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04/05/07

Rolando Villazón und Anna Netrebko

Der Programmschwerpunkt im Mai auf ARTE


© Foto: ZDF / © Boris Fromageot
Zwei auf gleicher Wellenlänge

Seit ihrem „La Traviata“-Auftritt bei den Salzburger Festspielen 2005 gelten Anna Netrebko und Rolando Villazón als das Traumpaar der Oper. Ihr neues Duett-Album hat es sogar bis in die Popcharts geschafft. Auf ARTE ist der Funkenschlag zwischen den Superstars nun auch in Massenets „Manon“ zu erleben.

Ob „Romeo und Julia“, „La Bohème“ oder „Rigoletto“ – Anna Netrebko und Rolando Villazón haben schon einige klassische Liebespaare gegeben und dabei als Sänger wie als Schauspieler überzeugt. „Wenn die Oper zwei junge Liebende zeigt, die bereit sind, füreinander zu sterben, dann muss das Publikum die Leidenschaft spüren“, so beschreibt Villazón selbst die emotionale Intensität im Spiel mit seiner Bühnenpartnerin. Das ARTE Magazin traf den mexikanischen Tenor und die russische Sopranistin in Wien zum Interview.

ARTE: Frau Netrebko, Herr Villazón, in den Medien werden Sie als Traumpaar der Oper gehandelt. Was verbindet Sie beide?
Netrebko: Eine unserer Gemeinsamkeiten ist sicher, dass wir auf die Bühne gehen, um Spaß zu haben. Wir freuen uns immer auf die gemeinsamen Auftritte. Wir sind uns also in einigen Dingen ähnlich, aber unterscheiden uns auch in anderen, und durch diesen Kontrast ist die gemeinsame Arbeit immer spannend. Wir ergänzen einander einfach gut.
ARTE: Wie unterstützen Sie sich gegenseitig?
Netrebko: Rolando gibt mir eine enorme Kraft. Seitdem wir zusammenarbeiten, fühle ich mich sicherer. Ich neige zu Panikattacken und glaube dann, es nicht zu schaffen. Er sagt mir in solchen Situationen: „Du schaffst das, du kannst das!“ Das hilft mir sehr.
Villazón: Wir empfinden sehr viel Respekt füreinander und haben den Anspruch, das Beste aus uns herauszuholen. Es können auch ganz kleine Details sein, wie etwa, wenn ich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht streiche. Oder sie nimmt mir den Schweiß von der Stirn, während wir singen. Man hat dann das Gefühl, dass da jemand ist, der sich ein bisschen um einen sorgt.
ARTE: Gibt es Momente, in denen Sie merken, dass Sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen?
Villazón: Wenn ich ehrlich bin, sehe ich keine typisch russischen Merkmale an Anna. Ich sehe sie als Mensch, nicht als Russin mit einem Glas Wodka in der Hand. Eines muss ich aber über Anna sagen: Sie ist sehr stark. Das kommt vielleicht von der Härte der Bedingungen, unter denen sie aufwuchs. Ihre Art zu singen hat eine ungeheure Kraft. Die Widrigkeiten in ihrer Jugend haben ihren eisenharten Charakter geformt.
Netrebko: Was mir an Rolando auffällt: Er macht von allem zu viel. Das ist kaum auszuhalten. Er ist richtig verrückt, aber wunderbar in seiner Energie und in der Wärme, die er ausstrahlt. Das hat vielleicht mit seinem Land Mexiko zu tun, da gibt es viel Sonne.
Villazón: Ja, die Mexikaner haben eine natürliche Begabung sich zu freuen, aber auch tiefe Trauer zu empfinden. Die Armut in Europa ist eine ganz andere als bei uns in Mexiko. Dort ist sie wirklich extrem, und trotzdem gibt es immer noch irgendwo eine Flasche Tequila oder einen Witz, der alles erträglicher macht.
ARTE: ARTE überträgt im Mai „Manon“ aus der Staatsoper in Berlin in der Inszenierung von Vincent Paterson, der bereits mit Madonna und Michael Jackson arbeitete. Wie ist es, vor einer Kamera zu singen?
Villazón: Ich gerate sehr unter Druck.
Netrebko: Und ich erst! Als Frau will ich nicht mein verzerrtes Gesicht auf der Bühne sehen. Sänger sehen nur selten gut aus, man bemüht sich ja um klare Artikulation und Phrasierung, und das verzerrt die Mimik. Deshalb mache ich manchmal so ein Botox-Gesicht. Im Theater ist man durch die Entfernung geschützt.
ARTE: Haben Sie keinen Mut zur Hässlichkeit?
Netrebko: Nur wenn ich eine Hexe spiele, ist das in Ordnung. Nicht jeder muss meinen Kampf bei einer harten sängerischen Passage sehen. Deshalb können Fernseh-Produktionen schwierig sein.
Villazón: Theater ist eine einzigartige Erfahrung. Jede Aufführung ist anders. Wenn man vor der Kamera einen Fehler macht, hat es etwas Endgültiges. Tausende von Menschen bilden sich dann ein Urteil über eine einzige Momentaufnahme. Das setzt mich unter Druck. Im Theater kann ich ganz und gar Rodolfo aus „La Bohème“ sein, im Fernsehen aber bin ich Rolando Villazón, denn als solchen nehmen mich die Zuschauer wahr.
ARTE: In „Manon“ treten mit Manon und Des Grieux zwei Charaktere in Erscheinung, die zu einem gewissen Zeitpunkt ihr Leben Gott widmen würden. Wäre dies auch ein Weg für Sie beide gewesen?
Netrebko: Nein, das wäre wirklich kein Weg für mich gewesen. Ich bin in einem atheistischen Land groß geworden ...
Villazón: Ich habe tatsächlich in einem Moment meines Lebens daran gedacht, Priester zu werden.
Netrebko: Also entschuldige! Ich bin keine Nonne und Du auch kein Priester (lacht). Du bist viel zu eitel!
Villazón: Das mag sein. Aber da gibt es eine spirituelle Seite in mir, die sich von solchen Dingen angezogen fühlt. Ich sehe in meiner Hingabe an die Musik Parallelen zu einem Leben als Priester. Mit der Bühne aber habe ich schon die richtige Entscheidung getroffen.
ARTE: Was hat Ihnen Erfolg in den jungen Jahren bedeutet, was bedeutet er Ihnen jetzt?
Netrebko: Erfolg ist nur spannend, wenn man ihn aus der Ferne betrachtet. Man wünscht ihn sich natürlich herbei, man sehnt sich danach. Es ist toll, erfolgreich zu sein, aber manchmal ist es auch sehr schwer.
Villazón: Zuerst ist es ein Traum, eine Illusion. Wenn die dann Realität wird, ist es natürlich fantastisch, aber es braucht eine Menge Arbeit, um den Erfolg aufrechtzuerhalten. Das hört nie auf.
ARTE: Macht die Bühne süchtig?
Netrebko: Ja, absolut. Es ist wie eine Droge. Wenn man einmal auf der Bühne war, dann möchte man diesen Zustand immer wieder erleben.
ARTE: Warum? Ist das Leben auf der Bühne weniger schwierig als das wahre Leben?
Villazón: Das Leben auf der Bühne ist schwierig! Und das wahre Leben auch! Aber die Bühne ist magisch. Wir geben so viel Energie dort ab. Es ist alles übertrieben, was dort stattfindet. Allein wenn man auf der Bühne nach einem Glas Wasser greift, die Armbewegung, mit der man das tut, ist eine völlig andere als im wahren Leben. Auf der Bühne bekommt jedes Objekt, jede Geste eine einzigartige Wirkung.
Netrebko: Wir können glücklich sein, dass wir Oper machen können. Weil sie uns zu energetischen Höhepunkten treibt. Wir kämpfen, sterben oder sind in ein Liebesdrama verwickelt. Die Gefühle sind immer groß und fordern uns seelisch sehr.
ARTE: Was bleibt bei alldem für das reale Leben übrig?
Villazón: Die Gefühle des Lebens.
Netrebko: Für mich ist das nicht so einfach. Nach einem großen Auftritt, in dem alles großartig war, fühle ich mich leer. Es ist nicht immer so, aber es kommt vor. Am dritten Tag geht es dann wieder besser.
ARTE: Sie sind beide sehr berühmt. Gibt es noch Menschen, die Ihnen die Wahrheit sagen?
Villazón: Ja, die gibt es.
Netrebko: Es gibt leider so viele Leute, die einen übertrieben loben. Manchmal brauche ich jemanden, der mir die Wahrheit sagt.
Villazón: Gute Regisseure sagen einem die Wahrheit oder wie man es besser machen könnte. Wenn Kritik von Menschen kommt, die man kennt, dann ist das auch glaubwürdig und dann macht man sich seine Gedanken. Aber wenn ein Fremder kommt und mir einen Vortrag hält, was ich alles falsch gemacht habe, dann kann ich das nicht akzeptieren.
ARTE: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Villazón: Eigentlich denke ich nicht daran, vielleicht bin ich dann im Grab. Ich denke eher an das nächste Konzert und an das Flugzeug, das ich morgen nehme.
Netrebko: Ich weiß es auch nicht, natürlich denke ich erst einmal an das nächste Engagement. Vielleicht bin ich ja in zehn Jahren Hausfrau (lacht). Ich weiß, die Zeit auf der Bühne hat irgendwann mal ein Ende. Aber hoffentlich bin ich dann stark genug, die Bühne zu verlassen, bevor andere es wollen.

Das Gespräch führte Teresa Pieschacón Raphael für das ARTE Magazin

ARTE Schwerpunkt im Mai: Netrebko Villazón
Rolando Villazón – Ein mexikanischer Traum
MUSICA Dokumentation Samstag · 5. Mai · 22.35
Rolando Villazón
MAESTRO· Sonntag · 6. Mai · 19.00
Manon
Oper von Jules Massenet · Mittwoch · 9. Mai · 20.15
Anna Netrebko und Dmitri Hvorostovsky in St. Petersburg
MAESTRO · Sonntag · 13. Mai · 19.00

ARTE-PLUS:
CD- UND DVD-TIPPS:
„Anna Netrebko – Rolando Villazón: Duets“ (CD 2007), „Das Waldbühnen-Konzert: Plácido Domingo, Anna Netrebko, Rolando Villazón“ (DVD 2006), „Anna Netrebko: Russian Album“ (CD 2006), „Rolando Villazón/Plácido Domingo: Gitano. Zarzuela Arias“ (CD 2007)
STAATSOPER FÜR ALLE:
Am 19. Mai um 19.00 Uhr überträgt die Staatsoper Unter den Linden „Manon“ von Jules Massenet live auf eine Großleinwand auf dem Bebelplatz in Berlin.
LINKS: www.arte.tv/oper; www.staatsoper-berlin.de

Erstellt: 04-05-07
Letzte Änderung: 04-05-07