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DVD-News - 20/11/06

Roberto Rossellini Collection

Vier Filme von Roberto Rossellini – drei Frühwerke und ein Spätwerk des italienischen Neorealismus - als DVD-Edition mit einem Begleittext von Hans-Jürgen Panitz

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  • Der Kommentar zum Film

Schon 1943, mitten im 2. Weltkrieg und unter der Herrschaft Mussolinis, forderte der italienische Filmkritiker Umberto Barbaro in einem Manifest:

1) Nieder mit der naiven und manierierten Konventionalität, die den Großteil unserer Filmproduktion beherrscht.
2) Nieder mit phantastischen oder grotesken Konstrukten, die menschliche Gesichtspunkte und Probleme ausschließen.
3) Nieder mit jeder kalten Rekonstruktion historischer Tatsachen oder Romanbearbeitungen, wenn sie nicht von politischer Notwendigkeit bedingt sind.
4) Nieder mit jeder Rhetorik, nach der alle Italiener aus dem gleichen menschlichen Teig bestehen, gemeinsam von den gleichen edlen Gefühlen entflammt und sich gleichermaßen der Probleme des Lebens bewusst sind.

Unmittelbar nach Ende der deutschen Besatzung und nach dem Sturz Mussolinis machte sich Roberto Rossellini daran, diese Forderungen an eine Neuorientierung des italienischen Kinos in die Realität umzusetzen. Unter dem Eindruck der Zerstörungen, die der Krieg an Leib und Seele seiner Landsleute angerichtet hatte und inspiriert vom russischen Revolutionsfilm, dem kritischen französischen Realismus sowie dem sozialkritischen Realismus des New-Deal-Amerikas, ging es Rossellini darum, am Ort des Geschehens die nackte, unverfälschte Wirklichkeit zu zeigen, befreit von jeglicher Gefühlsduselei und jedem Gefühlskitsch. Seine Dramen aus dem Alltag der kleinen Leute, die er größtenteils mit Laiendarstellern umsetzt, entfalten ihre Wahrhaftigkeit und Intensität zwar entlang vorgefertigter Drehbücher, ihre aufklärerisch und humanistisch gesinnten Sujets werden jedoch schlicht, ungekünstelt und semidokumentarisch in Szene gesetzt.

Stilbildend ist hierbei Rossellinis auf dieser Kollektion leider nicht enthaltenes Debüt Rom – Offene Stadt von 1945, der während des immer noch tobenden 2. Weltkrieges von der Landung der Alliierten und den Partisanenkämpfen berichtet. Ein Jahr später folgt Paisa, ein fast ausschließlich mit Laien besetzter Episodenfilm. In 6 kleinen, von Wochenschauausschnitten gegliederten, wie zufällig herausgegriffenen Geschichten erzählt Rossellini vom Vormarsch der Alliierten und von den tragischen Konsequenzen für die italienische Zivilbevölkerung. Jede Episode schlägt ein anderes Kapitel des grausamen Krieges auf, ohne dass die Geschichten sich ergänzen oder ein sinnstiftender Gesamteindruck entstehen würde. Eher widersprüchlich und unversöhnlich wie der Krieg stehen die 6 Fragmente nebeneinander.

1947 kommt Rossellini ins besetzte Berlin, um ein verstörend-authentisches Porträt über die vom Krieg gezeichnete deutsche Zivilbevölkerung zu drehen. Die Handlung spielt im Sommer 1945. Anhand des fiktiven Schicksals des 10-jährigen Edmunds und seiner Familie zeigt Rossellini, wie der Einfluss der Nationalsozialisten auch nach dem Sieg der Alliierten über Leben und Tod entscheidet. Rossellinis Mut, fast ausschließlich mit Laien zu arbeiten und an Originalschauplätzen, wie etwa der ausgebombten Reichskanzlei zu drehen, verleihen dem Familiendrama eine unglaublich dichte, bedrückende Atmosphäre.

Stromboli (1950) ist der erste von 6 Filmen, die Rossellini mit seiner neuen Frau Ingrid Bergman drehte. Die Bergman spielt darin eine zwischen allen Fronten stehenden Trümmerfrau, die sich einen einfachen, von den Liparischen Inseln stammenden Fischer aussucht, um dem Kriegsgefangenenlager zu entkommen, in das sie als Liebchen der Nazis geraten war. Natürlich ist ihre Entscheidung eine zwischen Pest und Cholera, wird sie von den engstirnigen Bewohnern des kleinen Dorfes doch bald als unzüchtige, unmoralische, gottlose ‚Femme Fatale’ angefeindet. Hier versucht Rossellini das erste Mal, das Semidokumentarische des Neorealismus mit Elementen des modernen Dramas (welches mehr das Individuum und weniger das Politisch-Soziale ins Zentrum rückt) zu kombinieren, was ihm damals viele Anfeindungen neorealistischer Puristen einbrachte.

Den 1953 realisierten Film Reise in Italien als Spätwerk des Neorealismus zu bezeichnen, ist beinahe schon vermessen. Findet sich darin doch kaum eine dokumentarische Aufnahme der Landschaft am Vesuv, die, zum Hintergrundgeräusch degradiert, allenfalls die verstopfte Seelenlage eines sich umkreisenden, aber nicht zusammenfindenden Ehepaars untermalt. In ihrer 8-jährigen Ehe ist sich das Urlaubspaar aus Großbritannien unendlich fremd geworden (Ingrid Bergman/George Sanders), wie es vor malerisch-luxuriöserer Urlaubskulisse bitter feststellen muss. Unausweichlich scheint ihre auch in den Kameraeinstellungen sichtbar werdende Trennung zu sein, bis Rossellini dann doch noch ein psychologisch nicht erklärliches, darum aber umso faszinierenderes Happy-End für sein Paar bereithält. Eine Wendung, die seiner bereits kriselnden Ehe mit der Bergman nicht beschieden sein sollte.

Martin Rosefeldt


Roberto Rossellini Collection (4 DVD's)
- Paisà (I, 1946, 71’), Deutsch, Italienisch, englische Originalfassung
- Deutschland im Jahre Null (I, 1948, 120’), deutsche Originalfassung
- Stromboli (I, 1950, 98’), Deutsch (teilw. untertitelt), Italienisch (mit Untertitel)
- Reise nach Italien (I/F, 1954, 82’), Deutsch (teilw. untertitelt), Englisch

Bonusmaterial
-28-seitiges Booklet über den italienischen Neorealismus

Darsteller
Ingrid Bergman („Casablanca“), George Sanders (“Alles über Eva”), Edmund Möschke, Carmela Sazio
 

Erstellt: 24-10-06
Letzte Änderung: 20-11-06