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29/08/08

Realität oder Fiktion ?

Interview mit Christian Le Peutrec, Autor und Produzent der Sendung "Die demografische Zeitbombe"

© ARTE France
ARTE: Inwiefern sind Zukunftsvisionen wichtig für die breite Bevölkerung ?
Christian Le Peutrec: Die Vorausschau bleibt nach wie vor ein im Fernsehen wenig verwendetes Mittel. Da es sich hierbei weder um Realität noch um Fiktion handelt, sondern um einen Bereich zwischen Wissen und Vorstellung, ist es sehr schwierig, dieses Format am Bildschirm umzusetzen. Auf der anderen Seite brauchen aber alle Bürger diese Informationen, um ihr Leben zu orientieren, um ihre politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen zu treffen. Es war daher unser Anliegen, die Wissenschaft und das breite Publikum einander anzunähern. Um so mehr, als wir während der Vorrecherchen und Dreharbeiten feststellen konnten, dass auch die Wissenschaftler ihrerseits einen Vermittlungsweg suchen, um ihre Informationen unter die Leute zu bringen.

Warum haben Sie Demografie als Thema ausgewählt ?
Weil das Thema überraschende und unerwartete Perspektiven auf unsere Zukunft bereithält. Am Horizont des Jahres 2030 werden die demografischen Veränderungen enorme geopolitische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Konsequenzen haben. In Frankreich werden die Kinder des "Baby-Boom" das Rentenalter erreicht haben. Welche Kosten werden dann auf uns zukommen? In Deutschland ist die demografische Situation zunehmend besorgniserregend. Die deutsche Sprache, aber auch die deutsche Kultur, im 19. Jahrhundert noch dominant, sind durch den Bevölkerungsschwund bedroht. Das Land altert sehr schnell, ebenso wie Italien und Spanien. Auch die Aufnahme neuer Staaten in die EU wird diese Defizite nicht ausgleichen können. Die Einwanderung, die in Europa häufig als Bedrohung empfunden wird, hat immer schon existiert. Selbst wenn die Weltbevölkerung zunimmt, wird der Anteil der Migranten letztendlich nur sehr wenig variieren und wir werden nach wie vor auf sie angewiesen sein. Viele dieser Realitäten stehen im Widerspruch zum momentan herrschenden Diskurs. Aus reiner Wahlkampf-Logik heraus schlagen Politiker nur kurzfristige Visionen vor und lassen die langfristige Entwicklung außer Acht.
 
Wie sind Sie filmisch vorgegangen, um diese Zukunftsperspektiven zu zeigen?
Ausgehend von einem virtuellen Plateau beginnen wir im Westen und bewegen uns weiter nach Osten in Richtung Asien. Für die Reportagen haben wir ganz bewusst Pionniere der aktuellen Entwicklungen gesucht, wie z.B. einen Chilenen, der in den Vereinigten Staaten Erfolg hat, oder eine moderne indische Familie, die es schafft, ihre indische Identität und die Globalisierung miteinander zu verbinden. Um die Zukunftsszenarien so attraktiv wie möglich zu gestalten, haben wir mit Jean-Marc Kisler zusammen gearbeitet, einem Comiczeichner, der eine erstaunliche Arbeit geleistet hat.

Interview: Sylvie Dauvillier

Erstellt: 16-03-07
Letzte Änderung: 29-08-08