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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Salomé Zourabichvili (Georgien)

Salomé Zourabichvili, eine Brücke zwischen dem Kaukasus und Europa


Salomé Zourabichvili, Enkelin einer berühmten Familie aus Georgien, die nach dem Einmarsch der Roten Armee 1921 ins Exil nach Frankreich gegangen war, wurde 1952 in Paris geboren. Ihre Familie war - weit entfernt vom Kaukasus und ihren Vorfahren - der georgischen Kultur und Sprache sehr verbunden. In ihrem Werk Une femme aux deux pays, das im Mai 2006 bei Grasset erschienen ist, erzählt sie die ungewöhnliche Geschichte ihrer Familie. Im März 2004 wurde aus der französischen Botschafterin in Tblissi Salome Zourabichvili die Außenministerin Georgiens. Völlig übergangslos. Der Vorschlag kam von dem frankophilen georgischen Präsidenten Mikhaïl Saakachvili persönlich. Der Verstoß gegen Vorschriften und Gepflogenheiten des Quai d’Orsay schockierte viele. Für Salomé Zourabichvili, die dreißig Jahre lang im Dienste der französischen Diplomatie stand, war dies ein echter Wendepunkt nach ihrer Musterkarriere: Institut d’études politiques in Paris, französisches Außenministerium, Institute for Russian Studies der Columbia-Universität in USA. Der erste Zwischenfall auf ihrem Erfolgsweg ereignete sich am 19. Oktober 2005, als sie achtzehn Monate nach ihrem Eintritt in die Regierung kaltgestellt wurde. Ohne eine vernünftige offizielle Begründung, aber ihrer Meinung nach doch aus gutem Grunde: Sie wollte nämlich gegen die Korruption vorgehen.  Dies beweist ihrer Auffassung nach, dass ein Teil des „alten politischen Systems“ die „Rosenrevolution“ überlebt hat, mit der Georgien seit Dezember 2003 auf den Weg der Demokratie geleitet wurde. Seitdem strebt sie als Oppositionskandidatin das Bürgermeisteramt der Stadt Tiblis an– noch ist für sie das letzte Wort nicht gesprochen. Ihrer Meinung nach ist die Zukunft der Demokratie in Georgien eng mit der Zukunft der Ukraine verbunden. Das legt sie in einem Artikel in le Monde dar, den sie mitten in der "Orangenen Revolution" im Dezember 2004 schrieb und der nichts an Aktualität eingebüßt hat. Wenn sich die "Ukraine erst einmal emanzipiert hat, hat Moskau keine andere Wahl mehr, als sich so zu akzeptieren, wie es sein sollte, als Macht mit einer längst erloschenen imperialen Vergangenheit." Wenn dieser Wandel erfolgt, ist dies ein neues Kapitel in der Geschichte des Kaukasus, "wo für jeden Platz ist", der sich öffnet. Diese Entwicklung betrifft auch Europa.

"Die Wahlen in der Ukraine sind von entscheidender Bedeutung. Wir sind an einem bedeutenden Wendepunkt der Geschichte angelangt und müssen dies rechtzeitig erkennen. Das ist zunächst entscheidend für die Ukraine, denn hier werden nicht mehr und nicht weniger als die Demokratie und Europa in die Waagschale geworfen.
[…] Entscheidend ist diese Entwicklung auch für Georgien, denn ein Stillstand oder eine Verlangsamung der in Tiblis im November 2003 eingeleiteten demokratischen Dynamik könnte negative Auswirkungen auf unsere eigene interne Entwicklung haben. […]


Entscheidend ist die Sache aber auch unleugbar für Russland. Wird das Land die unausweichliche Realität annehmen, die Tatsache, dass das Sowjetreich nicht mehr besteht. Diese Entscheidung hat Russland gegenüber Georgien noch nicht zu treffen vermocht - sie ist existentiell, aus ihr ergibt sich die Regionalpolitik.
Der Verzicht auf Georgien ist in emotionaler Hinsicht schmerzhaft. Denn immerhin verkörpert es vergangene Träume, Poesie und Urlaub für Russland. Doch der Verzicht auf die Ukraine wiegt weitaus schwerer: Hier geht Realität verloren. […] Die emanzipierte Ukraine lässt Moskau keine andere Wahl mehr, als sich so zu akzeptieren, wie es sein sollte, als Macht mit einer längst erloschenen imperialen Vergangenheit. Damit würde Russland seinen Einfluss im international akzeptierten Rahmen geltend machen. Europa würde damit endlich den Partner finden, den es erwartet.


[…] Moskau muss überzeugt werden, dass dauerhafter Einfluss nur durch positive Instrumente erlangt werden kann – durch die Wirtschaft, die Kultur, eine konstruktive Rolle bei der Konfliktlösung. Es muss aber auch aufgezeigt werden, dass die Zeit der Nullsummenspiele und der binären Konfrontation zwischen USA und Russland um die Kontrolle der Gebiete längst überholt ist. Und dass wir heute auf ein neues System der Kooperation und Teilhabe setzen, wo es in dieser anfälligen und strategischen Kaukasus-Region für jeden einen Platz geben muss. Einen legitimen Platz für die einstige Schutzmacht, einen von nun an etablierten Platz aufgrund von geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der USA, einen Platz für das erwartete und immer stärker präsente Europa. Keinerlei Einfluss darf die anderen ausschließen, auch nicht in der Konfrontation."


Veröffentlicht in Le Monde vom 1. Dezember 2004 unter dem Titel "L’Ukraine enjeu crucial pour nous tous" (Ukraine – eine entscheidende Frage für uns alle).

WEITERE INFORMATIONEN ZUM THEMA

Zur Entwicklung im Kaukasus gibt es eine hervorragende Website in englischer, deutscher und französischer Sprache:
www.caucaz.com

Erstellt: 19-06-06
Letzte Änderung: 05-11-08