Rezensionen
„Inspektor Kajetan kehrt zurück" von Roberts Hültners
Roberts Hültners „Inspektor Kajetan kehrt zurück“ ist ohne Zeitverweis nach vorn oder zurück fest situiert im Jahr 1928. Dieser Roman lebt von genauestem Hinschauen und Zuhören, präziser Einfühlsamkeit und Kenntnis der lokalen Gegebenheiten. Ex-Polizist-Kajetan landet auf der Flucht vor einer Fatwa der Nazis, die bereits die Münchner Politische Polizei kontrollieren, im Grenzland. Dort will er mit Hilfe von alten Bauerngenossen und Bergführern übers Hochgebirge emigrieren, wird aber in den Mord an einem lokalen Hotelier und die Flucht eines braven Kommunisten verwickelt, dem ein Spitzelmord angehängt werden soll. Wie in den anderen Kajetan-Romanen entfaltet Hültner - Region gleich Rechtlosigkeit - die Verwerfungen zwischen alter und neu aufziehender Gewaltherrschaft, zartem demokratisch-rechsstaatlichem Denken Einzelner und brutalem Opportunismus zu einem Sozial- und Sittengemälde bayrischer Zustände und bayrischer Menschen. Ihre Lebendigkeit lässt verstehen, warum die Sehnsucht nach Regionalkrimis so groß ist. Hültner widerspricht in seinem großartigen Realismus jedem Klischee: Nicht nur die Bayern sollten sich freuen, dass ihnen einer den weiß-blauen Himmel wegzieht. Denn gute Krimis sind nicht albern und schönfärberisch, sondern schwarz und realistisch. In Krisenzeiten erst recht.
Tobias Gohlis/Börsenblatt, April 2009
KrimiWelt-Bestenliste Mai 2009
Ein Kenner krachlederner Rhetorik ist dieser Mann, der seine Figuren Rotwelsch sprechen lässt: Über Haberer (Zuhälter), Kuttenbrunzer (Mönch) und Geschiss (Ärger) schwadronieren sie zwischen Münchner Polizeipräsidium und Zuchthaus Stadelheim. In einem Bajuwarisch, das derber ist, als es die Polizei erlauben dürfte. Aber im München der 1920er-Jahre, in dem Robert Hültners sozialkritische Krimis spielen, scheint erlaubt, was gefällt. Die Stadt im Ausnahmezustand bildet die Kulisse für deftige Sittengemälde. Hültner entführt seine Leser in eine politisch instabile, moralisch verderbte Räterepublik, deren Fährnisse er in atmosphärischer Dichte schildert, die kein Geschichtsbuch leistet.
Jetzt legt Hültner mit "Inspektor Kajetan kehrt zurück" einen weiteren Fall für seinen seriellen Fahnder vor. Und wieder ermittelt er in der Epoche zwischen beiden Weltkriegen. Die Fantasie des Paul Kajetan macht dem Schnüffler das Leben schwer. In nunmehr fünf Fällen hat die mittlerweile vom Dienst suspendierte Spürnase seit "Walching" (1993) so viel Dreck auch in den eigenen Reihen aufgewirbelt, dass sie daran zu ersticken droht. Nun muss der Gerechtigkeitsfanatiker und Widerspruchsvirtuose unter abenteuerlichen Umständen und Witterungsbedingungen aus München fliehen, nachdem er Vorteilsnahmen früherer Kollegen aufgedeckt hat. Einen Schneesturm in einem Alpenkaff überlebt er mit Ach und Krach; zum Verhängnis zu werden droht ihm ein Mord, der ihm in die Schuhe geschoben werden soll. Kajetan lässt sich auf einen riskanten Kuhhandel ein: Wenn er der örtlichen Polizei erfolgreich bei der Mördersuche hilft, entgeht er der Auslieferung nach München.
Auch dieser Fall des oft gefallenen Kajetan ist reich an historischem Flair und rhetorischem Witz. Für den deutschen Gegenwartskrimi, der oft an seltsamer Geschichtsvergessenheit leidet, ist Hültners Erinnerungsarbeit ein großer Gewinn. Sein historisches Genre hat Zukunft.
Hendrik Werner/Die Welt, 04-2009
KrimiWelt-Bestenliste Mai 2009
Wichtige Links:
- Autorenseite des Verlages btb
- Robert Hültner im Krimilexikon
- Kriminalhörspiel mit Udo Wachtveitel u. a.
- Tobias Gohlis über "Inspektor Kajetan und die Berüger"







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