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22/02/11

Rotlichtviertel

Auf St. Pauli existieren Subkultur und Sexgewerbe einträchtig nebeneinander. Noch leuchten Reklameschilder von Stripteaseläden, Sexshops und Bordellen grell an jeder Ecke. Doch der Strukturwandel hat auch das Sexgewerbe erfasst.

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„Wir sind mit diesen ganzen Dingen aufgewachsen, sagt Jan Delay. Für uns ist das ganz normal: Nutten! Zuhälter! Nur jetzt so seit ein oder zwei Jahrzehnten schlägt es halt so in eine andere Ebene um. Eben wieder in diese Touristenebene. Das heißt, Nutten, möglichst gar nicht, oder nur als touristische Attraktion. Weil irgendwo ist ja alles schmuddelig. Und all diese gammeligen Sex-Kinos und Peep-Shows, wo sich die alten Typen einen wichsen, das muss alles irgendwie weg. Und wir müssen hin zu dem glamourösen Sexbusiness (...). Aber der Charme, an der Sache, vor allem auch der Charme am Sex, der geht halt dadurch vollkommen flöten!

Willkommen im Rotlichtviertel. Und bevor der Charme ganz verloren geht: Voilà, die charmantesten Mädels von St. Pauli! Der neueste Schrei: Burlesque! Im Queen Calavera lassen die Tänzerinnen Primadonna Dita von Teese zwischen Punk und Pose neidisch am Boden ihres Champagner-Glases erblassen. Der Kiez liegt ihnen zu Füßen!

Falsche Wimpern, echte Maskerade: Die Tänzerinnen Eve Champagne, Koko La Douce und Fleur d’Amour setzen auf auffällige Kostüme. 90-60-90 ist nicht das Maß der Dinge. Koko LaDouce: „Wir sind einfach so überflutet von so genannten perfekten Körpern, dass es ganz, ganz wichtig ist, dass man irgendwo hingehen darf und Frauen mit grauen Haaren sieht, und Hängetitten und Orangenhaut und wo es wabbelt und wo das schön ist“. Der Knaller: Hier stehen Schauspiel, Sexappeal und Spaß auf der Bühne. Die Verführungskunst des Burlesque lockt immer mehr Frauen ins Publikum. Männern reicht die augenzwinkernde Erotik oft nicht. Bim Burlesque geht es nicht um die Erfüllung voyeuristischer Erwartungen. Sondern um die selbstbestimmte Inszenierung von Erotik. Wem das nicht aufreizend genug ist, der geht in klassische Strip-Clubs. Zum Beispiel ins Dollhouse. Oder in Susis Showbar. Die heutige Chefin hat früher selbst dort getanzt.

Die Macht des weiblichen Körpers. Seine nackte Anziehungskraft lässt die Scharen nach St. Pauli pilgern. Die Erotikbranche ist seit jeher ein fester Bestandteil der Kiez-Kultur. Susi: “Ich finde, Erotik wird akzeptiert, also es kommen alle Gesellschafts-schichten nach St. Pauli. Sogar aus Blankenese, was weiß ich, aus Hummelsbüttel. Es kommen Pärchen. Also heute ist ne andere Zeit, früher war das sehr verborgen, ne, heute gehen die irgendwie alle nach St. Pauli. Allein durch die großen Theaters hier, Tivoli und so und nachher gehen die halt in Striptease-Clubs, ne.
Nackttanz – das älteste Entertainment der Welt. Aus Cabarets und Oben-Ohne-Shows entwickelte sich die „sündigste Meile der Welt“. Für Anstand und Moral ein gefährliches Pflaster. Heute jagen Touristen-Truppen durch St. Pauli, das Abenteuer im Visier. Die rote Meile ist die Attraktion. Die Hamburger Drag Queen Olivia Jones bietet auf ihren Touren unerwartete Einblicke. “Einige sind natürlich ein bisschen schockiert, aber auch gerade die Landeier amüsieren sich hier köstlich, weil das ist ja das Lustige, dass es für viele auch ein Kultur-Schock ist, aber mit mir ist das gesellschaftsfähig und mit mir trauen sie sich auch in die Läden rein, wo sie alleine niemals reingegangen wären.“

Frauen haben keinen Zutritt. Willkommen sind in der Herbertstraße nur diejenigen, die hier arbeiten. Als Huren. Bis sie ihre Karriere als Domina begann, hat Liliane von Rönn Jahre lang dort angeschafft. Damals waren die Häuser noch in Frauenhand. Liliane gründete die Initiative „Solidarität Hamburger Huren“. Inspiration fand sie bei Domenica, Hamburgs prominentester Prostituierter. Das Problem: Die Bordelle florierten, doch offiziell existierten Huren nicht. Ohne rechtlichen Status waren die Frauen Gewalt und Raub hilflos ausgeliefert. Nun sind sie anderen Arbeitnehmern gesetzlich gleichgestellt.

In Susis Showbar, die Travestie-Künstlerin Lilo Wanders bringt Licht ins Dunkel der Sexualität. Früher klärte sie in ihrer Fernsehsendung auf, heute auf Lesereisen. „Männer sind durchaus in der Lage, vielleicht nicht alle, aber die meisten, sexuelle Betätigung von Gefühlen abzuspalten. Für die meisten Frauen ist es nötig, dass eine Form von Vertrauensverhältnis zumindest da ist, wenn es in die Kissen geht. Ihre Aufgabe ist es, aufzupassen, dass nicht plötzlich ein Säbelzahntiger aus dem Badezimmer kommt und er will nur drauf los rammeln.“

Die wenigen Bordelle für Frauen bleiben leer. Von den Herren gehen dagegen statistisch gut 25% zu Huren. Warum eigentlich? Lilo Wanders: “Weil es mehr um Hygiene geht, genau deshalb, gehen Männer ins Bordell oder zu Prostituierten, das kann man so im Vorbeigehen machen ohne dass die Seele davon angerührt wird. Wenn Frauen davon erfahren, sollten sie darüber weggehen, das hat keine Bedeutung. St. Paulis Prostituierte haben erkämpft, dass „Hure“ mittlerweile ein anerkannter Beruf ist. Eine streitbare Haltung gehört auf St. Pauli einfach dazu. Im Sexgewerbe ebenso wie in der Musikszene.

Links

Buch

New Burlesque
von Katharina Bosse
Filigranes Editions
>> Website zum Buch

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Samstag 17. Oktober 2009 um 03.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2009, 52mn)
ZDF

Erstellt: 15-10-09
Letzte Änderung: 22-02-11


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