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18/12/07

Richard Lester

Von den vier Beatles zu den drei Musketieren


Der britische Filmemacher Richard Lester hat eine ungewöhnliche und kurze Laufbahn hinter sich. Er ist ein ängstlicher Mensch, wie die meisten Komiker.

Die drei Musketiere („The Three Musketeers“) (1973)
Die vier Musketiere - Die Rache der Mylady („The Four Musketeers“) (1974)
Royal Flash (1975)
Die Rückkehr der Musketiere („The Return of the Musketeers“) (1989)

Seine ersten Schritte machte er an der Seite von Peter Sellers im Fernsehen. Zudem drehte er 1966 mit „Toll trieben es die alten Römer“ („A Funny Thing Happened on the Way to the Forum“) den letzten Film mit Buster Keaton, kurz nachdem dieser in Samuel Becketts Film gespielt hatte (da hat Lester hoch gegriffen) und kurz vor dem Tod des Mannes, der niemals lachte. Methodisch und unermüdlich feilte Lester seinen von Gegensätzen geprägten Stil immer weiter aus; das Absurde, der surreale Witz und die Tradition des Slapsticks finden bei ihm den Vorrang. „Yeah Yeah Yeah“ („A Hard Day's Night“, 1964) brachte ihn als Regisseur im Rampenlicht. Dieser Film mit den Beatles wurde sehr schnell gedreht, da die Produzenten vom Erfolg der Gruppe profitieren wollten, den sie für vergänglich hielten. Im Jahr darauf konnte Richard Lester dann in „Hi-Hi-Hilfe!“ („Help“) seinen eigenen Stil durchsetzen. In wenigen Monaten waren die Beatles zu Weltstars geworden, sie waren sich dessen bewusst und hatten das das Marihuana entdeckt. Bei den Dreharbeiten zu „Hi-Hi-Hilfe!“ auf den Bahamas musste der gewissenhafte Filmemacher mit den vier sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten der Band zurechtkommen, die sich ständig albern verhielten und sich keine Zeile ihres Textes merken konnten. Dennoch erhielt Lester einige Monate später bei den Filmfestspielen von Cannes nichts Geringeres als die Goldene Palme für „Der gewisse Kniff“ („The Knack... and How to Get It“), eine genauso abgedrehte und wahnwitzige Komödie, in der ein schüchterner junger Mann mit seinem Mitbewohner, einem erfahrenen Frauenheld, konfrontiert wird. Zeitgeist und eleganter Sinn für Chaos ziehen sich durch diese Filme, die von den Filmeinrichtungen aufs Höchste gelobt wurden.

Die Vermischung der Welt des Pops mit der des Witzes regte Lester dazu an, seine Aufmerksamkeit auf den Rhythmus und einen schwungvollen Erzählstil zu richten. Dies stellte sich für die Adaption von „Die drei Musketiere“ als unentbehrlich heraus. Das Projekt entsprang dem Bedürfnis des Produzenten Alexander Salkind, sich nach den Misserfolgen von „Austerlitz - Glanz einer Kaiserkrone“ („Austerlitz“) und „Der Prozess“ („Le Procès“) von Orson Welles wieder einer erfolgreichen Produktion zu widmen. Sein Sohn, der an seiner Seite bekannt werden wollte, schlug ihm Dumas’ Roman vor, wobei ihm übrigens die Beatles vorschwebten (schließlich posierten sie ja schon auf dem Plattencover von „Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ als Husaren). Die Wunderkinder hatten sich jedoch getrennt und es verbanden sie im Jahr 1973 nur noch Rechtsstreitigkeiten. Daher traten Vater und Sohn Salkind mit Tony Richardson in Kontakt, doch der Regisseur von „Angriff der leichten Brigade“ („The Charge of the Light Brigade“, 1968) hatte bedauerlicherweise den Wunsch, mit dem Mythos zu brechen, und ersann deprimierte Musketiere, die in ein Nonnenkloster flüchten. So erhielt Richard Lester den Job, und das Drehbuch schrieb der Romanautor George MacDonald Fraser. Letzterer hatte auch die Figur des Harry Flashman erschaffen, eines ungeschickten, feigen Offiziers im Dienst der Krone: Auch in der Roman-Serie, deren „Held“ Flashman war, vermischten sich Abenteuer, Geschichte und Waffenröcke mit Humor.

Das Filmteam von „Die drei Musketiere“ verpflichtete sich für monatelange Dreharbeit in Francos Spanien, wo die Korruption es möglich machte, an den schönsten historischen Orten zu drehen. Die Produzenten brachten selbst mehrere Gerüchte über die Keilereien zwischen den beiden weiblichen Stars Faye Dunaway und Raquel Welch in Umlauf. Die Presse ging ihnen natürlich auf den Leim oder gab es zumindest vor, in Wirklichkeit aber war das Team ebenso arbeitsam wie der Regisseur. Lester gab Miss Welch sogar die Anweisung, „nichts zu tun“, was ihr komisches Potential auf der Leinwand vervielfachte (die Erinnerung an Buster Keaton erwies sich als großer Vorteil). Außerdem spielten die Schauspieler ihre eigenen Stunts. Dieser Wagemut stand vielleicht in Zusammenhang mit der sorglosen Stimmung zu Beginn der Siebzigerjahre, dem großzügigen Budget und dem Prunk dieser Koproduktion. Im Gegensatz zu Hollywoodproduktionen beschränken die Kämpfe sich hier nicht auf Eleganz. Die Burleske gibt tollpatschigen Gesten den Vorrang und der Hauch von Realismus ermöglicht einen trockenen Ton an markanten Stellen. Die Musketiere prügeln sich wie wild, alle Schläge sind erlaubt, aber die Bravour bleibt erhalten. Neben D’Artagnan aus der Gascogne, einem tollpatschigen Jüngling, dessen Mut im umgekehrten Verhältnis zu seiner Intelligenz steht, dem arroganten Porthos und dem melancholischen Aramis bleibt der scheue Athos wieder einmal der bemerkenswerteste Musketier, zumal er von Oliver Reed gespielt wird. Der lebensfrohe britische Filmstar hatte, im Gegensatz zu den Beatles, die unübertroffene Fähigkeit, seine Freude am Feiern und an durchgemachten Nächten mit seiner Professionalität zu vereinbaren. Auch wenn er gerade von einem langen Abend zurückkehrte, war er um sechs Uhr morgens bereit zu drehen und hatte seinen Text sorgfältig gelernt. Ridley Scott, der mit „Gladiator“ (2000) sein letzter Arbeitgeber war, sagte über ihn, er sei eines Morgens im Pub verstorben und dies sei nicht die schlechteste Art, das Zeitliche zu segnen. Lester hingegen ist kein derart abgebrühter Mensch. Der Tod seines Freundes Roy Kinnear bei den Dreharbeiten zu „Die Rückkehr der Musketiere“ im Jahr 1988 erschütterte ihn zutiefst. Deshalb beendete er kurzerhand seine Karriere, als er noch nicht einmal 60 Jahre alt war, denn er fühlte sich nicht in der Lage, das Spiel des Showbusiness’ weiter mitzuspielen. Dennoch übernahm er zwischenzeitlich die riskantesten Aufgaben: Er sprang kurzfristig für Richard Donner, den Regisseur von „Superman III“ (1980), ein, was ihm die Fans des „fliegenden Dummkopfes“, wie Francis Coppola Superman gerne nannte, nie verziehen haben. Außerdem wurde er beauftragt, „Die drei Musketiere“, ursprünglich ein opulentes Sittengemälde, in einen Zweiteiler zu verwandeln. Dies machte die Produzenten des Filmes um einiges reicher, denn ein zweiter Teil, der aus den in Spanien gedrehten Szenen zusammengeschnitten wurde und einmal „Die vier Musketiere“ und dann wieder „Die Rache der Mylady“ genannt wurde, kam ein Jahr später heraus.

Der dritte Teil ist von „Zwanzig Jahre später“ (Alexandre Dumas’ Fortsetzung zu „Die drei Musketiere“) inspiriert und somit weniger anachronistisch, obwohl eine wichtige weibliche Rolle, die in Dumas’ Roman fehlt, einfach dazuerfunden wurde. Lester, der ängstliche Gagman, konnte nach Herzenslust Antagonismen einbauen in dieses Werk, in dem die lauten und rauen Gesellen von einst sich nun Fragen stellen über die Vergänglichkeit des Ruhmes, aber auch über die Unmöglichkeit, so wie früher große Worte und die seidenweichen Federn ihrer Kleidung zu vereinen mit der Kunst, selbstsicher das Schwert zu führen und mühelos die schweren, verdreckten Stiefel zu heben. Die fröhliche Anarchie, die Lester so sehr schätzt, bleibt dennoch erhalten: In jenem ausgehenden 17. Jahrhundert lauern die Fronde und Kardinal Mazarin. Karl I., der König von England, muss gerettet werden, und das Scheitern der Beziehung zwischen Athos und Mylady muss hinterfragt werden – die Zeiten sind also vorbei, als man sich noch in den Höfen von Gasthäusern wälzte, die wie Schweineställe aussahen, und nach dem Schmuck der Königin von Frankreich, Anna von Österreich, suchte. Dazu spielt die Musik von Michel Legrand, der 1973 seine erste Partitur für einen Historienfilm komponierte (wenn man einmal von der zeitlosen und wunderbaren Partitur für „Eselshaut“ („Peau d’âne“) aus dem Jahr 1970 absieht). Mit der gleichen urkomischen Respektlosigkeit wird gestürzt, gedrängelt, gesprungen und gestoßen, der pikareske Schwung ist jedoch mit dem Gewicht der vergangenen Jahre beladen.

Mehr noch als diese melancholische, aber immer noch pikareske Rückkehr bildet „Royal Flash“ (1975) die eigentliche absonderliche Ausnahme in dieser Reihe von Mantel-und-Degen-Filmen, denn Harry Flashman ist über die Grenzen Englands hinaus weitaus weniger bekannt. Unter der Feder seines Erschaffers, George MacDonald Fraser, der auch das Drehbuch schrieb, wird der gaunerische, feige und raffgierige Offizier zum Vorwand für einen faulen Trick. Unter der Leitung von Richard Lester und ausgestattet mit den ausdrucksstarken Gesichtszügen Malcolm McDowells muss er die Identität eines nordischen Prinzen annehmen, um dem finsteren Otto von Bismarck (Oliver Reed, köstlich wie immer) zu helfen, ein mächtiges, vereintes Reich aufzubauen. „Royal Flash“ ist dasjenige von Lesters Werken, das sich am meisten der Welt der Monty Pythons annähert. Während Stanley Kubrick „Barry Lyndon“ drehte, nutzte hier auch McDowell, dem Kubrick zuvor die Hauptrolle in „Uhrwerk Orange“ („A Clockwork Orange“) gegeben hatte, das Prestige seiner Uniform, glättete seine Koteletten mit stolzgeschwellter Brust und hob das Kinn, um in die Figur des Dummkopfes Harry Flashman zu schlüpfen. Der affektierte Sturkopf verliert letztendlich sein gesamtes Vermögen und sein Hintern wird aufgescheuert von … einer Spieluhr. Diese Übertreibung im Stil von Polanskis „Tanz der Vampire“ („Dance of the Vampires“, 1967) traf nicht jedermanns Geschmack, und „Royal Flash“ stellte sich als zwiespältiger Erfolg heraus, was Richard Lester erneut quälte. Verwendete der Filmemacher im Vorspann von „Die drei Musketiere“ einen Prolog im Stil der berühmten James-Bond-Vorspanne (ein Duell in Zeitlupe mit metallisch-blauen Lichtreflexen), so schielte er diesmal in Richtung einer 007-Parodie wie „Casino Royale“ (1967), in der sein Kamerad aus Anfangszeiten, Peter Sellers, den Geheimagenten verkörperte.

Julien Welter

Erstellt: 11-12-07
Letzte Änderung: 18-12-07