Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten - 01/09/08
Tabuverletzung um jeden Preis
Die fiktiven Erinnerungen eines SS-Schergen. Eine Rezension von Ariane Thomalla
Die Erinnerungen verfolgen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Max Aue. Er war mit für die Massaker der SS-Vernichtungsmaschinerie im Osten verantwortlich, versetzte selbst manchen „Gnadenschuss“. Deshalb muss er seine Memoiren schreiben. Ein Roman, dessen monströse Geschmacklosigkeiten und literarisch-dokumentarische Detailliertheit von über 1400 Seiten den Leser verwirrt zurücklässt.
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Von Anfang an stellt sich die Frage nach der Motivation. Warum setzte Jonathan Littell, ein Französisch schreibender, 38 Jahre alter amerikanischer Jude litauischer Herkunft, der mit seiner Frau und zwei Kindern heute in Spanien lebt, diesen Roman in die Welt? Ein Erstling von 1400 Seiten, der in monströser Detailliertheit die schlimmsten Massenmorde der Menschheit „erzählt“. Neu und das eigentliche Skandalon ist die Perspektive. Ein ehemaliger Täter erzählt. Ein einst für die Kontrolle und die Organisation des Tötens zuständiger SS-Mann, einer der Mörder aus dem Reichssicherheitshauptamt, der sich Ende des Kriegs dank seiner durch die französische Mutter vorhandenen Frankophonie unter den zurückkehrenden Deportierten nach Frankreich absetzen konnte.
Seitdem lebt er gutbürgerlich verheiratet, zwei Zwillingskinder, als Geschäftsführer einer Spitzenfabrik im Norden des Landes. Älter werdend kann er immer weniger die Erinnerungen aushalten. Die Erinnyen des Orest, schon in der Antike euphemistisch die “Wohlgesinnten“ genannt, verfolgen ihn. Noch immer erbricht er häufig, ein Leiden, das ihn seit Babi Jar verfolgt, dem Massaker an 33 000 Jüdinnen und Juden im September 1941 in der Schlucht bei Kiew, wo er als diensthabender SS-Offizier, auf Leichen, Blut und Exkrementen watend, einige Stunden für die Gnadenschüsse zuständig war. Hier drehte er zum ersten Mal durch und wurde fürsorglich aus dem Verkehr gezogen. Später schicken ihn die SS-Ärzte zwei Monate zur Erholung auf die Krim. Man tat etwas für die Seinen. Jetzt in Frankreich beginnt es „sehr oft am Tag“ in seinem Kopf „zu fauchen und zu grollen, dumpf wie im Ofen eines Krematoriums“. An beliebigen Nachmittagen sieht er Blut zwischen den Pflastersteinen rinnen, „Fleischklumpen an den Hauswänden kleben oder durch die Fenster fliegen“, hört Schreie und das Stöhnen von Menschen. Und erklärt: „Ich bereue nichts: Ich habe meine Arbeit getan, mehr nicht.“ Und: „Ich war nicht der Einzige, der den Verstand verlor.“ Schreibt ein solcher Täter solche Memoiren? Um sich die Seele auskotzend „selber Klarheit zu verschaffen“? Auch, um den „Menschenbrüdern“, die er im ersten Satz direkt anspricht zu „erzählen, wie es gewesen ist“? Und schlägt ein solcher Täter, wissenschaftlich verantwortlich denkend, brav in den Geschichtsbüchern nach, etwa bei Raul Hilberg, damit alles nachher schön stimmt? Und es stimmt ja auch alles. Jonathan Littells Buch ist eine Meisterleistung der Recherche. Eine erschreckende, gewaltige Dokumentation der NS-Verbrechen. Erstmals aus der Tätersicht.
Eine reine Kunstfigur
Jedoch könnte es diesen Dr. jur. Max Aue so nie gegeben haben: ein intellektueller Nazi, der über Kant parliert, seinen Stendhal unter dem Arm trägt und sich Heidegger erklären lässt, der in Frankreich die Elitehochschule ELDS absolvierte und in Deutschland promovierte und sich über seine SS-Mittäter als „erbärmliche Vertreter des Herrenvolks“ mokiert, will er sich doch von den bloßen „Technikern der Macht“, den gierigen „Goldfasanen“ und den sadistischen Schlächtern unterschieden sehen. Dieser glühende Nationalsozialist, der den Leser über viele Seiten hinweg mit seinen ausgespreizten Reflektionen zum Beispiel über die Juden, „unser Unglück“, quält und grotesk ausführlich auch die Worte von Hitler, Himmler, Eichmann, Ohlendorf und anderen Nazigrößen zitiert, ist reine Fiktion. Er lauscht, von seinem Schöpfer wie in einer Zeitreise in die Nazi-Vergangenheit geschickt, im Hause Eichmann dem Geigenspiel des Familienvaters, speist in russischen Restaurants mit Otto Ohlendorf, dem Chef der Einsatzgruppe D im Süden der Ostfront, unter dessen Befehl 90 000 Männer, Frauen und Kinder (meist Juden) exekutiert wurden; tätschelt in Auschwitz, wo er kräftige jüdische Männer als Arbeitssklaven vor dem Tod im Gas erst noch für die deutsche Wirtschaft selektieren soll, die Kinder des Chopin spielenden Lagerkommandanten just vor einem Gatter, „hinter das wir nicht dürfen“, plärren die Kleinen.
Im Reichssicherheitshauptamt versucht er dem Reichsführer SS, der seinen Protegé immer wieder zu den „Einsätzen“, „Sonderkommandos“, „Aktionen“ in den Osten und in die Vernichtungslager entsendet, um ihn hinterher zu dekorieren, in die Augen hinter den glitzernden kindlich runden Brillengläsern zu sehen, was ihm nicht gelingt. Himmler ermahnt den verdeckten Homosexuellen zur Fortpflanzung seiner kostbaren SS-Gene. „Warum nicht über die Institution Lebensborn, Obersturmbannführer!“ Mit Reichminister Speer jagt Aue im brandenburgischen Jagdgebiet eines wohin auch immer geratenen Juden. Tatsächlich jagt nur Speer. Aue, der vom Sich-Schmutzig-Fühlen und Waschobsessionen verfolgt wird und keinen dunklen Fleck auf seiner Uniform erträgt, mag Tiere nicht töten.
Dr. jur. Max Aue ist überall
Glaubwürdig, unglaubwürdig? Tatsächlich findet man diesen Mann auf allen entscheidenden Schauplätzen der NS-Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie: „Inmitten der Schlächterei“ in Galizien, in der Ukraine, im Kaukasus, in Auschwitz. Zuletzt in Budapest, als Eichmann die „Evakuierung“ der ungarischen Juden „organisiert“. Und – wie sollte es anders sein - sogar in Stalingrad, wo ihm ein Loch durch den Kopf geschossen wird. Wobei man zugeben muss, dass Littell das Grauen der Eis- und Ruinenwüste von Stalingrad grandios beschreibt. Eines der literarisch faszinierenden Kapitel des Buchs. Ebenso anrührend ist die Schilderung der endzeitlich zerstörten im Rauch stehenden Hauptstadt Berlin nach fünf Fliegerangriffen, die Szenerie der Toten, der Gehenkten in den Ruinen, der Verwirrtheit der Menschen. Verwirrtheit auch in den zerbombten Quartieren von Gestapo und SS. Als sehr begabter Autor erweist er sich vor allem in der ergreifenden Beschreibung der Todesmärsche aus Auschwitz, denen Max Aue vier Tage lang ohne Auftrag, selbst wie von Sinnen, folgt. Littell versteht es, poetisch zu verdichten.
Das Inzest-Trauma
Kaum ist deshalb zu verstehen, dass er dann wiederum so kolportagehaft geschmacklos und vulgärpsychologisch andeutet, was Max Aue überhaupt zum Nationalsozialisten werden ließ, zu diesem psychosomatisch von unendlichem Erbrechen, bitterem Aufstoßen und ekliger Dauer-Disharröe geschüttelten Parteimitglied. Die peinliche Kitschromanze erzählt, dass er ein inzestiös aktives Kind gewesen sei. Una hieß die Zwillings-Geliebte. Thomas Manns „Wälsungenblut“ lässt grüßen. Gewaltsam wurden die Königskinder in der Pubertät auseinander gerissen. Das hat Max anscheinend nie verkraftet. Eine Folge: Er ermordet am Ende seine in Antibes lebende Mutter und den Stiefvater. Ein Bewusstseinsriss? Und von wem, bitte sehr, sind die geheimnisvollen Kinderzwillinge, die dort im Park spazieren und am Tag nach der Mordtat großäugig schweigend an seiner Zimmertür stehen? Soll die dreimal hochbemühte Zwillingsmetapher etwas so Peinlich-Verquastes suggerieren wie die Unmöglichkeit einer deutsch-jüdischen Zwillingsschaft in der Weltgeschichte oder wie auch immer? Damit nicht genug: Aus dem Schwestern-Trauma floh Dr. jur. Max Aue nicht nur in den Nationalsozialismus, auch direkt gleich in die Homosexualität, eine Flucht allerdings in eine eiskalte Variante dieses Fachs, Anlass, den Text mit sadistischen und anal-erotischen Phantasien zu überschwemmen.
Die Entehrung der Opfer
Spätestens hier fragt sich der schockierte Leser, ob solche pornographische Nachbarschaft nicht die Millionen Opfer, die geschändet und getötet wurden und von denen hier ausführlich die Rede ist, entehrt? Was wollte Jonathan Littell also? Alle Schranken einreißen? Tabuverletzung um jeden Preis und gegen alle Scham? Parodie der Holocaustindustrie? War Obsession mit im Spiel? Oder ging es nur schlicht darum, einen Bestseller zu kreieren? Letzteres, jedenfalls, ist Littell vortrefflich gelungen. In Frankreich erzielt das im Herbst 2006 bei Gallimard erschienene Buch absolute Rekordverkaufszahlen. Und nicht nur das! Auch die besten Preise des Landes, den Prix Goncourt und den Preis der Académie Francaise, bekam der Autor verliehen. Jenseits des Rheins, wo derzeit alles Filmische und Literarische en vogue ist, das reißerisch landsermäßig vom bösen Hitlerreich handelt, kann man sich wohl Kritiklosigkeit leisten. Deutschland steht historisch völlig anders da.
Eine Rezension von Ariane Thomalla
Erstellt: 25-02-08
Letzte Änderung: 01-09-08