Der deutsche Titel ist glänzend gewählt, führt er doch ins Zentrum des Konflikts: Juden und Araber sind Kinder Sems, des ältesten Sohns von Noah. Und theologisch sind Juden und Muslime Söhne Abrahams (über Frauen als Helden der Geschichte ist im Vorderen Orient traditionell wenig die Rede). Zumindest in der Sicht des Koran. Darin gilt Urvater Abraham als der erste Muslim, als der erste, der den wahren Glauben an einen Gott annahm und die Anbetung diverser Naturgötter ablehnte. Zum Zeichen seines neuen Gehorsams war er sogar bereit, seinen Sohn Isaak zu opfern. Mit dem anderen Sohn Ishmael begründete er die Kaaba und schlug dort den Nagel als Nabel der Welt in den Boden.Das alles muss man nicht wissen, wenn man Robert Littells „Die Söhne Abrahams“ (original 2006: „Vicious Circle“) zu lesen beginnt. Man erfährt es auch so.
Zunächst beginnt Littell ganz untheologisch: Mit dem Attentat einer palästinensischen Kampfgruppe auf einen israelischen General und seine amerikanische Geliebte. Darauf folgt das Vergeltungsattentat des Mossad, auch ein paar Tote. An dem ersten Attentat ist ein fast blinder Doktor beteiligt. Er erledigt seine Opfer mit einem aufgesetzten Schuss hinter die Ohren. Sein Kampfname ist Abu Bakr, wie der erste Kalif, der auf Mohammed folgte.
Nach diesem Vorspiel sind einige Jahre ins Land gegangen, in der vorgestellten Zukunft herrscht eitel Licht, und ein Friedensabkommen zwischen Palästinensern und Israel steht kurz vor der Unterzeichnung. Die amerikanische Präsidentin (Wahlprognose!) hat den nahöstlichen Streithähnen den Waffen- und Geldhahn zugedreht, um sie an den Verhanhdlungstisch zu zwingen. Wie die Unterzeichnung des Friedensvertrages trotz dieser äußerst vernünftigen Maßnahmen zu Fall gebracht werden könnte, und warum er vermutlich nie zustandekommen wird, ist Gegenstand des neuen Romans von Robert Littell.
In „Kalte Legende“ hat er in der Figur des Agenten Martin Odum eine moderne Variante des ewigen Juden mit einer Satire auf den modernen Geheimdienstwahn verknüpft. Nun geht es im Heiligen Land beider verfeindeter Religionen um Territorium. Wer kriegt das Wasser und das Land zum Vaterland? Das ist die politische Sichtweise des Konflikts, die aus der olympischen Ferne des Weißen Hauses ein Berater der Präsidentin in seinen Memoranden zu Protokoll gibt. In der staubigen Nähe Jerusalems (Littell widmet der Stadt einige wunderbare Passagen, Liebeserklärungen an eine der schönsten Städte der Welt) fällt der Konflikt rabiater aus.
Der fundamentalistische Terrorist Abu Bakr, jener fast blinde Doktor mit der Kopfschusstechnik, hat Rabbi Isaak Apfulbaum („Schreiben Sie meinen Namen nicht mit e, sondern mit u“) entführt, einen ebenso fundamentalistischen Hassprediger. Er ist aus Brooklyn nach Israel gezogen, um vom orthodox-militanten Kibbuz „Beit Avram“ aus das höchste Gebot Gottes zu verkünden, das da lautet, Judäa und Samaria (also das Israel König Davids) solle wieder zu Gottes Land gemacht werden. Dazu sind dem Rabbi fast alle Mittel recht.
Entführer und Entführten eint der Wunsch, den Friedensprozess durch Ultimaten und Hinrichtungen zu Fall zu bringen. Umgekehrt gehen israelische und palästinensische Geheimorganisationen obszön weit zusammen, um den Schlupfwinkel Abu Bakrs ausfindig zu machen und die angekündigte Hinrichtung des Rabbi und seines Assistenten zu verhindern. Die mit allen üblen Geheimdienstricks vorangetriebene Suche nach dem Versteck der Entführer ist das Thrillermotiv, das den äußersten Spannungsrahmen des Romans bildet. Doch richtig raffiniert wird er durch die ebenso surrealen wie höchst plausiblen Entwicklungen im Innern des Verstecks. Denn aus der anfänglichen Übereinstimmung in einem Teilziel, Unterminierung des Friedensprozesses, entwickeln die beiden blinden Fundamentalisten in ihren immer wahnwitzigeren theologischen Disputen so viele Gemeinsamkeiten, dass sie sich schlussendlich als Brüder erkennen: als Isaak und Ishmael, die Söhne Abrahams. Natürlich kann das nicht gut enden.
Littell beherrscht souverän beide Ebenen der Spannungserzeugung: die der Konstruktion eines raffinierten Plots und die des intellektuellen Kampfes der Weltanschauungen. Das Buch des langjährigen Nahostkorrespondenten sollte auf dem Nachttisch von Präsidentinnen und Präsidenten liegen, obwohl man bezweifeln kann, dass sie es verstehen.
Tobias Gohlis/ARTE
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Graduell schade auch, dass Robert Littells neuer Roman „Die Söhne Abrahams“ nicht ganz an das Niveau seines Meisterwerks „Die kalte Legende“ heranreicht. Was aber selbst von einem hochgeschätzten Autor zu verlangen unsittlich wäre, denn Bücher wie Legends sind Lebensbücher. Die Grundidee des neuen Romans ist so simpel wie wunderbar: Ein rechtsradikaler extremistischer jüdischer Rabbi wird in Israel von einem extrem radikalen palästinensischen Arzt entführt und die beiden fanatischen Killer stellen fest, dass sich beide als Söhne Abrahams (diesmal ist der deutsche Titel besser als der englische: »Vicious Circle«, also »Teufelskreis«) bedingen und sich eigentlich in diversen durchgeknallten Wahnideen prächtig verstehen, sich gar lieben, was Littell maliziöserweise auch leicht sexuell tönt. Die Thriller-Handlung aussenrum - eine Befreiungsaktion der Israelis - braucht das Buch eigentlich nicht. Denn ein Thriller mit zu viel Diskurs ist ein unglückliches Ding. Ein Dialog-Buch ohne Thriller-Handlung hätte, zugegeben, natürlich weniger Resonanz gefunden. Zumal in einem literarischen Milieu, das Sohnemann Jonathan Littell mit seinem prätentiösen Kram erheblich findet, aber noch nicht einmal eine Ahnung davon hat, dass es Littell père überhaupt gibt, geschweige denn, dass er zu den ganz Großen unserer Zeit gehört.
Thomas Wörtche/Plärrer
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Der Druck, den die amerikanische Präsidentin gemacht hat, ist immens. Die Unterzeichnung eines Friedensvertrags zwischen Israelis und Palästinensern steht nun unmittelbar bevor. So sieht die Zukunft des Nahostkonflikts aus in Robert Littells zeitlich nur um ein Weniges, sachlich um ein Unwägbares aus der Gegenwart verschobenem Roman "Die Söhne Abrahams". Nicht jeder ersehnt die Befriedung. Die Radikalen auf beiden Seiten vor allem, die von ihren Maximalforderungen nicht lassen wollen, haben daran nicht das mindeste Interesse. Mit bewährten Methoden suchen sie den historischen Kompromiss zu verhindern. Der fast blinde Hamas-Führer Doktor Al-Shaath entführt den ultraorthodoxen Rabbi Isaac Apfulbaum und droht, ihn und seinen gleichfalls entführten Mitarbeiter zu erschießen, wenn die israelische Regierung nicht die Freilassung palästinensischer Terroristen beschließt.
Die beiden Fanatiker, von ihren Anhängern als Erlöser und Propheten verehrt, kommen im Niemandsland dieser Gefangenschaft in beider Fremdsprache Englisch ins Gespräch. Mehr oder minder blind sind sie beide, da der Rabbi seine Brille bei der Entführung verliert. Natürlich ist die Blindheit sehr direkt symbolisch zu verstehen. An derlei hat Robert Littell schon immer seine Freude, weshalb es ganz falsch wäre, ihm hier mangelnde Subtilität vorzuwerfen. Littell will nicht subtil sein, sondern direkt und wenn kompliziert, dann auf transparente Weise vertrackt. Littell ist fasziniert von Strukturen, er liebt Metaphern wie das Schachspiel, das für den in letzter Instanz unberechenbaren Kampf zweier Gegner steht und wenn es der Verdeutlichung dient, dann schickt er seinen Helden auch mal sehr buchstäblich in ein Spiegelkabinett. (So in "Sein oder Nichtsein".)
Aber auch solche Metaphern verwendet Littell nicht poetisch, sondern zur Strukturaufklärung. Während der poetische Gebrauch der Metapher Bedeutungen verschiebt, überlagert und öffnet, um mit den Mitteln der Sprache übers bereits Formulierte und Gedachte originell hinauszugelangen, ist die Metapher für Littell ein probates Werkzeug, der immer etwas verworrenen Wirklichkeit durch Denkfiguren ihre tiefere Wahrheit abzugewinnen. Die Wahrheit ist für Littell aber immer abstrakt. Darum durchzieht Littells Werk ein so kühler wie kühner Reduktionismus und deshalb ist er auch alles andere als ein im landläufigen Sinn des Begriffs realistischer Autor. Man darf das nicht missverstehen: Nichts interessiert ihn mehr als politische Wirklichkeiten, nur kommt man ihnen, lautet die implizite These seiner Bücher, einzig auf dem Wege der Abstraktion in präzise entworfenen Plots und bei ihrer Struktur genommenen Denk- und Sprachfiguren bei.
Unwahrscheinlichkeiten und Überdeutlichkeiten wie die Sache mit der doppelten Blindheit nimmt Littell dabei gerne in Kauf. Und auch Sätze, die sich ausnehmen wie sprachliche Unglücksfälle - nehmen wir exemplarisch den ersten in "Die Söhne Abrahams": "Die untergehende Sonne durchschnitt die Grenzlinie zwischen Himmel und Meer, ließ Blut fließen und warf lange Schatten auf die flache Küste der Levante." Eine originelle, ja eine literarisch überzeugende Metapher ist das kaum. Aber sie soll es nicht sein, sondern eher eine Form von Gambit in Gestalt einer Denkfigur. Eine Grenze, die selbst durchschnitten wird, ist eine Grenze, die keine mehr ist. Und um Strukturen ähnlicher Art geht es eben auch im Roman, dessen ursprünglicher Titel "Vicious Circle" lautet (also "Teufelskreis") und wiederum eine logisch beschreibbare Figur nennt.
Den Nahost-Konflikt als Teufelskreis zu bezeichnen, in dem eine Bluttat die nächste hervorbringt, liegt nahe. Bezwingend ist aber die Genauigkeit, mit der Littell die daran beteiligten Rationalitäten vorführt. Und noch viel schlüssiger ist es, wie er in der Konfrontation der Extremisten auf beiden Seiten die Rationalität des Terrorismus als den Wahnsinn einer Vernunft beschreibt, der für ihre Zwecke jedes Mittel recht ist. Im Verlauf der Entführung kommen sich der Rabbiner und sein Entführer nicht einfach nur näher. Aus der Einsicht in die gemeinsame Frontstellung gegen die Friedensbemühungen der Moderaten auf allen Seiten entwickelt Littell im Gespräch der beiden Zug um Zug und - da minutiös - völlig plausibel ein bizarres Liebesverhältnis, in das zuletzt kein Dritter mehr dringen kann. Es ist aber typisch Littell, dass die Stimme der Vernunft, verkörpert in zwei amerikanischen Charakteren, für den Leser auch im Abgrund des Wahnsinns immer präsent bleibt. Und in der Überzeugung, dass die Gewalt der Aufklärung aus Teufelskreisen heraushilft, erweist sich "Die Söhne Abrahams" am Ende doch als beinahe utopischer Roman.
Ekkehard Knörer/Perlentaucher
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M2: Robert Littell war einstmals ein gefeierter Thriller Autor. Sein letzter Roman „Die kalte Legende“ gehört zum Spannendsten, was unser Rezensent in den letzten Jahren gelesen hat. Ab nächsten Monat wird Robert Littell allerdings nur noch bekannt sein als der Vater von Jonathan Littell, dessen Skandal-Roman „Die Wohlgesinnten“ über einen reuelosen, schwulen SS-Offizier noch in diesem Monat in Deutschland erscheinen und für wüste Diskussionen und hohe Auflagen sorgen wird.
M1: Letzte Gelegenheit also, um Robert Littell, den Vater, den Thrillerautoren, in aller Ruhe zu rezensieren. Sein Palästina-Thriller „Die Söhne Abrahams“ ist gerade bei Scherz erschienen.
M2: „Die Söhne Abrahams“ spielt in einer nahen Zukunft: Eine neue amerikanische Präsidentin hat einen Friedensvertrag zwischen Israelis und Palästinensern ausgehandelt. Zehn Tage noch bis zur Unterzeichnung und bis zum Frieden für Palästina. Exakt zu diesem kritischen Zeitpunkt entführen palästinensische Extremisten der Hamas einen ultraorthodoxen jüdischen Rabbi. Der Mossad holt seinen besten Mann aus dem Ruhestand, um die Entführung zu beenden.
* Aa Klingt nach einem aktuellen Thriller.
M1 ... und ist beides doch nur so halb.
M2 Zum einen hat die jüngste Geschichte, insbesondere die Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen, die fiktionale Wirklichkeit längst überholt. Was von Robert Littell als eine Art „Political-Science-Fiction“ gedacht war, stimmt 2 Jahre nach Erscheinen schon längst nicht mehr mit der politischen Lage überein. Das ist schade für den Thriller.
M1 Zum anderen gerät Robert Littell der Thriller etwas zu sehr zum religiösen Thesenroman. Der Hamas-Entführer und der Rabbi sind beide Fanatiker in eigener Sache. Sie kommen sich während der Gefangenschaft des Rabbis aber zusehends näher. Es gibt dafür ein äußeres Anzeichen: Beide haben sie auf der Stirn eine wunde Stelle: der eine, weil er beim Beten immer mit der Stirn auf den Boden schlägt, der andere, weil er beim Beten den Kopf immer an die Klagemauer stößt.
M2 So plakativ wie diese Wunde geraten die interreligiösen Diskussionen zwischen den beiden, aber sei es drum: Wie man einen Thriller schreibt weiß Littell senior. Deshalb:
* AA Eher eine Empfehlung!
M1 Vor allem weil wir doch einiges über den jüdisch/palästinesichen Dauerkrieg lernen ... zumindest das, was sich ein aufgeklärter, jüdischer Autor aus Amerika unter diesem Konflikt vorstellt. Mit Krimis die Welt verstehen.
M1, M2: Sprecher, AA: Autor Ammer
Andreas Ammer/DLF







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