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14/01/05

Reconstruction

Ein Film von Christopher Boe


Alles ist Film, alles ist Konstruktion,
aber dennoch tut es weh

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Synopsis

In einer Bar trifft Alex (Nikolaj Lie Kaas) Aimée (Maria Bonnevie). Es ist Liebe auf den ersten Blick. Für Aimée verläßt Alex seine Freundin Simone und Aimée ist bereit, ihre Ehe mit dem älteren Schriftsteller August (Krister Henriksson) aufzugeben. Zugleich gerät aber auch Alex’ Welt aus den Fugen. Seine Freunde erkennen ihn nicht mehr und sogar seine Freundin will ihn noch nie gesehen haben. Träumt Alex oder ist er etwa nur eine Figur in Augusts Roman? Nur Aimées Liebe kann ihn von seinem Albträum erlösen, doch ist er wirklich bereit, alles für sie aufzugeben?

Die Kritik zum Film

Der Erzähler läßt keinen Zweifel daran, dass er zu eher unsentimentalen Sorte der Gaukler zählt: während er eine Zigarette zwischen seinen Händen zum Schweben bringt, weiß er über die kommende Geschichte lakonisch zu berichten: “Alles ist Film, alles ist Konstruktion, aber dennoch tut es weh.”

Diese Erkenntnis beschreibt auch das Dilemma, mit dem sich heutzutage jeder junge Regisseur konfrontiert sieht, wenn er einen Film über die Liebe drehen will – jede erdenkliche Kussvariante wurde schon einmal in der einen oder anderen Nahaufnahme gedreht, alle Tränen dieser Welt wurden darüber bereits vergossen und der berüchtigte Satz “Ich liebe dich” ist im Grunde genommen unausprechbar geworden. Geht das also, den Boy-meets-Girl-Plot doch noch einmal anders zu erzählen, dem abgenutzten, aber lebenswichtigen Klischee von der romantischen Liebe neues Leben einzuhauchen oder ihr gar eine neue ästhetische Dimension abzuringen?

Es geht, zumindest, wenn man sich wie der junge dänische Filmemacher Christopher Boe den verklärten Blick auf die unschuldige Liebe verkneift und nicht leugnet, dass man als Filmemacher und Mensch längst defloriert wurde. Statt dessen zerlegt Boé seine Romanze in ein Puzzle, dass er zusammensetzt, um es anschließend wieder auseinander zu nehmen. So offenbart sich die Liebe als eine Illusion, die gefährlich ist, die wir aber so nötig brauchen wie die Luft zum Atmen. Je mehr sich Zeit und die Orte auflösen, je mehr sich die scheinbare Realität als Fiktion und Konstrukt offenbart, desto näher kommen die Liebenden paradoxerweise der Wahrheit und der Regisseur seiner Intention, dem Klischee ein Stückchen Wahrheit zurückzugeben. Sicher ist nur, dass Boes Liebende in Kopenhagen zuhause sind. Ihre Rochaden beobachtet Kameramann Manuel Alberto Claro in Cafés, Gässchen und aus großer Höhe per Satellitenperspektive.

Grobkörnige Bilder, die lange auf den Blicken und zärtlichen Berührungen der Liebenden verweilen, erinnern an die frühe Nouvelle Vague. Dafür hat die Jury in Cannes dem Film im letzten Jahr die „Camera d’Or“ verliehen. Obwohl auch ein psychologisches Drama, ist „Reconstruction“ doch ein wunderbar leichter Film, der uns zu einem leicht ver-rückten, neuen Blick auf die Idee von der großen Liebe verführt.
Martin Rosefeldt
Das Bonusmaterial

Der Originaltrailer und der deutsche Trailer sind identisch. In knapp zwei Minuten geben sie einen gelungenen Eindruck von der visuellen Faszination und der rätselhaft verwirrenden Atmosphäre dieses ungewöhnlichen Debütfilms wieder. Besonders aussagekräftig ist das Interview mit Hauptdarsteller Nikolaj Lie Kaas, das dänisch geführt und mit deutschen Untertiteln versehen wurde. Er gibt etwa zu, dass er das Drehbuch elfmal lesen musste, bis er anfing zu verstehen, was der Drehbuchautor und Regisseur Christoffer Boe beabsichtigte. Da Kaas aber bereits zweimal mit Boe und mit Marie Bonnevie erfolgreich für Kurzfilme zusammengearbeitet hatte, beschloss er Boe einfach zu vertrauen, auch wenn er nicht immer alles verstand. „Es ist wie eine Reise auf die man sich einlässt“, sagt Kaas. Zusammen mit dem Drehbuch gab Boe ihm eine CD, auf die er für jede Szene ein emotional passendes Musikstück gebrannt hatte. „Man hat beim Lesen und Musik hören den Rausch dessen gespürt, worum es sich drehte“ sagt Kaas beeindruckt. Oft hätten er und Marie Bonnevie beim Drehen nachgefragt, in welcher Erzählebene sie sich denn grade befinden würden, ob Wirklichkeit, Traum oder Vergangenheit. Christoffer habe dann die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und geseufzt: „Habt ihr denn das Drehbuch nicht gelesen?“

Auch Marie Bonnevie erzählt ähnlich begeistert von den oft komplizierten Dreharbeiten, an denen alle gewachsen seien. Sie habe sich sehr gefreut, beide Frauenrollen zu spielen, das sei für sie fast einfacher gewesen, als nur eine von beiden darzustellen. Auf eine Perücke sei bewusst verzichtet worden: „Das ist zu klischeehaft. Die beiden Frauen sollten sich ähnlich sehen.“

Die Interviews sind jeweils vor einem schwarzen Hintergrund gefilmt, die Personen erscheinen im Split Screen, von vorne und im Profil. Nikolaj Lie Kaas weiß nicht, dass der Regisseur selbst im dunklen Raum anwesend ist und die Situation kontrolliert. Als er dies hört steht er auf und verlässt wortlos den Raum. Christoffer Boe begibt sich selbst auf den Stuhl des Interviewten, zupft sich etwas nervös am Ohr, zündet sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen. Von seiner eigenen großen Liebe zum Kino. Er vergleicht seinen ersten langen Spielfilm nach der Filmhochschule mit einem Sandkasten, den man sich absteckt: „Ihr spielt dort, ich spiele hier. Vielleicht baue ich auf Treibsand, vielleicht spiele ich mit altem Spielzeug, aber ich will hier spielen.“

RECONSTRUCTION ist sein dritter Film mit Nikolaj Lie Kaas, Marie Bonnevie und dem gleichen Team hinter der Kamera, die gemeinsam als „Hr. Boe & Co.“ agieren. Produzentin Tine Pfeiffer, Kameramann Manuel Claro und Tonmann Morten Green waren auch bei seinen Kurzfilmen OBSESSION, VIRGINITY und ANXIETY dabei. Für RECONSTRUCTION wurde er in Cannes mit dem Kamerapreis Camera D’Or ausgezeichnet. Christoffer Boe ist ein Name, den man sich unbedingt merken sollte. Die Bio-/ und Filmografien zu ihm und den beiden Hauptdarstellern liefern weitere interessante Informationen, etwa dass Kaas bereits in Lars von Triers legendärem Film IDIOTEN zu sehen war und er sowie Marie Bonnevie auf der Berlinale als Shooting Stars (2002+2003) ausgezeichnet wurden.
Nana A.T. Rebhan
Reconstruction
Regie/Drehbuch: Christopher Boe
Darsteller: Maria Bonnevie, Nikolaj Lie Kaas, Krister Henriksson
Dänemark, 2003

Sprachen:
Deutsch, Original: Dänisch, Schwedisch
Deutsche und französische Untertitel
Extras:
- Trailer Originalversion
- Trailer Deutsch
- Interviews mit den Hauptdarstellern und dem Regisseur
- Bio-/ Filmografien der Hauptdarsteller und des Regisseurs

Erstellt: 14-01-05
Letzte Änderung: 14-01-05