Wir hatten Straßburg als Ziel unserer Ausreise gewählt, weil wir einen jüdischen Ort suchten oder besser gesagt, einen Ort, an dem jüdisches Leben noch als eine sozusagen normale Facette der Stadt existiert, jenseits von Exotik, ohne allzu großen konfliktuellen Ballast und ohne dauernden Erklärungszwang, wie, warum und was denn nun eigentlich jüdisch sei.
Auf unserer Entdeckungsreise ins Innere des Judentums konnten wir in Straßburg auf engem Raum so ziemlich alles finden, was das Judentum zu bieten hat, alles, was sich an anderen Orten der Welt mit größerem jüdischen Bevölkerungsanteil und auch in Israel in zahllose Strömungen, Richtungen und Gruppierungen abgrenzt und voneinander unterscheidet, wenn nicht gar bekämpft oder gegenseitig ignoriert: die Aschkenasim und Sefardim, die Religiösen und die Säkularen, die der unterschiedlichen Herkunftsländer und Sprachen, die Linken und Rechten, die Armen und Reichen, die Gebildeten und Ungebildeten, wie es eben der Gruppenbildung jeder anderen Gesellschaft auch eigen ist.
Ein besonderer Ort auf der jüdischen Landkarte
Die Stadt Straßburg aber ist einfach zu klein und ihre jüdische Gemeinde darin zu fest verwurzelt, als dass sich solche Abgrenzungen in festgelegte Bezirken behaupten könnten.
An dieser Stelle ist es wahrscheinlich wichtig, ein weit verbreitetes Missverständnis aus dem Weg zu räumen, das sich aus irgendwelchen Gründen in den Vorstellungen vom jüdischen Straßburg festgesetzt hat: Nein, Straßburg birgt nicht die größte und auch nicht die zweitgrößte jüdische Gemeinde Frankreichs, denn es leben in Straßburg ca. 20.000 Juden, während die jüdische Gemeinde
Bezirken behaupten könnten.
An dieser Stelle ist es Frankreichs insgesamt mit 600.000 Juden die größte Europas ist, allein in Paris und seiner Region leben mehr als in ganz Großbritannien. Diese falsche Vorstellung über Straßburg mag mit der demografischen Proportion zusammenhängen, denn proportional gleicht der jüdische Bevölkerungsanteil tatsächlich dem von Berlin oder Wien vor der Nazizeit und dem Zweiten Weltkrieg. Dass Straßburg ein besonderer Ort auf der jüdischen Landkarte ist, mag auch damit zusammenhängen, dass die Juden viele Jahrhunderte aus Frankreich ausgewiesen waren, und es erst, als das Elsass unter Louis XIV. französisch wurde, wieder Juden in Frankreich gab.
Viel später kamen jüdische Einwanderer aus Osteuropa hinzu, vor allem Polen, und noch viel später, in den 1960er Jahren, zusammen mit den „pieds noirs“, die Juden aus den nordafrikanischen Ländern Algerien, Marokko, Tunesien. Die Ankunft dieser Sefardim aus dem Maghreb hat dann mit einem Schlag die Zahl der Juden in Frankreich verdoppelt, und weil sie traditioneller eingestellt und vom Holocaust sehr viel weniger betroffen waren, haben sie dem französischen Judentum einen kräftigen Schub Vitalität und Selbstbewusstsein gegeben. Dass vor der Ankunft der Sefardim ein Jude in der Stadt mit Kippa herumläuft, das hat es vorher nie gegeben, habe ich oft Leute sagen hören, die es wissen müssen. Weil die überlebenden elsässischen Juden nach dem Holocaust, im Gegensatz zu denen aus Deutschland oder Österreich, in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind, ist dieser Ort einer der wenigen mit einer ununterbrochenen jüdischen Präsenz seit 2.000 Jahren, wenn wir davon ausgehen, dass die Juden mit den Römern gekommen sind, wofür es zwar keine Beweise, aber auch keine Gegenbeweise gibt.
Eine Ironie der Geschichte will es, dass gerade im „quartier allemand“, im deutschen Viertel, wo früher Kaiser Wilhelms Beamte wohnten, die Juden in besonders großer Zahl eingezogen sind, so dass die ganze Gegend hinter der großen, konsistorialen Synagoge, hier „Grande Schul“ genannt (geschrieben „Grande Choul“), bis hoch zum Boulevard Clemenceau heute zum „quartier juif“ geworden ist, oder wie manche es mit Humor nennen: das Ghetto. Die Gegend zwischen Orangerie und Esplanade, wo wir wohnen, wurde erst wenig später zum „quartier juif“ und wird folgerichtig „das zweite Ghetto“ genannt.
Der Fußballclub trainiert am Sonntag
Die Stimmung unter den Juden hat sich aber in den letzten Jahren, und zwar besonders bei denen, die sich in Straßburg und in Frankreich überhaupt selbstverständlich zu Hause fühlten, deutlich verschlechtert, seit ein neuer Antisemitismus hier und da zum Ausbruch kommt oder unterschwellig in die Diskurse eingegangen ist. Mehrere, vor allem junge Paare, haben sich zur Auswanderung nach Israel entschieden. Früher lebten die elsässischen Juden gezwungenermaßen auf dem Land, die unzähligen Friedhöfe am Rande der elsässischen Dörfer erinnern daran, aber nun sind sie seit ein bis zwei Generationen Stadtbewohner. Ihre klassischen Berufe und auch ihr Dialekt, das Judeo-Alsacien, verlieren sich langsam, zumal sie sich ja seitdem auch mit Juden polnischer oder sefardischer Herkunft verheiratet haben. Die verschiedenen Synagogen und zahlreichen Beträume halten jedoch noch die jeweilige Herkunft im unterschiedlichen Ritus einigermaßen fest.
An dieser Stelle gilt es, ein weiteres Missverständnis auszuräumen: Es heißt oft, Straßburg sei der Ort einer besonders orthodoxen Gemeinde. Die, sagen wir, klassische Orthodoxie behauptet in der jüdischen Gemeinde zwar ihre feste Stellung, die Mehrheit der Straßburger Juden befindet sich aber eher irgendwo in der Mitte zwischen orthodox und assimiliert. Die richtigen Elsässer sowie viele Sefardim bezeichnen sich gerne als „traditionell“ und jeder legt sich die verschiedensten Kompromisse zurecht. Einige würden gut in das Konzept des „modern orthodox“ passen, wie es in Amerika genannt wird, aber wie gesagt, hier werden die Abgrenzungen nicht so scharf gezogen. Dafür läuft man sich einfach zu oft über den Weg, im koscheren Supermarkt oder im Restaurant und auf den zahlreichen Feierlichkeiten oder Festen. Und im Fußballclub „Menora“ spielen sowieso jüdische Jungs der verschiedensten Couleurs, das Training am Sonntag statt am Samstag wird als Konsens eingehalten. Das Missverständnis von der so orthodoxen Straßburger Gemeinde rührt vielleicht daher, dass sich die 15 bis 20 verschiedenen Synagogen und Beträume mitten im Stadtgebiet befinden und die Religiösen dann am Schabbes, an dem sie ja nicht Auto fahren, als Fußgänger auf den Straßen besonders auffallen. Einige Persönlichkeiten haben das Straßburger Judentum auf besondere Weise geprägt: André Neher, der die Jüdischen
Studien an der Straßburger Universität einführte und Autor zahlreicher Bücher ist, mit denen er den Juden nach dem Holocaust durch ihre meist biblische Thematik Würde und Hoffnung wiederzugeben versuchte; die Rabbiner Abraham Deutsch und Raw Horowitz, und schließlich in den 1960er Jahren Raw Abitbol, der die „Jeschiwa des Etudiants“ gründete und damit dem jüdischen Lernen einen ganz neuen Impuls gab: Er regte die Studenten, die gerade noch im revolutionären Schwung der 68er waren, mit einem ähnlichen Schwung und in einem ganz unkonventionellen Stil zu der schwierigen Auseinandersetzung mit den Texten des Talmud an. Dieses neue Gewicht auf das Textstudium im Licht der Gegenwart allein ermöglicht, wie in all den Jahrhunderten vorher, eine geistige Erneuerung, ohne die jede Tradition zur Folklore erstarrt. Das ist seine Überzeugung, die er inzwischen mit vielen teilt, auch mit mir.Der neue Zugang zum Textstudium hat sich nämlich in den letzten Jahren auch auf Frauen ausgedehnt, die traditionell davon ausgeschlossen waren. Heute aber habe ich jeden Tag eine Auswahl an einer Menge hochinteressanter Seminare, Vorträge und Lerngruppen zu allen möglichen jüdischen Themen, die in verschiedenen Gemeindeeinrichtungen, aber auch in ganz informellen Kreisen stattfinden. Bei den letzten Wahlen zum Konsistorium hat sich nun auch eine Frau durchgesetzt, wie es in der Gemeindevertretung schon seit Jahren der Fall ist. Was jedenfalls das jüdische Leben in Straßburg anbelangt, sind meine Familie und ich voll auf unsere Kosten gekommen, genau wie wir uns das vorgestellt haben, als wir vor mehr als 20 Jahren aus Berlin hierher gezogen sind.
Barbara Honigmann für das ARTE Magazin







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