(2007, Frankreich, 1h53)
Synopsis: „Dieser Film beruht auf einem anderen - dem Film, der 1975 vom Filmemacher René Allio auf der Grundlage einer Lokalnachricht in der Normandie gedreht wurde: Ich, Pierre Rivière, der ich meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Bruder die Kehle durchgeschnitten habe… Ich war damals 24 Jahre alt. René Allio hatte mir den Posten des ersten Regieassistenten angeboten. Dieser Film, der einige Kilometer entfernt von dem Ort gedreht wurde, wo 140 Jahre zuvor der dreifache Mord begangen worden war, sollte einen großen Teil seiner Einzigartigkeit der Tatsache verdanken, dass die meisten Rollen von Bauern der Region gespielt wurden. Und jetzt habe ich mich entschlossen, in die Normandie zurückzukehren, um dort diesen Menschen, die für einen kurzen Moment ihres Lebens Schauspieler waren, wieder zu begegnen. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen…“ Nicolas Philibert.Kritik: Die Geschichte des letzten Dokumentarfilms von Nicolas Philibert, „Sein und Haben“, lässt sich in mindestens drei Phasen aufteilen: erst die Begeisterung bei der Vorführung in Cannes vor fünf Jahren, dann der noch nie da gewesene Erfolg im Kino, nicht zu vergleichen mit dem bisherigen Werdegangs des Filmemachers, und schließlich die Exzesse, unvermeidlich angesichts der unverhältnismäßigen Karriere des Films: Kehrtwendung, Prozess, Klatsch und Tratsch… Das ist viel für einen Autor, der sich einem auf Geduld und Bescheidenheit beruhenden Kino verbunden fühlt. Es ist durchaus verständlich, dass Philibert Bilanz ziehen und daran erinnern wollte, wer er ist, ein linksgerichteter Filmemacher, dem wenig an Selbstgefälligkeit und der damit verbundenen Affektiertheit liegt. So entstand die Idee, zum Ursprungsort seines Engagements als Filmemacher und seiner Motivation als Dokumentarfilmer zurückzukehren. Als junger Anwärter auf den Beruf des Regieassistenten Anfang der 70iger Jahre hatte er sich sicherlich nicht rein zufällig an René Allio gewandt, dem Autor des Films „Les Camisards / Aufruhr in den Cevennen“.
Indem Philibert an den Drehort zurückkehrt, um dort die Protagonisten wiederzufinden, führt er, dem man vorgeworfen hat, die Kinder und den Grundschullehrer in „Sein und Haben“ auszunutzen, die Zuschauer zum Herzstück seiner Arbeit zurück. Sie sind es, die Kino beseelen und in es investieren. Der Regisseur geht also ein Projekt an, aber er weiß nicht, was er dreißig Jahre später vorfinden wird, noch wen er auf dem Weg dorthin antreffen wird. Seinen Äußerungen zufolge befreit sich der Film so von dem Joch, das man einem Dokumentarfilm in der Regel auferlegt: Sein Thema. Seiner Meinung nach haben die Dreharbeiten von 1975 eine entscheidende Erfahrung für ihn und die Laienschauspieler begünstigt, sozusagen einen Grundstein gelegt, ihre Begegnung erst ermöglicht und den Eindruck gestärkt, dass diese Erfahrung etwas sein könnte, was sie alle weiterbringt. Das Streben nach Würde, einem einfachen, essentiellen und grundlegenden Gefühl, ist also eines der Hauptanliegen dieser Rückkehr in die Normandie. Philibert präzisiert in diesem Zusammenhang, dass ihm an einem Film lag, der alle anspricht, ein anfangs nicht ganz leicht einzuhaltendes Postulat, wenn man bedenkt, dass es darum geht, die verborgene Erinnerung an René Allio und seinen Film ins Gedächtnis zu rufen - einen Film, den er vor dreißig Jahren auf der Grundlage einer Vorstellung von Kino gedreht hat, die im Zusammenhang mit politischen Angelegenheiten zu sehen ist, die im engeren Sinne heute nicht mehr aktuell sind. Die Restauration ist insofern legitim, als sie viele Ähnlichkeiten mit heutigen Problemen und Auseinandersetzungen aufweist – ob sie nun das Kino betreffen oder nicht.
Die letzte Einstellung offenbart zudem, dass dieses Projekt ein auf den Vater gerichteter Blick ist - dargestellt von einem Schauspieler, der auch bei dem Film des heute verstorbenen Allios dabei war – wenngleich das Verbrechen von Pierre Rivière das Gegenteil eines Vatermords war. Das war damals das schlimmste Verbrechen, der Jugendliche schnitt seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Bruder die Kehle durch, weil sie den Mann in der Familie verachteten. Die erste Einstellung zeigt ihrerseits die Niederkunft eines Schweins und die Art und Weise, wie ein Bauer dem zerbrechlichen Neugeborenen hilft und es ins Leben befördert. Allio und Philiberts Vater haben ganz ohne Zweifel die entscheidende mäeutische Vorarbeit für den Filmemacher geleistet, der damals noch ganz am Anfang stand und heute ihre Verdienste auf seine Weise würdigen will: mit einem Film, einer bemerkenswerten Darstellung des Zusammenspiels von Leben und Kino.
Julien Welter






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Eine bemerkenswerte Darstellung des Zusammenspiels von Leben und Kino vom Autor von „Sein und Haben“.
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