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Venedig 2004 - 21/01/05

Roi et reine

Ein Film von Arnaud Desplechin
Offizieller Wettbewerb

Der Trailer zum Film (Real Video)
 
Synopsis: Zwei Menschen, die für sechs Jahre ein Liebespaar waren, gehen längst getrennte Wege – NORA COTTERELLE, Mutter eines 10-jährigen Jungen, den sie mit einem verstorbenen Philosophie-Studenten gezeugt hatte, steht kurz davor , einen reichen Mann zu heiraten und damit für immer ein sorgenfreies Leben führen zu können. Doch dann stirbt ihr Vater, ein Schriftsteller , an Krebs und wirft mit seiner Abschiedsbeichte Noras  Pläne gehörig durcheinander. An einem anderen Ort wird ISMAEL, ihr psychisch instabiler Ex-Freund, gegen seinen Willen  in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Soll Ismael ihrem Wunsch, seinen 10-jährigen Ziehsohn zu adoptieren, Folge leisten oder nach seiner Entlassung weiter in die mit verschuldete Isolation abdriften?
 
Kritik: Arnaud Desplechin könnte man unter Frankreichs Filmemachern als einen Chronisten der Baby-Boomer- Generation bezeichnen,  einer Generation, die es in den hedonistischen  Umbrüchen der 80er Jahre versäumt hat, erwachsen zu werden – sowohl im beruflichen, als auch im privaten Sinne, emotional und sozial. Genauso ausschweifend, verspielt und widersprüchlich wie seine Akteure sind auch seine Geschichten.  Nicht nur variiert Desplechin darin oft die Tonart und das Genre, sondern er verliert sich beim Erzählen gerne  in Rückblenden, Tagträumen und  Abschweifungen, um die kleinen und größeren Lebenslügen und Widersprüche seiner Helden schonungslos, ja sogar gnadenlos aufzudecken. Das hat ihm bei allem Lob, ein unkonventionelles Kreativgenie und großer Dichter unter den Filmemachern zu sein, auch den Ruf eingebracht,  den natürlichen  dramatischen Höhepunkt seiner Geschichte zu ignorien und die Geduld seiner Zuschauer überzustrapazieren. 
 
Auch „Rois et Reine“ ist so ein Film; Desplechin hat ihn in Kapitelüberschriften  unterteilt und nimmt sich die Freiheit, nach 120 reichen, ausführlichen Filmminuten noch einen 30-minütigen Epilog anzuhängen. Seine Nora ist eine Mitdreißigerin – sie könnte  aus einem ‚Hitchcock’ entlaufen sein -  die endlich nach turbulenten Jahren ihren wohlverdienten inneren Frieden in Gestalt eines wohlhabenden Mannes gefunden zu haben scheint . Zunächst nämlich musste sie als Witwe und Mutter ihres noch ungeborenen Sohnes  gegen alle Behördenwiderstände  durchsetzen, dass  dieser doch noch  den Namen des verstorbenen Mannes tragen durfte. Nun aber scheint mit dem angekündigten Krebstod ihres schriftstellernden Vaters neues Ungemach über sie hereinzubrechen, ihr Schicksal sich zu wiederholen.  So nah ist Desplechins  schmeichelnde Kamera an den Verführungskünsten seiner Nora, an dem selbst gebastelten Bildnis der reinen, in Mutterliebe zerfließenden antiken Leda, der  ihr Schwan – der Vater ihres Kindes – noch einmal als Vision in strahlendem Lächeln und voll der guten Erinnerungen an  ihre Liebe erscheint, dass es einen großen Schock bedeutet, als dieses Spiegelbild plötzlich erste Risse bekommt und hinter der zarten, liebenden Mutter eine verbitterte, egomanische Ziege durchscheint. 
 
Allmählich bekommt vieles nachträglich einen Sinn – der überzogene, teilweise fast slapstickartige komödiantische Parallelstrang, in dem Roger Bohbot grandios ihren manischen, zu verbalen Ausfällen neigenden Ex-Lover spielt, der in die Klapse muss. Seine unorthodoxen, an der bürgerlichen Moral vorbei argumentierende Sicht der Dinge  wirft ein neues, verstörendes Licht auf die Heroine. Die große Stärke von Desplechin  ist seine Kompromisslosigkeit – keine versöhnlichen Untertöne, keine falsche Melancholie  dort , wo seine Akteure nicht bereitx sind, der Wahrheit  ins Gesicht zu sehen. Dann eben lieber radikale  - komische wie tragische - Mittel anwenden und den Vorwurf der Kritiker, brutal gewesen zu sein und ein formaler Ignorant zu sein, billigend in Kauf nehmen.!
 
Martin Rosefeldt
 
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Regie: Arnaud Desplechin
Drehbuch: Arnaud Desplechin, Roger Bohbot
Darsteller: Emanuelle Devos, Mathieu Amalric, Cathérine Deneuve u.a
Frankreich, 2004, 150’
61. Internationale Filmfestspiele in Venedig: Wettbewerb

Erstellt: 05-09-04
Letzte Änderung: 21-01-05