Rosa von Praunheim: Also, es hat sich sehr viel gebessert. Wir haben einen schwulen Bürgermeister in Berlin, in Hamburg, gerade hat sich Anne Will mit ihrer Freundin - also ein großer deutscher Fernsehstar - als lesbisch geoutet, das sind schon gute Zeichen. Aber man darf nicht vergessen, dass es für Jugendliche immer noch sehr schwer ist, wenn sie im Umfeld von Gruppen mit anderem religiösen oder kulturellen Hintergrund zusammen zur Schule gehen und aufwachsen. Immer noch sagen 70 Prozent der Jugendlichen, sie fänden Schwule und Lesben ekelhaft. Sowohl für schwule Lehrer als auch für schwule Schüler ist es immer noch schwer, und das sind natürlich gerade in der Pubertät entscheidende Momente, weil man da Rollenvorbilder braucht. Wir haben natürlich das Internet, wir haben inzwischen auch sehr viele Anlaufstellen, an die sich Jugendliche wenden können, aber die Schule ist immer noch problematisch. Ein großes Problem sind außerdem die angrenzenden Länder wie Polen, meine Geburtsstadt Riga, in Lettland, wo sich die Kirche mit den Rechtsradikalen zusammen tut im Kampf oder auch im Hass gegen die Schwulen. Dann haben wir die ganzen islamischen Länder: Im Iran gibt es immer noch die Todesstrafe für Schwule, nicht zu denken an Afrika und Asien, wo Sexualität ganz allgemein sehr tabuisiert ist und Homosexualität in dem Sinne gar nicht vorkommt, weil es als etwas so Schreckliches angesehen wird. Also, es ist noch sehr viel zu tun.
Könnte das auch damit zusammen hängen, dass es inzwischen mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt, und - ohne jetzt irgendwelche Vorurteile pflegen zu wollen - dass da doch oft der Umgang mit Homosexualität schwieriger ist?
Ja, klar, ich meine, Jugendliche mit islamischem Hintergrund werden natürlich dazu erzogen, Schwule zu hassen, obwohl das oft eine Bigotterie ist, weil sie selber durch die Frauenfeindlichkeit oft homosexuell aktiv sind, das aber nach außen hin auf keinen Fall zeigen dürfen. Ich meine, das war ja bei uns vor hundert Jahren auch so. Wir müssen einfach daran denken, dass die Emanzipationsbewegungen ja relativ neue Bewegungen sind, selbst in den 50er und 60er Jahren war eine geschiedene Frau oder eine Frau mit einem unehelichen Kind etwas Schlimmes. Und Homosexualität natürlich erst recht. Erst 1969 wurde ja der Paragraph 175 zugunsten der Homosexuellen verändert und erst 1994 dann ganz abgeschafft. Natürlich gibt es sehr viele Länder, die diese Emanzipationsbewegung nicht durchgemacht haben.
Sie haben sich mal ziemlich unbeliebt gemacht, indem sie prominente Homosexuelle gegen deren Willen geoutet haben, heute machen die das selbst, wie gerade das Beispiel von Anne Will gezeigt hat. Ist das jetzt aus Ihrer Sicht besser so? Glauben Sie, das verstärkt die Toleranz in der Gesellschaft gegenüber sexuell anders orientierten Menschen?
Da hat sich sicher sehr viel geändert, nicht zuletzt auch durch die Fernsehtalkshows, die nicht immer sehr geschmackvoll gemacht werden, aber man redet jetzt offen über Sexualität und Homosexualität. Also „Schweigen = tot“ ist vorbei, das war ja so ein Slogan der Aidsbewegung - da habe ich ja auch einen Film dazu gemacht. Man muss darüber reden und weiter aufklären, das ist ganz wichtig und richtig.
Inzwischen kommen sogar aus Hollywood große dramatische Liebesgeschichten über Schwule, siehe „Brokeback Mountain“ von Ang Lee, das Schwulenbild in den Medien ist fast durchweg positiv besetzt inzwischen. Fast könnte man provokativ fragen, ob die Schwulenexistenz womöglich die intensivere, kreativere und die bessere Lebensform ist...?
Nein, das kann man so nicht sagen, wir haben ja immer kämpfen müssen. Anfang der 70er Jahre, Ende der 60er Jahre war es ganz wichtig, dass wir eine neue Gesellschaft wollten. Wir wollten eine Gesellschaft, die freie Sexualität propagiert und wir wollten nicht, dass sich die Homosexuellen an die konventionellen heterosexuellen Normen anpassen, also Ehe, Monogamie und so weiter – wir wollten eine Gesellschaft, die nicht in dieser kleinbürgerlichen Enge erstickt. Man sieht ja auch an den vielen Scheidungen, wie schwierig das ist, so eine angestrebte monogame, lebenslange Ehe durchzuhalten. Wir wollten eine Gesellschaft, die auch in größeren Gruppen funktioniert. Dass man in unterschiedlichster Form ein Paar sein kann, zusammen leben kann, auch dass Kindererziehung eben nicht von einer alleinstehenden Mutter oder in der Kleinfamilie - oft mit sehr viel Frustration - betrieben wird, sondern dass da wirklich andere Möglichkeiten gelebt und auch ausprobiert werden können. Und ich denke, die Zeit wird auch wiederkommen, in der das wie in den 20er oder in den 60er Jahren eine Art Aufbruchstimmung ist, so dass diese ganzen Themen wiederkommen werden, denn man sieht deutlich, dass diese Gesellschaft so, wie sie jetzt ist, einfach zu konventionell und überholt ist.
Dennoch, noch einmal zugespitzt: Gibt es so etwas wie eine positive Diskriminierung homosexueller Lebensformen nach dem Motto: „Die Heteros werden uns unser tolles Sexualleben nie verzeihen.“? Also indem man Homosexualität mystifiziert, überhöht, eben durchweg positiv darstellt und die Heteros immer doch mit einem gewissen neidischen Blick auf das scheinbar freie, sexuell erfüllte Leben der Homosexuellen blicken.
Das scheint mir ein gefährlicher Satz zu sein, weil das in die Richtung geht: Homosexualität wird Mode und man beneidet die Schwulen. Nein, das ist nicht richtig und nicht gewollt. Homosexualität wird immer ein Minderheitsproblem sein. Das fängt ja schon in der Jugend an: Man möchte gerne zur Norm dazugehören, zur Allgemeinheit, und wenn man selber feststellt, man gehört nicht dazu, dann ist das erst mal ein problematischer Weg. Und da heil raus zu kommen, auf Menschen zu treffen, die aufgeschlossen sind, dieses Glück hat man ja nicht immer. Das ist immer noch ein schwieriger Schritt, den Partner in der Öffentlichkeit zu küssen, so wie das Heterosexuelle tun, sich sozusagen zu „outen“, bei den Eltern, im Betrieb, im Freundeskreis, wenn man verreist. Da ist man doch in einer sehr speziellen Situation, und es ist auch nicht immer ungefährlich. Es gibt immer noch Leute, die einen zusammenschlagen wollen, Gewalt gegen Schwule ist an der Tagesordnung. Es mag vielleicht in den Großstädten, in einigen Zentren so sein, das es inzwischen akzeptierter ist, also in einigen Discos und Clubs, in denen Heteros und Schwule und Lesben gemeinsam feiern. Da ist eine große Toleranz da, aber das ist immer noch die Ausnahme.
Rosa von Praunheim, 65 ist zwar bald kein Rentenalter mehr, aber man kann es ja mal ruhiger angehen lassen. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Das Schwule Museum in Berlin macht dazu eine große Ausstellung momentan - „Rosa geht in Rente“, das ist natürlich parodistisch gemeint. Ich muss noch arbeiten und will auch arbeiten, das ist so in einem freien Beruf, wenn man Filme macht, die zur Nischenkultur gehören, die nicht kommerziell sind. Da muss man halt so lange arbeiten, wie man arbeiten kann, und ich mache das auch gerne. Ich finde es gut, wenn man gefordert ist, das trägt vielleicht ein bisschen dazu bei, dass man länger geistig frisch bleibt.
Ihr nächstes Projekt, habe ich gelesen, soll in der Hölle spielen...?
Und wie wird der 65. Geburtstag am 25. November gefeiert?
Das machen wir im Kino Babylon in Berlin-Mitte, das ist am Rosa-Luxemburg-Platz, auch eine Rosa. Da machen wir im großen Kino eine große Feier. Um 18 Uhr zeige ich dort die Preview meines neuesten Films „Meine Mütter“, das ist ein Film über die Suche nach meinen leiblichen Eltern. Ich habe erst vor sieben Jahren erfahren, dass ich adoptiert worden bin, das ist ein sehr bewegender Film geworden. Und um 20 Uhr werde ich auf der Bühne viele, viele Stars meiner Filme vorstellen und dann wird gefeiert. Und am Tag davor wird um 19 Uhr im Schwulen Museum, das ist in Berlin am Mehringdamm 61, eine große Ausstellung über mein Leben und Werk eröffnet, die vier Monate lang zu besichtigen sein wird.
Interview: Thomas Neuhauser (ARTE / November 2007)






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