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Der tödliche Zucker

Diabetes mellitus, allgemein auch als "Zuckerkrankheit" bekannt, ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, die durch einen erhöhten Blutzuckerspiegel gekennzeichnet ist.

> Reiches Land, arme Esskultur?

Der tödliche Zucker

Diabetes mellitus, allgemein auch als "Zuckerkrankheit" bekannt, ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, die durch einen erhöhten Blutzuckerspiegel (...)

Der tödliche Zucker

29/08/08

Reiches Land, arme Esskultur?

Automatenmahlzeiten in der Cafeteria, "Functional-Food" aus dem Supermarkt, Knabberorgien vor dem Fernsehen - wir sind auf dem Weg zur reinen "Fresskultur", meint der französische Politikwisssenschaftler Paul Ariès, aus der Verarmung unserer Essgewohnheiten liest er tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen ab. Lässt sich der Prozess noch umkehren?

Paul ARIÈS ist Politikwissenschaftler an der Universität Lyon und Herausgeber der Globalisierungs-kritischen Zeitschrift "L’Immondialisation". Er veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema schlechte Ernährung. Ein zentraler Punkt seiner Analyse ist der Niedergang der Esskultur.




ARTE: Immer mehr Menschen sind übergewichtig und zuckerkrank. Fachleute sprechen bereits von einer Volkskrankheit. Wie beurteilen Sie als Politologe dieses Phänomen?

Paul Ariès: Unsere heutigen Essgewohnheiten machen zur Zeit zwei "Revolutionen" durch. Die eine betrifft das, was wir auf dem Teller haben: In einigen Jahrzehnten werden 70 % unserer Nahrung aus Produkten bestehen, die es heute in der Form noch gar nicht gibt. Zu diesem Aspekt gehören auch die technologisch veränderten Nahrungsmitteln, das sogenannte "Functional Food", und natürlich die Gen-Produkte. Die zweite Revolution betrifft unsere Einstellung zur Ernährung, und meiner Meinung nach sollten wir diese Diskussion nicht nur den Ernährungswissenschaftlern und Medizinern überlassen, sondern auch die soziologischen, psychologischen und politologischen Aspekte untersuchen. Die Zunahme bestimmter Erkrankungen, wie etwas des Typ-II-Diabetes, steht nicht zuletzt im Zusammenhang mit einer "Destrukturierung der modernen Esskultur". Alles, was unserer Esskultur früher eine Struktur gegeben hat, was mit bestimmten Ritualen verbunden war, ist heute im Verschwinden begriffen. Das gilt auch für den Genuss, über die Nahrungsaufnahme eine andere Kultur oder einen anderen Menschen kennen zu lernen. Die Amerikaner nehmen heute durchschnittlich zwölf Mahlzeiten am Tag zu sich! Die Nahrungsaufnahme ist darauf reduziert, die organoleptische Grundempfindungen befriedigen – süß, salzig, knackig, knusprig. Eine sehr regressive Form des Genusses …
Wenn die Nahrungsaufnahme immer mehr zu einem einsamen Akt wird und durch die Verbreitung von Automatenkost und Snack-Verzehr auch immer destrukturierter, dann wird das Essen auf seine uninteressanteste Dimension reduziert. Das kann nur dazu führen, dass die Menschen krank werden – sowohl physisch als auch psychisch. Von dieser Warte aus betrachtet ist die Entwicklung der Esskultur ein interessantes Thema für einen Politologen.



Was steckt hinter diesem Trend?

Kennzeichnend für unsere moderne Zeit erscheint mir die regressive Entwicklung auf allen Gebieten: sozial, politisch, kulturell und psychisch. Der in seinen Ernährungsgewohnheiten "gleichgeschaltete" Mensch wird zunehmend eine "Fresseinstellung" zu seinem Essen entwickeln. Am Wandel der Esskultur lassen sich wie in einem Spiegel tiefgreifende Veränderungen der Gesellschaft erkennen. Die Humanisierung des Menschen hat sich über die Humanisierung seiner Essgewohnheiten vollzogen. Über mehrere Jahrtausende hinweg hat sich durch Kultur, Objekte und Techniken eine Distanz zu den Nahrungsmitteln entwickelt, während wir heute eine Art Regression erleben. Das Schlimme daran ist meiner Meinung nach der Verlust der Verbote in Bezug auf die Ernährung. In allen Esskulturen unserer Vorfahren gab es Verbote, und nur aus diesem Grunde konnte man sich gewisse Freiheiten gönnen. Wenn es keine Verbote mehr gibt, wird das Essen zur rein kommerziellen Angelegenheit, zum "Food Marketing".


Wann hat dieser Prozess Ihrer Meinung nach eingesetzt?

Warum gilt die französische Küche neben der chinesischen als die beste der Welt ? Nicht etwa, weil wir die besten Köche oder die besten Produkte hätten, sondern wegen der Epoche der Aufklärung. Claude Fischler hat es in einem bemerkenswerten Satz ausgedrückt: "Die Ernährung muss nicht nur dem Magen, sondern auch dem Kopf gut tun." Um 1820 wurden in Frankreich zahlreiche Verordnungen erlassen, um Kindern und ihren Eltern eine "richtige Ernährung" beizubringen. Die altfranzösische Sitte, alles gleichzeitig lauwarm auf den Tisch zu bringen, wurde abgeschafft und das Drei-Gänge-Menü eingeführt: Vorspeise, Hauptgang, Nachtisch. Man hörte auf, Geschmacksrichtungen wie süß und salzig miteinander zu vermischen, um zu lernen, sie besser zu unterscheiden. Es wurde eine regelrechte "Essphilosophie" geschaffen, die sozialen wie politischen Zwecken diente – und davon profitieren die Franzosen noch heute.
Den Generationen, die vor 1970 zur Schule gingen, kam dieses Erbe noch zugute, vor allem dank der Schulspeisung, deren Ziel nicht alleine darin bestand, die Kinder mit Nahrung zu versorgen, sondern ihnen Geschmack beizubringen. Dieses Ziel verlieren wir heute aus den Augen.


Eine Ernährungserziehung scheint also unbedingt notwendig zu sein. Wie sollte sie aussehen?

Die französische Küche hat sich, inspiriert von der italienischen, im 16. Jahrhundert entwickelt. Die Italiener sind im positiven Sinne "Essfanatiker", von denen wir viel lernen können. Es gab in Italien, ausgehend von der sogenannten "Slow Food"-Bewegung als bewusster Gegentrend zum "Fast Food", eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema; entstanden ist daraus ein 3-jähriges Programm zur Geschmacksschulung. Italienische Kinder erhalten im letzten Abschnitt der Vorschulzeit und in den beiden ersten Grundschuljahren eine Geschmacksausbildung, nicht etwa, um Gourmets aus ihnen zu machen, sondern gute Bürger. Denn wer lernt, differenziert zu schmecken, wird später vielleicht auch eher in der Lage sein, differenziert zu denken. Esskultur als verhaltensprägender Einflussfaktor - z.B. um Gewalt auf dem Schulhof einzudämmen.


Welche Rolle kommt dabei ihrer Meinung nach staatlichen Maßnahmen zu?

Die vor zwei Jahren in Frankreich getroffene Entscheidung, Selbstbedienungsautomaten mit Süßigkeiten und Snacks in Schulen zu verbieten, halte ich für eine hervorragende Initiative. Zum einen, weil damit bestimmten zuckerhaltigen Produkten der Hahn abgedreht wird und zum anderen, weil sie dazu beiträgt, das Ernährungsverhalten wieder in strukturiertere Bahnen zu lenken. Trotzdem warne ich vor allzu großem Optimismus: Die Industrie arbeitet bereits an Gegenvorschlägen, kündigt etwa an, die angebotenen Produkte in ihrer Zusammensetzung zu ändern, die Automaten mit weniger ungesunden Produkten zu bestücken etc... Ein zweiter Punkt ist die Frage, welches Ziel man mit der Schulspeisung verfolgen will. Sollen die Kinder in der Schule nur mit der notwendigen Nahrung versorgt werden oder soll die Kantinen-Mahlzeit auch einen Lerneffekt haben, kulturelle Werte, Traditionen, Rituale vermitteln?


Welche Möglichkeiten sehen Sie denn, um die Ernährungsgewohnheiten über die Kantine zu beeinflussen?

Was die Schulkantinen angeht, stellt man sich immer wieder die Frage: Müssen wir bei der Modernisierung unserer Ernährungsgewohnheiten noch weiter gehen, um unsere Jugendlichen bei der Stange zu halten? Das heißt, muss man die Kantinen wirklich wie eine Cafeteria einrichten, mit einem nur vermeintlich vielfältigen Speisenangebot und einer stark reduzierten Dauer der Mahlzeiten? Das Cafeteria-Konzept bedeutet ganz einfach die Übernahme des Fließbandprinzips, die Industrialisierung der Esskultur. Die Kunden müssen schnell abgefertigt werden. Andererseits gibt es ja zum Glück auch Kommunen, die keine genetisch veränderten Lebensmittel in ihren Schulkantinen wollen oder wieder zum System der Schulrestaurants mit eigener Küche zurückkehren. Die Kinder, die dort essen, sehen einen Koch und Küchenpersonal, und bekommen eine humanisierte Beziehung zu ihrem Essen.


In den USA haben die schädlichen Folgen der schlechten Ernährung bereits die Gerichte beschäftigt...

Ja, es gab eine Reihe von Verfahren, bei denen amerikanische Bürger gegen die Industrie geklagt haben, ähnlich wie bei den Schadensersatzklagen gegen Zigarettenhersteller. Die Fast-Food-Lobby hat sehr schnell mit einer gigantischen Image-Kampagne reagiert. Dabei stützte man sich zum einen auf Ergebnisse einer Umfrage, der zufolge 89 % der Amerikaner der Meinung waren, die Betroffenen seien selber schuld an ihrem Übergewicht und ihrem Diabetes. Zum anderen hat die Lobby die Rolle der Nahrungsmittel bei der Fettsucht heruntergespielt und darauf verwiesen – was zum Teil natürlich richtig ist – dass hierfür zahlreiche Faktoren in Frage kommen, wie zum Beispiel mangelnde körperliche Betätigung. Alle großen Nahrungsmittelkonzerne haben sich diese Argumentation als Verteidigungsstrategie zu eigen gemacht und empfehlen nun, mehr Sport zu treiben.


Sie setzten sich mit der der Vereinigung "Casseurs de pub" dafür ein, die Schulen zum „werbefreien Raum“ zu machen. Welchen Einfluss hat die Werbung auf unsere Ernährungsgewohnheiten?

Alle aktuellen Studien zeigen, dass die Werbung einen beträchtlichen Einfluss darauf hat, wie wir essen und was wir essen. Es ist bekannt, dass es eine Korrelation zwischen Übergewicht und der täglich vor dem Fernseher verbrachten Zeit gibt. In Frankreich schauen Kinder bereits mehr als 3 Stunden und 40 Minuten täglich fern. Manche Länder liegen sogar noch darüber. Kinder werden heutzutage mehr vom Fernsehen erzogen und betreut als von Menschen. Es liegt auf der Hand, dass sich das auch auf die Ernährung auswirkt. Allein schon deshalb, weil die Kinder mit Werbung für ungesunde Produkte bombardiert werden. Aber auch, weil das Fernsehen selbst zur Passivität verleitet, die ihrerseits wieder den Wunsch nach Kompensation erzeugt – in Form von "Fress-Sucht".


Sie haben 1997 in Ihrem Buch "La fin des mangeurs" die Entwicklung unserer Beziehung zu unserer Nahrung eher pessimistisch eingeschätzt. Seither gibt es doch gewisse Ansätze eines stärkeren Ernährungsbewusstseins. Wie beurteilen Sie diesen neueren Trend?

Ich wollte mit diesem Buch in Frankreich eine Diskussion über unsere Esskultur in Gang bringen. Heute muss man feststellen, dass McDonald und die Nahrungsmittelindustrie es mit bemerkenswertem Geschick verstanden haben, sich diese Entwicklung zunutze zu machen – sogar die Aktivitäten von Alternativbewegungen. Das Thema Bio, vor 15 Jahren noch eine extreme Randerscheinung, findet heute in der gesamten Gesellschaft Anklang. Es geht den Leuten dabei jedoch um die Idee einer gesunden Ernährung aus egoistischen Motiven: Bio ist gesund für meinen Organismus. Alle anderen Aspekte im Zusammenhang mit Bio-Erzeugnissen werden komplett ausgeblendet. Dabei steht hinter dieser Forderung nach biologischen Produkten ja noch ein anderes Konzept: Der Wunsch nach einer extensiven und nicht intensiven Form der Landwirtschaft.


Lässt sich diese Entwicklung noch umkehren?

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, diesen Trend rückgängig zu machen. Der Niedergang der Esskultur ist ja nur eine der verschiedenen Ausprägungen der Destrukturierung der Gesellschaft insgesamt. Unsere Gesellschaft hat ihre Rituale verloren, und da unsere kollektive und individuelle Identität immer brüchiger wird, wird auch unsere Esskultur vielleicht immer ärmer werden. Je ärmer ein Land, desto menschlich reicher ist seine Esskultur, gewissermaßen sinnüberfrachtet, um die Einfachheit der Nahrung zu kompensieren. Je reicher dagegen ein Land ist, desto menschlich ärmer ist seine Esskultur. Das scheint mir ein ganz wesentlicher Punkt zu sein. Ich weiß nicht recht, ob es über die Esskultur gelingen kann, diese Entwicklung umzukehren, denn sie spiegelt ja nur die tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen wieder.

Das Gespräch führte Nicola Hellmann

Erstellt: 10-03-05
Letzte Änderung: 29-08-08