Wem „Fragen Sie den Papagei“ von Richard Stark alias Don Westlake gut gefallen hat, der wird auch „Keiner rennt für immer“ lieben. Dieser neue Band des im Dezember 2008 verstorbenen Autors ist nicht die Fortsetzung, sondern die Vorgeschichte des vom Start weg hochgelobten „Papagei“-Werkes. Hier wird erzählt, warum Parker am Ende durch die Wälder rennen muss, gehetzt von Spürhunden und ohne Beute aus dem Geldtransporter - Überfall. Irgendwie ist in der Planung von vornherein der Wurm drin. Eigentlich sollte ja nichts schief gehen. Zwei Banken in der amerikanischen Provinz fusionieren. Die, die geschluckt wird, schließt die Filiale und schickt ihr Geld dem Aufkäufer. Man braucht nur noch herausfinden, wann sich der Konvoi mit den Kröten in Bewegung setzt und den an einer günstigen Stelle überfallen. Aber wie Parker schon ahnt, nichts ist einfach, wenn dabei gröbere Emotionen mitspielen. Der Tipp kommt nämlich von der frustrierten, daueralkoholisierten Ehefrau des schnöseligen Bankiers, und Parker hasst nichts mehr Amateure. Leider macht auch noch ein Kopfgeldjäger die Gegend unsicher. Er sucht auf Honorarbasis einen Spion, den Parker eliminieren musste, weil der sich verkabelt in eine Runde hochkarätiger Ganoven eingeschlichen hatte. Das ist übrigens die hässliche Eingangsszene, die auf den mehr als lakonischen Stil Starks einstimmt und den Leser wider Willen zum Verbündeten der moralfreien Hauptfigur macht. Glücklich, wer „Fragen Sie den Papagei“ noch nicht gelesen hat, denn dem steht ein wunderbares, zweibändiges Lesevergnügen bevor.
Ingeborg Sperl/Standard, Februar 2009
Gestalten wir unseren Job? Oder gestaltet der Job uns? Richard Starks Serie um den Bankräuber Parker kann man als beharrlich wiederholte Antwort auf diese Frage lesen. Stark - das erfolgreichste der vielen Pseudonyme des zu Neujahr verstorbenen US-Autors Donald E. Westlake - zeigt uns einen Mann, der ganz und gar von den Sachzwängen seiner Arbeit geprägt wird. Parker, Spezialist für Überfälle auf Banken, Werttransporte, Juweliere, mag irgendwann einmal eine halbwegs freie Entscheidung für diese Art des Lebensunterhalts gefällt haben. Seitdem aber ist er unfrei. In seinem Leben regiert eine Logik, deren Flussdiagramme von keinerlei moralischen Skrupeln beeinflusst werden.
Für Parker gibt es zwei Ziele. 1.) Er will das Geld. 2.) Er will nicht geschnappt werden. Ziel 2 rangiert dabei immer höher als Ziel 1, weil man ohne Geld in Freiheit einen neuen Versuch zur Geldbeschaffung unternehmen kann, während man als inhaftierter Eigner irgendwo vergrabener Beute peinsam eingeschränkt ist.
Aus diesen beiden Regeln kann und muss Parker alle weiteren Entscheidungen ableiten. Er ist nicht unnötig gewalttätig, weil das Aufmerksamkeit erregt und den Fahndungsdruck erhöht. Aber er wird die Drohung von Gewalt und Gewalt bis hin zum Mord einsetzen, wenn das seinen Zielen dienlicher ist als Gewaltlosigkeit. Vor allem bei der Absicherung von Priorität 2 ist Parker zu allem bereit.
„Keiner rennt für immer” zeigt, wie Eskalationen des Handelns bei Parker nichts mit Adrenalinschüben zu tun haben. Der Mann bleibt ein nüchterner Rechner. Bestimmte Freundlichkeit - nun ja, vielleicht auch nur: Höflichkeit - und kühle Scheußlichkeit scheinen ihm gleichwertige Werkzeuge zu sein: spezielle Schraubendreher für spezielle Schraubenköpfe.
Nur feiert Stark eben nicht die Souveränität des Outlaws ab. Er zeigt den Berufskriminellen nicht als düsteren Helden der Autarkie, als Mann, der jenseits der Gesetze die Selbstbestimmtheit gefunden hat. Gesetzlos kann man Parker nur in Bezug auf die Paragraphen des Strafrechts nennen. Die Gesetze der Opportunität, die Ursache-Wirkungs-Ketten kriminellen Handelns spannen Parker ein wie Schraubstockbacken. Die Coolness des Profis wird im Fortgang jeden Parker-Romans als die Kühle des Roboters entlarvt. Parker kann, solange er arbeitet, gar nicht anders, als ein Programm abzuarbeiten. Er gibt trotz seiner Kontrollentziehungskompetenz und seines Abgetauchtseins in eine Schattenzone falscher Papiere, trügerischer Sozialmimikry und mörderischer Handlungsoptionen das Musterbild eines Sklaven der Verhältnisse ab.
Stark alias Westlake war ein Großmeister der Schule „Kein Wort zuviel”. Aber zur Prägnanz des Fransenlosen, zur Drohung, dass die klaren, einfachen Worte eine Welt klarer Entscheidungen und schlichter Werte (Geld & Bewegungsfreiheit zwecks Genuss des Geldes) - adäquat beschreiben, kommen bei Stark Souveränität in der Handhabung der Subtexte und ein Gespür für Suggestion.
In „Keiner rennt für immer” nimmt Parker eine Kleinstadtbank in Massachusetts ins Visier. Das ist typisch für die Malaise, mit der er in den späten Romanen der Serie zurecht kommen muss. Moderne Sicherungs- und Fahndungsmethoden machen einen überlegt agierenden Kriminellen wie ihn, der trotzdem noch vor Ort mit der Waffe in der Hand arbeitet, zum Anachronismus. Talente wie er agieren längst vom Computer aus als Wirtschaftskriminelle. Aus der Not vieler Krimiautoren - der reale gesellschaftliche Wandel macht einen lieb und lukrativ gewordenen literarischen Entwurf weitgehend untauglich - hat Stark eine Tugend entwickelt. Der Vollprofi Parker, einst ein Raubtier weit oben auf der Fressrangliste, ist zwar immer noch Profi, aber er hat sich fast zum Aasfresser herabentwickelt.
Selbst die kleine Provinzbank, um die es nun geht, wäre normalerweise kein lohnendes Ziel mehr für Parker. Am Schalter gibt es zu wenig zu holen, als dass ein 30-Sekunden-Blitzüberfall das Risiko lohnen würde, und ein zeitaufwendiger Angriff auf die gut gesicherten Tresore käme im Zeitalter der raschen Hubschrauberüberwachung aller Ausfallstraßen der Selbsteinweisung in den Knast gleich. Parker kann das Ding nur wagen, weil a) eine Ausnahmesituation vorliegt, weil im Zug einer lokalen Bankenfusion alle Wertpapiere, Geldreserven und Unterlagen von einem sicheren Ort an den anderen transportiert werden müssen, und weil b) unzufriedene Menschen vor Ort Insiderinformationen liefern und Komplizenschaft anbieten.
Hier kommt nun doch ein moralisches Element ins Spiel. Die vermeintlich anständige, heile, regelkonforme, eng verknüpfte Gesellschaft der Kleinstadt ist durch einen Außenseiter wie Parker angreifbar, weil sie sich heimlich bitter uneins ist und keineswegs zu den eigenen Werten steht. Gier, Frustration, Verbitterung, Verzweiflung führen dazu, dass jemand nachts ans Tor schleicht, den Riegel zurückzieht und die Diebe ins Haus lässt, im mehr oder weniger korrekten Kalkül, der Schaden an der Gemeinschaft werde einen Vorteil für das verräterische Individuum bringen. Parker erscheint wie ein Instrument göttlicher Gerechtigkeit, das Einigkeit und Aufrichtigkeit erprobt und der zwieträchtigen, heuchlerischen Gemeinschaft prompt ihre Bestrafung zukommen lässt.
Aber Richard Stark treibt diese Würgengel-des-Herrn-Beleuchtung Parkers (und damit die Umdeutung unseres Vergnügens am Asozialen in Sehnsucht nach höherer Gerechtigkeit) nie zu weit. Zum einen erinnert er beständig daran, dass Parker nicht aus moralischen Erwägungen handelt, sondern aus purem Opportunismus. Ob er die Fiesen oder die Anständigen schröpft, ist für ihn nur eine Frage von Zugang und Fluchtweg. Zum anderen raubt Stark seinem Protagonisten die Macht und Stärke, die wir von einem Schwert der Gerechtigkeit erwarten.
Just im Moment, in dem er Parker schwächt, fängt er - so ein Fuchs war Westlake/Stark - eine Schwäche des Romans auf. Schon zu Anfang macht er uns ja klar, dass zu den Kernkompetenzen von Parker die Auswahl der Komplizen, die Verteilung der Aufgaben, die Fähigkeit zum Planungsabbruch gehören. Aber nachdem wir gelernt haben, dass Parker nur überlebt, wenn er oft genug Nein sagt, wenn er fischige Partner und Projekte ablehnt, wenn er Wunschdenken und Risikokalkulation auseinander halten kann, erleben wir Parkers Verstöße gegen die eigenen Grundsätze. In „Keiner rennt für immer” tauchen so viele zusätzliche Unsicherheitsfaktoren auf, dass Parker die Überfallplanung auf den Bankumzugskonvoi abbrechen müsste.
Dass er trotzdem weitermacht, könnte man als Inkonsequenz von Stark tadeln: der Autor blende Parkers Profiregeln aus, weil er sonst nur einen halben Roman erzählen könne. Mir scheint das jedoch eine sehr bewusste Inkonsequenz zu sein, mit der Stark die Überlebtheit seines Helden deutlich macht. Parker weiß, wie man ein Ding richtig durchzieht. Aber die Umstände werden nie mehr danach sein, dass er im Einklang mit seinen professionellen Instinkten, Sensoren und Maßstäben handeln kann. Parker tut noch cool, aber er muss sich mittlerweile auf uncoole Projekte einlassen, wenn er überhaupt noch etwas verdienen will. Er ist also von seinem Beruf zuerst zur nüchternen Kosten-Nutzen-Kalkulationsmaschine verbogen worden, und nun wird er weiter verkrümmt, zum Verweigerer der eigenen Erkenntnisse. Damit hätte Richard Stark eine letzte Utopie - irgendwann kann Parker sich von der eisigen Berechnung wieder lösen - so nebenbei erledigt. Parker löst sich von der Berechnung, aber das bringt ihm keine Befreiung ins Menschliche, nur die gesteigerte Havariechance für die Überfallmaschine.
Thomas Klingenmaier/
filmblog.stuttgarter-zeitung.de, Februar 2009