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Romy Schneider

Eine Hommage

Romy Schneider

22/09/08

Romy Schneider – Claude Sautet

Mitte der 1960er Jahre durchlebt die Schauspielerin Romy Schneider eine berufliche Krise: Sie hadert mit dem glatten Image, das ihr in der Öffentlichkeit seit ihren Anfängen als die „süβe Sissi“ anhaftet und verzweifelt daran, dass man ihr keine ernstzunehmenden Rollen anbietet. Ihr Privatleben ist gleichermaβen chaotisch, und es gelingt ihr trotz aller Bemühungen nicht, ihre Schauspielkarriere positiv zu beeinflussen: Weder „Die Hölle“ (1964) von Henri-Georges Clouzot noch „Was gibt’s Neues, Pussycat?“, „Halb elf in einer Sommernacht“, „Schornstein Nr. 4“ oder „Spion zwischen zwei Fronten“ bringen den gewünschten Erfolg. Das Renommee der österreichischen Schauspielerin, die zwischen Paris und Berlin pendelt, ist 1968 derart gesunken, dass die Produzenten den Gedanken verwerfen, ihr die Rolle der Marianne an der Seite ihres ehemaligen Geliebten Alain Delon in „Der Swimmingpool“ von Jacques Deray zu geben. Es ist allein der Beharrlichkeit der beiden Männer zu verdanken, dass sie die Rolle schlieβlich bekommt. Romy Schneider spürt, dass dieser Film wichtig für ihre Karriere ist. Sie kommt ausgeruht und strahlend vor Schönheit und Sinnlichkeit am Drehort an. Diese Ausstrahlung verdankt sie auch der neuen Liebe in ihrem Leben, Harry Meyen, dem Vater ihres zwei Jahre zuvor geborenen Sohns David. Sie will wieder groß herauskommen und hat nun endlich die Gelegenheit, die inneren Kämpfe einer Dreißigjährigen darzustellen, die in Harmonie mit sich selbst lebt. „Der Swimmingpool“ wird ein Riesenerfolg und verhilft der Schauspielerin zum ersehnten Comeback.


Claude Sautet, den François Truffaut als „Drehbuch-Besohler“ bezeichnete, hatte bisher eher das Schattendasein eines Autors geführt. Er steigt zaghaft ins Filmemachen ein, dreht 1955 „Die tolle Residenz“ mit Louis de Funès, 1960 „Der Panther wird gehetzt“ und 1965 „Schieβ, solange du kannst“ – ohne dass ihm dabei der groβe Durchbruch gelingt. Trotz fünfjähriger Pause ist das Filmemachen für ihn nicht abgeschrieben. Im März 1969, auf einem Routinebesuch in den Filmstudios Boulogne-Billancourt, trifft er Romy Schneider, die dort - wie bei all ihren Filmen - ihre Figur in „Der Swimmingpool“ selbst auf Deutsch und Englisch synchronisiert. Die Blicke der beiden begegnen sich. Sautet, der gerade an der Verfilmung des Romans „Die Dinge des Lebens“ von Paul Guimard arbeitet, ist von Romy eingenommen und sieht sie sofort in der Rolle der Hélène.
Als er mit ihr einen Termin zur Vorstellung des Drehbuchs vereinbart, erkennt ihn Romy und ist begeistert. So beginnt eine unerschütterliche Freundschaft zwischen den beiden Künstlern, aus der fünf Filme hervorgehen: „Die Dinge des Lebens“ (1970), „Das Mädchen und der Kommissar“ (1971), „César und Rosalie“ (1972), „Mado“ (1976) und „Eine einfache Geschichte“ (1978).

Claude Sautet: „Sie ist schön, und ihre Schönheit hat sie sich selbst geschmiedet. Sie hat eine Mischung aus gefährlichem Charme und tugendhafter Reinheit. Sie ist so erhaben wie ein Allegro von Mozart und ist sich der Macht ihres Körpers und ihrer Sinnlichkeit voll bewusst. Ich habe sie zum ersten Mal in einem schlecht beleuchteten Gang in Billancourt getroffen. Ich habe sie nicht angesprochen. Ich spürte vage ihre Intelligenz, aber auch, dass sie noch viel mehr Gaben besitzt. Ich kannte sie nicht, hatte sie in keinem Film gesehen, nicht einmal in ‚Sissi’. Gleich zu Beginn der Dreharbeiten zu ‚Die Dinge des Lebens’ begriff ich, dass ich das Glück gehabt hatte, eine Frau und Schauspielerin in einem tragischen Augenblick zu treffen. Denn Romy ist eine strahlende und zugleich gequälte Frau; eine Schauspielerin, die schon alles wusste, es aber noch nie hatte ausdrücken können. Romy hat eine unglaubliche Lebendigkeit, die geradezu animalisch ist. Ihr Gesichtsausdruck kann sich abrupt verändern, von männlich-aggressiv in sanft-subtil. Romy ist keine gewöhnliche Schauspielerin, sie steht sehr hoch am Firmament. Sie hat diese Vielschichtigkeit, die nur die ganz groβen Stars haben. Ich habe sie hinter der Kamera gesehen, konzentriert, nervös, mit einer Vornehmheit und Impulsivität, einer inneren Haltung, von der Männer sich bedrängt und gestört fühlen. Romy erträgt weder die Mittelmäβigkeit noch den Verfall von Gefühlen. Sie hat sehr viel Gefühl. Sie wird immer als Schauspielerin arbeiten, denn sie hat ein Gesicht, dem die Zeit nichts anhaben kann. Die Zeit kann sie nur aufblühen lassen.“

Romy Schneider und Claude Sautet haben eine sehr enge und komplexe Beziehung. Vielleicht nahm Sautet für die junge Frau den Platz des Vaters ein - ein Mann, der ihr immer fehlte, seit er in ihrer Kindheit die Familie verlassen hatte und drei Jahre zuvor, 1967, verstorben war. Romy stellt von Anfang an sehr hohe Ansprüche an Sautet und baut eine exklusive Gefühlsbeziehung zu ihm auf. Sie braust häufig auf, ist nervös und von dem dringenden Wunsch beseelt, es ihm unter allen Umständen recht zu machen. Der von ihr hingerissene Filmemacher, der sie zärtlich „Rominette“ nennt, leitet sie an, manipuliert sie, um den perfekten Ausdruck aus ihr herauszuholen. Er achtet auf jedes Detail ihrer Aussprache, da der deutsche Akzent der Schauspielerin unwiderstehlichen Charme verleiht, wenn sie ihm seine Härte zu nehmen versteht. Sautet verlangt ebenfalls von Romy, dass sie sich die Haare zurückbindet, um ihr beeindruckendes Gesicht ungeschützt den Blicken auszuliefern und sie so dazu zu zwingen, die unglaubliche Schüchternheit zu überwinden, die nur wenige Leute an ihr kennen.

„Die Dinge des Lebens“ wird ein Riesenerfolg und mit dem Prix Louis-Delluc ausgezeichnet. Der Film vertritt Frankreich auf dem Filmfestival Cannes und besiegelt Romy Schneiders Comeback als Filmschauspielerin. Das französische Publikum identifiziert sich mit den einfachen Menschen, die Claude Sautet in seinen Filmen zeigt. Romy Schneider erobert die Herzen der Franzosen im Sturm, zum Leidwesen der verstimmten deutschen Filmkritiker. Ein Jahr später, bei ihrer zweiten Beteiligung an einem Film von Claude Sautet („Das Mädchen und der Kommissar“), schlägt diese Missbilligung in regelrechten Zorn um: Die Deutschen halten der Schauspielerin vor, dass sie in diesem Film eine Prostituierte spielt, bezeichnen sie als „Abtrünnige“ und sind schockiert darüber, dass Romy es indirekt wagt, die Erinnerung an die süβe Sissi zu verraten. „In Deutschland kann ich machen was ich will, es wird mir ein Strick daraus gedreht. Es ist zum Kotzen“ sagt Romy Schneider einmal, ist jedoch gleichzeitig geschmeichelt, dass ihre Wahlheimat Frankreich sie so verehrt.
Dabei verliefen die Dreharbeiten zu „Das Mädchen und der Kommissar“ nicht völlig reibungslos: Noch nie war die Schauspielerin fordernder mit Claude Sautet; an ihm lässt sie ihr unstillbares Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuneigung aus. Der Filmemacher erträgt es, ist immer noch fasziniert von dem gequälten Tier, das er vor sich hat, und dessen Schmerzen zu lindern ihm zuweilen gelingt.
Anfang 1972 wird Romy Schneider die einmalige Gelegenheit geboten, ihre Ängste an einer anderen Vaterfigur abzuarbeiten: Luchino Visconti. Er dreht „Ludwig“ und schlägt seiner „Romina“ vor, noch einmal Elisabeth von Österreich zu verkörpern - die berühmte Sissi, die Romy in ihrer Schauspielerlaufbahn eigentlich nie wieder kreuzen wollte. Doch diesmal bietet die Rolle den notwendigen dramatischen Tiefgang. Auch hier folgt sie gehorsam den Anweisungen, bei denen der Regisseur manchmal harsche Worte benutzt. Romy sieht ihn als ihren Herrn und Meister an und schenkt ihm ihr vollstes Vertrauen.
Im selben Jahr dreht sie auch „César und Rosalie“, diesmal wieder mit Claude Sautet. Sie spielt in diesem Film neben Yves Montand und fühlt sich ein wenig in Konkurrenz mit ihm. Was sie jedoch aussöhnt, ist die Rolle der Rosalie, einer emanzipierten und unbeschwerten Frau, und sie ist bei diesen Dreharbeiten sehr viel lockerer als sonst. Der Erfolg des Films bestätigt Romy Schneiders Erfolg, und sie ist auf den Titelseiten aller Zeitschriften zu sehen. Sie verkörpert die typische moderne, emanzipierte Französin, und die Männer verzehren sich im Verlangen für diese brünette Schönheit mit der einzigartigen Ausstrahlung. Romy Schneider hat nur eine ernstzunehmende Rivalin, die blonde Catherine Deneuve – der Sautet eine Zeit lang die Rolle der Rosalie geben wollte.

1974 dreht sie „Nachtblende“ mit Regisseur Andrzej Zulawski. Bei den Dreharbeiten geht Romy durch die Hölle: Sie ist frisch getrennt von Harry Meyen, und der tyrannische Zulawski treibt sie zum Äuβersten. Romy sagt, sie habe ordentlich „ihr Fett wegbekommen“ und schreibt in ihr Tagebuch „Verfluchter Film! Verfluchter Dreh! Verfluchte Rolle! Verfluchter Zulawski!“. Niemals musste sie so sehr ihre eigenen Grenzen überwinden wie für diese Rolle: Der Film zeigt sie kaputt, gealtert, hysterisch und ergreifend - und sie erhält ihren ersten César dafür. Als nächstes versucht sie sich in der Filmwelt Claude Chabrols („Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“), allerdings mit wenig befriedigendem Ergebnis, dreht „Das alte Gewehr“ von Robert Enrico, einen für ihre Karriere wichtigen Film, und lehnt „Die Unschuld“ von Visconti ab, weil sie zum zweiten Mal schwanger ist. Sie zögert jedoch keine Sekunde, als ihr Claude Sautet eine Rolle in einer einzigen Szene von „Mado“ anbietet: Sie spielt eine unglücklich Verliebte, die ihren Schmerz mit Alkohol und Beruhigungsmitteln betäubt. Romy verkörpert diese Rolle mit großer Hingabe – die Schauspielerin greift zuweilen auch privat unter dem Vorwand von Depressionen zu derlei Stimmungsaufhellern.

Romy bringt ihre Tochter Sarah zur Welt und arbeitet bis zum Sommer 1978 nur wenig, also bis zum Drehbeginn von „Eine einfache Geschichte“, ihrer letzten Zusammenarbeit mit Claude Sautet.
Zu ihrem vierzigsten Geburtstag will der Filmemacher Romy eine Rolle auf den Leib schreiben und nimmt damit die Herausforderung an, die sie ihm kurz zuvor durch eine Bemerkung gestellt hatte: „Ich hätte gerne, dass du eine Frauengeschichte schreibst, denn ich habe die Nase voll von den ewigen Männergeschichten.“ „Eine einfache Geschichte“ zeigt die Gefühlsschwankungen der Protagonistin Marie, die zwei Männer (Claude Brasseur und Bruno Crémer) liebt. Sautet möchte mit diesem Film das Wesen der Schauspielerin Romy Schneider erfassen, die ständige Gratwanderung einer innerlich zugleich starken und labilen Frau, um konkret zu veranschaulichen, was er unter moderner weiblicher Sensibilität versteht. Obwohl ihn Romy nach wie vor uneingeschränkt fasziniert und er sie immer noch als „Synthese aller Frauen“ betrachtet, ist der Regisseur kritisch mit ihr, lässt ihr nichts durchgehen, prüft jede Haltung, jedes Lächeln, jede Mimik, ihre Verärgerungen - eine ganze Palette winziger Details, die ihm aufgrund der engen Beziehung zu ihr nicht entgehen. Der Film „Eine einfache Geschichte“ wird bei seinem Kinostart einhellig gelobt und wird ein echter Kassenschlager. Romy Schneider erhält für diese Rolle ihren zweiten César, die höchste Auszeichnung der französischen Kinobranche, und steht am Gipfel ihrer Karriere.

Romy: „Claude Sautet hat mir Vertrauen entgegengebracht, wo so viele andere mich für eine schöne, aber dumme Frau hielten. Er hat für mich Rollen geschaffen, Menschen mit verschiedenen Facetten, komplexe Persönlichkeiten, perfekte Porträts der modernen Frau. Frauen, die für ihre Emanzipation kämpfen und heute noch fürchterliche, riesige Vorurteile aufgrund ihres Frauseins erdulden müssen. Die Zusammenarbeit zwischen Claude Sautet und mir war so, dass es schwer zu sagen ist, ob er einen Beitrag zum Entstehen meiner Filmpersönlichkeit geleistet hat, oder ob ich ihm die menschliche Dimension dieser Frauen vermittelt habe. ‚Eine einfache Geschichte’ spiegelt all meine Probleme und all das, woran ich glaube, wider. Aber ohne Sautets Hilfe hätte ich mich niemals ausdrücken können. Er bat mich, tief in mich hineinzublicken und alles auszudrücken, sogar das, was ich niemals zugeben wollte.“

So einfach wie ihre Begegnung in einem dunklen Gang der Filmstudios in Boulogne-Billancourt war, so endgültig trennten sich ihre Wege 1980: Zu dieser Zeit arbeitete Sautet an einer Idee des Drehbuchautors Daniel Biasini, Romys neuem Mann. Darin ging es um eine Vater-Sohn-Beziehung (es war die Vorstufe zu „Der ungeratene Sohn“). Romy war begeistert und hoffte auf eine Rolle, aber Sautet sah in dem Projekt keinen Platz für seine Muse. Sie bestand darauf, stellte Forderungen an ihn, aber Sautet gab nicht nach: Es kam zu einem heftigen Streit – dem letzten.

Olivier Bombarda

Erstellt: 06-10-06
Letzte Änderung: 22-09-08