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20/09/05

Schamanismus

Die Natur ist beseelt und mit Geist erfüllt - so sehen es die Schamanen. Um mit dieser beseelten Welt in Kontakt zu treten, kennen sie verschiedene Rituale: Mit Trommeln und Gesang bringen sie sich in Trance, begeben sich auf eine „schamanische Reise“.

Das Wissen darüber, wie man die Alltagswelt verlässt, ist Teil des überlieferten Wissens vieler Naturvölker, zum Beispiel in Südamerika. Dort ist der Schamane zuständig für das geistige und körperliche Wohl einer Gemeinschaft. Er ist das Bindeglied zwischen der Realität und der geistigen Welt. Der Schamane versucht, Ursachen und Heilungsmöglichkeiten einer Krankheit in der anderen Welt zu finden.

Schamanische Behandlungen sind auch in Europa sehr gefragt. Denn eine tiefe Sehnsucht nach dem Ursprung, nach Natur, erfüllt viele Menschen. Einer derjenigen, die schamanisches Wissen anwenden, ist Wolf-Dieter Storl. Der promovierte Wissenschaftler hat lange mit Indianern gelebt und wohnt heute abgeschieden im Allgäu. Hier schreibt er Bücher, auch über die verloren gegangene Verbindung der Menschen zur Natur. Seiner Meinung nach leben wir Menschen in einer künstlichen Umwelt, in der die Seele verhungert.

Wolf-Dieter Storl selbst sieht sich nicht als Schamane, nutzt aber das alte Wissen. Für ihn ist das Schamanentum eine uralte Technik – eine Technik, die man bei Naturvölkern noch findet. Mit ihrer Hilfe gelingt es, aus dem oberflächlichen Alltagsbewusstsein auszusteigen und in die Tiefe der Natur hineinzufinden.

Für Carlo Zumstein heißt schamanisch arbeiten nicht, auf Zivilisation oder Technik zu verzichten. Auto, Handy, Computer – er glaubt daran, dass schamanisches Wissen auf den Westen übertragbar ist. Carlo Zumstein lebt in der Schweiz und ist Psychotherapeut. Er hat in den USA eine schamanische Ausbildung gemacht und sieht sich jetzt als „traditioneller Heiler“. In einer ganz normalen Praxis in Europa bietet er schamanische Heilrituale an - sein Terminkalender ist immer voll. Doch was kann ein Europäer von solch einem Ritual erwarten?

Dr. Wulf Schiefenhövel, Humanethologe am Max-Planck-Institut, erforscht die Heilmethoden der Schamanen in Neuguinea. Innerhalb ihrer Gemeinschaft können Schamanen traditionell recht erfolgreich sein, doch sie sind keine Allheiler. Auch in Europa sollten Patienten realistisch sein, keine zu hohen Erwartungen stellen, so Schiefenhövel.

Bei Carlo Zumstein steht am Anfang der schamanische Behandlung immer ein Gespräch. Patientin Eveline zum Beispiel hat starke Schmerzen in der Hüfte und ein Akne - Problem. Sie schätzt an der Behandlung, dass das schamanische Ritual sie als Ganzes ansieht und nicht nur ein erkranktes Körperteil ins Visier nimmt. Krankheit und Heilung – im Schamanentum liegen die Ursachen dafür in einer geistigen Welt, der Seele. Für den schamanischen Teil der Behandlung singt Carlo Zumstein sich in Trance. In diesem Zustand sieht er, welche "schlechten Kräfte" bei Eveline wirken. Mit einem magischen Trommel-Ritual nimmt er diese schlechte Energie von ihr weg und bläst ihr symbolisch neue Kraft ein. Er wendet damit eine weit verbreitete schamanische Technik an.

Für viele kein Humbug, sondern spürbare Realität. Auch Eveline spürt körperliche Veränderungen: "Es arbeitet einfach. Ich kann nicht sagen, ich fühle mich besser, es ist wie etwas aufgemischt. Die Geister spürt man einfach als Kraft. Du spürst Hitze, die vorher nicht da war, oder du spürst, wie wenn du in einen Raum eintauchst, der voller Energie ist."

Eveline hat sich auf Geister und magische Rituale eingelassen. Wie wirkt eine solche Behandlung? Dazu Dr. Gerhard Mayer vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie in Freiburg: "Das ist eine Frage, die man prinzipiell aus erkenntnistheoretischen Gründen nicht beantworten kann, sondern das ist eine reine Glaubenssache. Für diese schamanisch Praktizierenden hat diese andere Realität allerdings eine starke pragmatische Wirksamkeit und Bedeutung. Man könnte es vielleicht so verstehen: wirklich ist, was psychisch wirksam ist."

Für Wolf-Dieter Storl bedeutet ein Naturritual mehr als ein Spektakel, das positiv auf die Psyche wirkt. Er versucht sein Bewusstsein zu verändern, sich auf die Natur und das Göttliche darin einzulassen: "Man fixiert sich nicht auf die Krankheiten, sondern konzentriert sich darauf, dass man sich in die freie Natur hineinbegibt und dass man das Göttliche, das in jeder Seele lebt, hervorsingt, hervortrommelt und hervorräuchert. Dann lösen sich Verspannungen, da hat Krankheit keinen Platz, egal, um welche Krankheit es sich handelt."

Auch Pflanzenwissen ist Teil der schamanischen Weisheit, Heilpflanzen gehören für Wolf–Dieter Storl zu einer Behandlung immer dazu: "Schamanismus ist eine archaische Möglichkeit, sich mit dem, was um uns ist, zu verbinden. Wenn Menschen wieder dorthin zurückfinden, finden sie auch wieder ihre Fähigkeiten, ihr Leben gestaltend selber in die Hand zu nehmen.“

Mysteriös und noch weitgehend unerforscht – die Heilmethoden der Schamanen. Doch viele Menschen schöpfen durch sie neue Kraft – denn sie stehen dabei als Mensch im Mittelpunkt.

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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 20. September 2005 um 14.45
Redaktion: Birgit Engel Koproduktion BR -ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 16-09-05
Letzte Änderung: 20-09-05