Offizieller Wettbewerb
Synopsis: Zwei Menschen, die für sechs Jahre ein Liebespaar waren, gehen längst getrennte Wege – NORA COTTERELLE, Mutter eines 10-jährigen Jungen, den sie mit einem verstorbenen Philosophie-Studenten gezeugt hatte, steht kurz davor , einen reichen Mann zu heiraten und damit für immer ein sorgenfreies Leben führen zu können. Doch dann stirbt ihr Vater, ein Schriftsteller , an Krebs und wirft mit seiner Abschiedsbeichte Noras Pläne gehörig durcheinander. An einem anderen Ort wird ISMAEL, ihr psychisch instabiler Ex-Freund, gegen seinen Willen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Soll Ismael ihrem Wunsch, seinen 10-jährigen Ziehsohn zu adoptieren, Folge leisten oder nach seiner Entlassung weiter in die mit verschuldete Isolation abdriften?
Auch „Rois et Reine“ ist so ein Film; Desplechin hat ihn in Kapitelüberschriften unterteilt und nimmt sich die Freiheit, nach 120 reichen, ausführlichen Filmminuten noch einen 30-minütigen Epilog anzuhängen. Seine Nora ist eine Mitdreißigerin – sie könnte aus einem ‚Hitchcock’ entlaufen sein - die endlich nach turbulenten Jahren ihren wohlverdienten inneren Frieden in Gestalt eines wohlhabenden Mannes gefunden zu haben scheint . Zunächst nämlich musste sie als Witwe und Mutter ihres noch ungeborenen Sohnes gegen alle Behördenwiderstände durchsetzen, dass dieser doch noch den Namen des verstorbenen Mannes tragen durfte. Nun aber scheint mit dem angekündigten Krebstod ihres schriftstellernden Vaters neues Ungemach über sie hereinzubrechen, ihr Schicksal sich zu wiederholen. So nah ist Desplechins schmeichelnde Kamera an den Verführungskünsten seiner Nora, an dem selbst gebastelten Bildnis der reinen, in Mutterliebe zerfließenden antiken Leda, der ihr Schwan – der Vater ihres Kindes – noch einmal als Vision in strahlendem Lächeln und voll der guten Erinnerungen an ihre Liebe erscheint, dass es einen großen Schock bedeutet, als dieses Spiegelbild plötzlich erste Risse bekommt und hinter der zarten, liebenden Mutter eine verbitterte, egomanische Ziege durchscheint.
Allmählich bekommt vieles nachträglich einen Sinn – der überzogene, teilweise fast slapstickartige komödiantische Parallelstrang, in dem Roger Bohbot grandios ihren manischen, zu verbalen Ausfällen neigenden Ex-Lover spielt, der in die Klapse muss. Seine unorthodoxen, an der bürgerlichen Moral vorbei argumentierende Sicht der Dinge wirft ein neues, verstörendes Licht auf die Heroine. Die große Stärke von Desplechin ist seine Kompromisslosigkeit – keine versöhnlichen Untertöne, keine falsche Melancholie dort , wo seine Akteure nicht bereitx sind, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Dann eben lieber radikale - komische wie tragische - Mittel anwenden und den Vorwurf der Kritiker, brutal gewesen zu sein und ein formaler Ignorant zu sein, billigend in Kauf nehmen.!
Martin Rosefeldt
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Regie: Arnaud Desplechin
Drehbuch: Arnaud Desplechin, Roger Bohbot
Darsteller: Emanuelle Devos, Mathieu Amalric, Cathérine Deneuve u.a
Frankreich, 2004, 150’
61. Internationale Filmfestspiele in Venedig: Wettbewerb






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