man muss im Film doch glaubhaft vermitteln, wie war das damals, oder was ist das überhaupt für eine Gefahr, an einem Deich zu wohnen, eine große Überschwemmung mitzuerleben und um sein Leben zu kämpfen in dieser Nacht.
T.N.:Wie war denn das Verhältnis während des Drehs zwischen den Zeitzeugen, die noch leben und den Schauspielern, die ihre Rolle übernahmen? Haben die viel mit einander zu tun gehabt?
R.L.: Christiane Paul und Florian Lukas sind vorher zu den Zeitzeugen hingefahren. Sie sind zu Horst Sahm und Gerda Brandt gefahren und haben sich mit denen lang unterhalten, über ihr Leben und über die Geschehnisse in dieser Nacht. Ansonsten waren auch ein paar von den Zeitzeugen am Drehort zu Besuch. Das haben die aber bewusst sehr dosiert gemacht. Also wenn es dramatisch wurde, wenn es um ihre eigenen Geschichten ging, dann sind die meistens außen vor geblieben und sind nicht an den Drehort gekommen, obwohl sie immer Zugang zu unseren Drehs hatten.
T.N.: Raymond Ley, vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Thomas Neuhauser
ARTE Deutschland
Erstellt: 25-10-05
Letzte Änderung: 25-10-05