Reggie Nadelsons dritter, auf deutsch vorliegender Kriminalroman führt wiederrum nach New York, und ihr seit 25 Jahren in dieser Stadt lebender, russisch-jüdischer Polizist Artie Cohn ist erneut mit der Gewalt dieser Metropole konfrontiert, ein gebrochener Held, verwundet wie die Stadt selbst. Die Autorin selbst lebt seit etlichen Jahren in London, wo sie für den „Guardian“ und den „Independant“ schreibt und Dokumentarfilme für die BBC dreht. „Kalter Verrat“ heißt ihr neues Buch.
Fünf Tage im Juli – eigentlich wollte der New Yorker Ermittler Artie Cohen einen ruhigen Sommer mit seinem Neffen Billy verbringen, doch schon am ersten Tag stürzt am Strand von Coney Island ein kleines Flugzeug ab, und der Schrecken zerstört die friedliche Stimmung, - die Leser sind eingeladen, an Artie Cohens Zweifeln, Überlegungen und Anfällen von schlechten Gewissen teilzuhaben. Sein 14jähriger Neffe, groß gewachsen wie ein Mann, freundlich und charmant, wurde vor drei Jahren wegen Mordes in eine Besserungsanstalt abgeschoben, und weil er als geheilt gilt, darf er unter Aufsicht nach New York. Seine Eltern kümmern sich nicht um ihn, und dem Onkel wird der Junge immer unheimlicher.
„Irgendwie tauchte es immer wieder auf, das Russische. Wie oft hatte Tolja mich gewarnt, dass es niemals aufhören würde. Es war ein Teil von mir, von meiner Geschichte, aber bis jetzt hatte ich mich geweigert, ihm zu glauben. Ich hatte einen Amerikaner aus mir gemacht, einen New Yorker, ich sprach ohne jeden Akzent. Ich hatte die ganze beschissene Vergangenheit begraben, so gut es ging. Aber wenn ich Billy ansah,…konnte ich ihr nicht mehr entkommen.“
Für das „Russische“ in seinen vielen Facetten sind Reggie Nadelsons Kriminalromane die kundigsten Wegweiser durch New York, die man sich vorstellen kann: die einen, die sich ihre Swimmingpools mit echtem Blattgold dekorieren und dennoch nie die Angst loswerden, man könne sie nach Russland zurückschicken, wo sie nichts als Deportation und Gefängnis erwarten würde, und die anderen, die sich in ihre Sehnsucht nach Russland einspinnen und in den New Yorker Parallelgesellschaften überwintern - sie alle sind das Personal der Romane, und ihre Probleme überwuchern die Fälle, auf die der russisch-jüdische Polizist Artie Cohen eigentlich angesetzt wird. Brooklyn ist sein Zentrum der Stadt, und von hier aus dringt er vor in ihre unbekannteren Zonen, wie etwas die Müllkippe Fresh Kills, die die zerstörten Überreste der Twin Towers aufnahm.
„Hier in Staten Island konnte man die unterschwellige Angst immer noch spüren. Überall Flaggen, Schlachtrufe, blau-weiß-rot. Die Rückenlehne einer Terrassenschaukel war mit einer laminierten Fahne überzogen. Jede zweite Straße war nach einem toten Feuerwehrmann benannt. Staten Island hatte mehr Feuerwehrmänner verloren als jeder andere Stadtteil. Früher hatte ich mich oft über die Straßennamen in den Außenbezirken amüsiert – Father Cappucino Boulevard und dergleichen. Dann kam der 11. September.“
Die Geschichte der Stadt New York mit ihren Schichtungen und Abgründen bietet den Hintergrund für Nadelsons Kriminalromane, und auch diesmal wird der Fall eines verschwundenen Müllmannes und mehrerer getöteter Kleinkinder von Artie Cohens persönlichen Verwicklungen durchkreuzt: ob sein Neffe Billy wirklich als geheilt betrachtet werden kann oder ob alle die recht haben, die ihn möglichst schnell wieder in der Anstalt haben wollen, beschäftigt ihn vorrangig. Und während in London die U-Bahn-Bomben hochgehen, wächst seine Angst.
Reggie Nadelson, die auch Dokumentarfilme dreht, verbindet ihre Kriminalgeschichten mit präziser Beobachtung sozialer Entwicklungen und rundet mit diesem Band über fünf Juli-Tage ihre New York-Trilogie nach dem 11. September überzeugend ab; - die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen kalten und heissen Kriegen wirft ihren Schatten auch auf die nachfolgenden Generationen.
Lore Kleinert/
Radio Bremen, Juli 2009Der 11. September 2001 war für Reggie Nadelson der Tag der Wahrheit. Zuvor hatte sich die Journalistin und Dokumentarfilmerin um ihren Helden Artie Cohen schon ein ansehnliches Repertoire von drei Krimis erschrieben. Doch nach dem 11. September reorganisierte sie ihr Projekt neu: Seitdem schreibt sie über New York im Trauma.Nicht immer muss man mit dem Detektiv beginnen, hier schon. Nadelsons Held ist Artie Cohen. Er ist in Moskau als Artemy Maximovich Ostalsky und Sohn eines KGB-Offiziers geboren. In New York lebt er seit 25 Jahren und ist eine Art Sonderbeauftragter der Polizei für Angelegenheiten der russischen Community. Denn er spricht fließend Russisch. Doch er glüht für New York und die westliche Demokratie, nichts findet er scheußlicher als postsowjetische Einwanderernostalgie. Wie er sie im Hause von Vera Gorbatschow vorfindet: Seit zig Jahren lebt sie in den USA, arbeitet als Chemikerin und hat ihren Mann verloren. Bei einem nächtlichen Einbruch ist er verschütt gegangen, passend für einen Müllwerker, der es in den gehobenen Dienst geschafft hat. Jetzt empfängt Vera Gorbatschow Artie in hautengen Steghosen und einem verwegenen Top und füttert ihn wie eine russische Mama. „Kein Russe ließ einen gehen, bevor man nicht bis oben abgefüllt war“, räsoniert Artie. „Vielleicht war es auch ihr subtile Art, sich an der Polizei zu rächen.“
Artie ist auf die typische Nadelsonsche Weise an diesen Fall gekommen: Er hat eigentlich anderes zu tun, kümmert sich um dieses und jenes, in diesem Fall um seinen Neffen Billy Farone. Vor zweieinhalb Jahren hat der damals 12-jährige Billy am Strand von Brighton Beach einen debilen Mann umgebracht. Ein paar Tricks einflussreicher Leute waren nötig, um ihn in Florida in die geschlossene Abteilung zu bringen – in den Staaten werden jugendliche Mörder allzu schnell gegrillt. Jetzt ist Billy auf Heimaturlaub in New York und klebt an Onkel Artie. Währenddessen heimsen seine Eltern in London einen Gourmetpreis für ihr Feinschmeckerrestaurant ein.
Und nun hat die Freundin seines alten Chefs (der damals mithalf, Billy aus der Schusslinie der Staatsanwaltschaft zu bugsieren) Artie gebeten, sich mal die Sorgen von Vera Gorbatschow anzuhören. An ihrer Geschichte von nächtlichen Einbrechern und verschwundenem Ehemann stimmt hinten und vorn kaum etwas, zumal die einsame Russin nach dem Füttern Artie an die Wäsche rückt. Dieser ist aber mit den Gedanken ganz in Brooklyn, wo er den Neffen bei seinem besten Freund Tolja, einem Ex-Schlagersänger und jetzt Neureichen zurückgelassen hat. Billy ist ihm unheimlich: Er lächelt perfekt, redet glattzüngig wie ein Psychiater, ist lieb wie einer, der nicht verstoßen werden will. Die Verwandten des damals Ermordeten, eine üble Kleingangstertruppe, ist hinter ihnen her: Billy soll aus New York verschwinden. Das signalisieren auch Wohlmeinendere unter Arties Bekannten, kurz, auf den Fall des aufgelösten Müllwerkers kann Artie sich nicht recht konzentrieren. Er gluckt dauernd um Billy herum – ständig telefoniert er hinter dem 14-jährigen Buben her, wenn er Billy nicht persönlich vor der Unbill der Welt bewahren kann. Das ist eines der faszinierenden Elemente dieser Figur: Artie Cohen ist ein Mensch, der sich immer Sorgen macht. Immer haben Familie und Freunde mit den Verbrechen zu tun, die er untersucht, ständig stehen persönliche Loyalitäten auf dem Spiel. Artie agiert wie eine hysterische Mutter. Wo andere ganz normale Pubertätsprotuberanzen erkennen, erblickt er schon den Durchbruch des Bösen und sieht Krankheit und Tod unmittelbar voraus.
Schließlich weiß keiner genau, ob Billy schon so geheilt ist, wie es scheint. Zumal alte Fälle auftauchen und neue dazukommen, Fälle von Kindesmissbrauch und Mord. Ein Baby wird gegenüber Arties Wohnung in der Tiefkühltruhe eines Imbissrestaurants gefunden. Ein 6-jähriges russisches Mädchen rennt allein in die Nacht Manhattans und sticht einen Jungen an. Und immer der Verdacht: hat Billy damit was zu tun? Nadelson hält Arties Zweifel am Kochen, er schwankt zwischen Vertrauen, Vertrauen-Wollen und Zweifel und der Leser mit ihm. Denn Artie ist der Ich-Erzähler: eher Therapeut als Bulle, eher Glucke als Pädagoge.
Arties subjektiver, hysterischer Wahrnehmung entspricht das Klima der Angst, das immer noch in New York herrscht. Bürgerwehren spüren nach Terroristen. Als in London die U-Bahnbomben hochgehen (der Roman spielt im Juli 2005), benutzt niemand mehr die Metro. Zugleich – und da entzwirbelt sich der zweite Strang der Handlung - ist die Stadt heftig mit Vergessen beschäftigt. Auf Staten Island, wo Vera Gorbatschow und ihr absentiger Müllwerker wohnen, wird die große Mülldeponie der Metropole mit dem doppeldeutigen Namen „Fresh Kills“ (so lautet auch der Originaltitel von 2006) zugeschüttet, geglättet und in einen Vergnügungs- und Freizeitpark verwandelt. Doch zuvor müssen ein paar Leichen versenkt werden.
Nadelsons Personal ist klein: Es besteht aus Arties Einwandererfamilie, Frau und Freundin und ein paar Cops. Mit ihm zieht Nadelson durch die russisch-amerikanische Community, seziert ihre Phobien und Marotten. Und piekst in den urbanen Verkleisterungs-Fortschritt: „Russische Verwandte“ (original 2004: „Disturbed Earth“) evoziert das untergehende alt-russische Brighton Beach, „Rote Wasser“ (original „Red Hook“ 2005) Immobileinschwindel und Umgestaltung einer alten Hafenanlage, „Fresh Kills“ (original 2006: „Fresh Kills“) die Ersetzung der Mülldeponie durch die Einfamlienhaus-Suburb. Nadelson gehört in die Reihe der Autoren, die mit ihren Kriminalromanen New Yorker Stadtgeschichte schreiben.
Tobis Gohlis/
ARTE-Krimitipp des Monats, 9.7.2009