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Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 26/02/10

Roger Smith: Blutiges Erwachen

Es dürfte sein Beruf als Regisseur und Drehbuchautor sein, der Roger Smiths Prosa so rasant, dramaturgisch schlüssig und dialogsicher macht. Auch in „Blutiges Erwachen“, Nachfolger seines Klassedebüts „Kap der Finsternis“, erzählt der Südafrikaner, Jahrgang 1960, eine faszinierende Verfolgungsgeschichte aus Kapstadt. Aus einem von Korruption, Kriminalität und roher Gewalt gezeichneten Moloch, in den wir unsere Nationalkicker nach der Lektüre tunlichst nicht entsenden sollten. Es geht um einen mörderisch heißen Sommer und darob entflammte Leidenschaften, welche die Metropole zur Nekropole werden lassen. Es geht um Völlerei und Kannibalismus. Es geht um den Überfall auf ein Ex-Model, der für ihren Mann, einen Waffenhändler, tödlich endet. Es geht um verhohlene Schuld und Racheschwüre. Und es geht um den liebesblöden Psychopathen Piper, der zum Sniper zu werden droht. Einmal mehr gemahnt die Stadt, in der Smith seine Menschenhatz ansiedelt, an ein Herz der Finsternis. Wiederum weist er drastisch darauf hin, wie verderbt sein wüstes Land trotz nominell überwundener Apartheid ist. Erneut gestaltet er virtuos einen literarischen Albtraum.

 

Hendrik Werner/Buchjournal Februar 2010
KrimiWelt-Bestenliste März

 

Die Cape Flats, Müllkippen, Blechhütten und überall zugedröhnte Junkies mit Banden-Tattoos, das ist das Bild von Kapstadt jenseits der eleganten Waterfront und den bewachten Stränden. Dorthin, in dieses gesetzlose Chaos, richtet Roger Smith wider einmal seinen kalten Blick und er begleitet die Hauptfigur Billy Afrika bei seiner spektakulären Rückkehr in die heimatliche Hölle. Billy kommt gerade von einem Auslandseinsatz zurück. Der Ex-Polizist hatte sich als Söldner für den Irak anwerben lassen. Dummerweise ist die Person, die er als Leibwächter schützen sollte, trotzdem einem Anschlag erlegen und Billy somit arbeitslos. Er besucht die Restfamilie seines ehemaligen Mentors  bei der Polizei und stellt fest, dass die Witwe massiv von einem Gangster bedroht und abgezockt wird. Smith schildert eine surreale Welt, in der Menschenleben gar nichts zählen, und da man die Todesstrafe abgeschafft hat, kann der Psychopath Piper, der aus dem Gefängnis ausgebrochen ist, unbesorgt weiter morden, denn mehr als lebenslänglich kann er gar nicht ausfassen. Genau das strebt Piper auch an. Denn im Knast hat er sich einen hübschen Jungen unterworfen, den er auch die nächsten Jahrzehnte weiter vergewaltigen möchte. Die Kunst ist nur, sich mit dem Sexsklaven zusammen schnappen zu lassen, um dann ein Leben lang eine Zelle zu teilen. Allerdings hat Billy Afrika mit Piper noch eine uralte Rechnung zu begleichen. Smith ist kein Menschenfreund; seine schrillen Kriminellen sind bar aller moralischen Hemmungen und überschreiten fast die Grenze zur Karikatur. Ganz sicher ist jedenfalls, dass diese Stadt ganz andere Probleme hat als irgendwelche Fußballweltmeisterschaften.

 

Ingeborg Sperl/www.krimiblog.at
KrimiWelt-Bestenliste März

 

 

Als Teenager erlebte Roger Smith in Johannesburg, wie weiße Polizisten schwarze Jugendliche während der Unruhen 1976 niedermachten, und einige Jahre später wurde er selbst mit 17 Jahren in der Armee gegen schwarze Gegner der Apartheid eingesetzt. 

Smith’ Kriminalromane sind weit mehr als Thriller: sie berichten von seinem Land, das die großen Hoffnungen nach dem Ende der Apartheid längst verloren hat.

„Cape Doctor“ ist der Name des Windes, der vom Indischen Ozean her in die Ghettos von Kapstadt fegt. „Paradise“ nennt man sie, ein Gitternetz beengter Häuser und stickiger Wohnblocks, das von gewalttätigen Gangs und Drogendealern beherrscht wird. Für Billy Afrika ein Ort, an dem seine Albträume begannen, denn hier wurde er als 16jähriger angezündet und verscharrt. Im Irak kämpfte er als Leibwächter und Söldner, nachdem er als Polizist zusehen musste, wie sein Kollege abgeschlachtet wurde – jetzt kehrt er zurück, um das Geld einzutreiben, das ihm ein Waffenhändler schuldig ist. Doch dieser Mann wird nach einem Essen mit einem kannibalistischen Kriegsherrn zusammen mit seiner Frau Roxy überfallen.

Roxy, die schöne Blondine aus den USA, die den Mann, der sie in Besitz genommen und verprügelt hat, hassen lernte und ihn erschießt, wird wegen des Überfalls zunächst nicht verdächtigt – doch die Gangster, auf deren Spur sich die Polizei setzt, nehmen Witterung auf. In dieser Situation kreuzen sich die Wege des Exmodels Roxy und des Expolizisten Billy Afrika: das gemeinsame Interesse am Überleben und am Geld in diesem heißen Sommer in Kapstadt  und ein Augenblick der Ehrlichkeit schweißen sie zusammen. Piper, ein psychopathischer Knastflüchtling, mischt die Fronten zwischen den Gangs des Ghettos auf und setzt sich auf ihre Fährte, und auch der Kannibale will sein Geld, das der tote Waffenhändler kassierte, zurück.

Roger Smiths zweiter Roman führt ins schwarze Herz der Finsternis in einem Südafrika, dessen Slumbewohner auch nach dem Ende der Apartheid kaum eine Chance haben.  Er selbst lebt und arbeitet in Kapstadt, und  als Drehbuchautor und Regisseur gelingt es ihm auch in seinem zweiten Roman, seine Leser die Höllenfahrt der Protagonisten dicht wie einen Film erleben zu lassen, einem Film Noir der Sonderklasse, mit geschliffenen Dialogen, harten Schnitten und  einer Fülle von aufschlussreichen Blickwinkeln. Noch während der Apartheid hatte er das erste Filmkollektiv ohne Rassenschranken gegründet, das eine Reihe von wichtigen, international erfolgreichen Protestfilmen hervorbrachte. Das Bild der Stadt am Kap, das er in „Blutiges Erwachen“ zeichnet, ist das einer Vorhölle, aus der es für viele  kein Entrinnen gibt.  Was diesen Roman auszeichnet,  ist, wie genau der Autor es dem Leser ermöglicht, die Motive und Emotionen auch noch der schlimmsten Monster und Killer zu erkennen.

Roger Smith legt den subtilen und offenen Rassismus und den Hass frei, der Südafrika beherrscht, verkoppelt mit der systematischen Duldung aller Drogen, die den Ärmsten dumpfes Vergessen und Verdämmern ermöglichen und einige wenige sehr reich machen.  Zwei Drittel der Bevölkerung Kapstadts leben auf der Schattenseite der herrlichen Postkarten-Ansichten – in den Slums, deren Gewaltsamkeit der von Kriegsschauplätzen in nichts nachsteht. Sein Roman bietet ein böses Bild,  das den Lesern alle touristischen Tagträume afrikanischer Idylle zerstören wird.

 

Lore Kleinert/Radio Bremen 28.2.10
KrimiWelt-Bestenliste März

Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 26-02-10


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