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Schwerpunkt Europa

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Schwerpunkt Europa

Themenabend am Freitag, 11. Juni ab 22.10 Uhr - 15/06/04

Schlesien

Eine polnische Provinz auf dem Weg nach Europa


Schlesien hat seine eigene Geschichte. Hier sind viele Dinge anders, auch die Menschen. Die Vielfalt der Kulturen bestimmt den Alltag: Schlesien war mal tschechisch, mal polnisch und mal deutsch. Das lehrte Toleranz, Offenheit und Respekt für andere. In Schlesien waren die Ländergrenzen fließend. Nichts war beständig, Aufteilungen und Zugehörigkeiten änderten sich und Traditionen durchdrangen einander. Trotzdem entstand der Begriff "Schlesier" als Ausdruck starker Identität und Stolz. Die Beiträge des Themenabends versuchen, den Zuschauern ihre neuen Nachbarn aus dem EU-Beitrittsland Polen näherzubringen. Gleichzeitig spiegeln sie die unterschiedlichen Aspekte, die die polnische Provinz Schlesien birgt.

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>22:10 Uhr: Schlesischer Himmel

Von: Grazyna Pieczuro
Dokumentarfilm, Frankreich / Polen 2004, 60 Min.
Erstausstrahlung

Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms stehen vier Familien, die aus Schlesien stammen: Deutsche, Polen und Tschechen. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass sie Schlesier sind. So bezeichnen sie sich auch. Aber was unterscheidet sie voneinander? Sie leben in verschiedenen Ländern und haben alle eine gemeinsame geschichtliche Vergangenheit, die sie beeinflusst. Doch jede dieser Familien nutzt diese Vergangenheit anders. Der Alltag zwingt die Menschen, von der Vorstellung, wie schön dieses Schlesien einmal war, Abschied zu nehmen und die Hoffnung auf Rückkehr in das alte Land allmählich aufzugeben. Sie wissen, dass die Erinnerungen nicht zurückkommen und die Vergangenheit nicht zum Leben erweckt werden kann. Doch mit diesen Erinnerungen an die Tradition leben die Großeltern in den porträtierten Familien. Sie haben ihren Kindern den schlesischen Dialekt beigebracht, die Familienbindung, die Atmosphäre, den Respekt gegenüber Älteren, Tüchtigkeit, die Lieder, Gedichte, Erzählungen und Bräuche.

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>23.10 Uhr: Frau aus Kohle

Von: Ryszard Stecura
Dokumentarfilm, Frankreich / Polen 2004, 30 Min.
Erstausstrahlung

Nach den Wirtschaftsreformen 1989 ist in Polen das Sicherheitsgefühl jener Menschen, die mit der so genannten Schwerindustrie verbunden sind, stark gefährdet. Schlesien ist die Region Polens in der sich seit jeher dieser Industriezweig mit Fabriken, Hütten, und Gruben konzentriert. Aber die Restrukturierung des Bergbaus ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vor allem ein menschliches Problem. Die gesellschaftlichen Schwierigkeiten Oberschlesiens der Jahre 2003/2004 erinnern an die Situation im Ruhrgebiet, im Pas-de-Calais und in Mittelengland vor 25 bis 30 Jahren. Seit einigen Monaten rollt durch Oberschlesien eine Welle von Streiks und Protesten gegen die Schließung weiterer Gruben.

In dieser Region kommt noch ein gesellschaftlicher Aspekt hinzu: die Frage nach der kulturellen und historischen Identität ihrer Einwohner. Während der jüngsten Volkszählung in Polen im Jahr 2001 deklarierten beinahe 200.000 Menschen ihre Nationalität als Schlesisch. Ihrem Gefühl nach sind sie keine Polen, keine Deutschen, sondern Schlesier. Dieses Schweben zwischen der polnischen und der deutschen Kultur existiert bereits seit Jahrhunderten. Nach dem Ersten Weltkrieg fanden in Schlesien Volksentscheide und Aufstände statt. Berlin und Warschau kämpften um beinahe jedes oberschlesische Dorf. Doch im Grunde genommen sahen weder das Deutsche Reich noch Polen in Schlesien mehr als nur die Kohle.

Diese Wirklichkeit vermittelt der Dokumentarfilm anhand des Schicksals von Irena Michalska, einer Frau, die im Bergbau arbeitet. Die zierliche, dunkelhaarige Person mit Brille arbeitet seit 1976 im Zentrum von Bytom. Sie nahm ihre Arbeit auf, nachdem sie die dortige Fachschule für Bergbau abgeschlossen hatte. Irena stammt aus einer sehr armen, streng religiösen Bauernfamilie. Heute ist sie in der Abteilung für Qualitätskontrolle beschäftigt. Noch drei Jahre und drei Monate bleiben ihr bis zur Pension. Ihre Grube soll jedoch in einem Jahr geschlossen werden. Doch die Grube ist für Irina wie eine Mutter, wie die Ernährerin. Irena kämpft zusammen mit anderen Kumpels um den Erhalt. Sie protestierte auf dem Dach des Betriebes, und nahm an Aktionen und Protesten in Bytom, Katowice, Krakow und Warschau teil. Irena hat noch keine eigene Bergmannsuniform. Erst vor kurzem erfuhr sie, dass auch sie eine tragen darf. Aber ist es nicht schon zu spät dafür?

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>23.43 Uhr: Unterwegs nach Kudowa

Von: Malgorzata Bucka
Dokumentation, Frankreich / Polen 2004, 30 Min.
Erstausstrahlung

Die Politik verwischt die Grenzen im vereinten Europa. Doch es bleiben Mentalitätsunterschiede und Vorurteile. In Niederschlesien versuchen einzelne Deutsche und Polen, diese Unterschiede zu überwinden. Dabei erweisen sich die geltenden Gesetze oft als paradoxe Hindernisse. Auf der Fahrt aus Deutschland in den polnischen Kurort Bad Kudowa begegnen die Bewohner aus der Kudowa-Straße in Berlin Menschen und Umständen, die für die niederschlesische Grenzregion typisch sind. In der durch die Grenze geteilten Stadt Görlitz/Zgorzelec erfahren sie, wie schwierig es ist, Geschäfte zwischen Ost und West zu machen.

"Man muss ein bisschen verrückt sein, damit die Welt von uns erfährt", sagt ein deutscher Restaurantbesitzer. Er plant mit einer Seilbahn vom polnischen Ufer aus preiswerte Teigtaschen über den Grenzfluss zu transportieren. Die Landschaft und die Architektur des sudetischen Vorgebirges erscheinen den Berlinern unversehrt. Doch diese Landschaft ist von der neuen ungehemmten polnischen Industrialisierung bedroht. In einem alten preußischen Gut bei Striegau betreiben die Erben der Familie Wietersheim von Kramsta eine deutsch-polnische Sprachakademie und einen Kindergarten für die Dorfkinder. Sie erheben keinerlei Ansprüche auf ihren alten Besitz. Als der Bus das Städtchen Kudowa an der südlichsten Ecke Polens am Abend erreicht, lädt der Bürgermeister die Berliner ein. Nicht etwa wegen der nützlichen Gaben, die sie mitbringen. Wichtig ist vielmehr, dass man unbefangen miteinander reden kann.

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>00.25 Uhr: Das Paradies kommt morgen ( Jutro bedzie niebo)

Regie: Jaroslaw Marszewski, Drehbuch: Jaroslaw Marszewski, Kamera: Wojciech Todorow, Musik: Mazzoll, Schnitt: Dariuz Zdziennicki, Jaroslaw Ostanówsko, Produktion: Cinepol, Produzent: Waclaw Wiszniewski, Jerzy Kapuscinski
Mit: Ola Hamkalo, Krzystof Pieczynski, Rostislaw Kuba, Ryszard Ronczewski, Henryk Talar, Janusz Chabior
Spielfilm, Polen 2001, 77 Min.
Erstausstrahlung
Original mit deutschen Untertiteln

Ein Schmuggler im deutsch-polnisch-tschechischen Grenzgebiet überfährt aus Versehen einen Hund. Da taucht ein zwölfjähriges Mädchen auf und behauptet, das Tier gehöre ihr. Als Wiedergutmachung besteht sie darauf, das Tier genau an dem Ort zu begraben, den der tote Hund ihr "mitteile". Auf einer ziellos erscheinenden Fahrt geraten die beiden in eine Polizeikontrolle. Als der Polizist den toten Hund entdeckt, verliert das Mädchen die Nerven und schlägt den Polizisten nieder. Daraufhin wirft der Schmuggler das Mädchen aus seinem Wagen, begräbt den Hund auf einem Acker und fährt davon. Zu spät bemerkt er, dass die Kleine ihm sein gesamtes Geld gestohlen hat. Schließlich kann er sie aufspüren, er verlangt sein Geld zurück. Doch das Mädchen stellt eine Bedingung.

"Das Paradies kommt morgen" ist ein klassisches Road-Movie. Dem zwölfjährigen Mädchen gelingt es, dem erwachsenen Mann eine neue Perspektive zu eröffnen, ihm seine Ängste zu nehmen und ihm seine selbst gesetzten Grenzen vor Augen zu führen. Indem das Kind die lange Zeit vergessenen Träume des Mannes an die Oberfläche bringt, findet der Mann zu seiner Würde zurück.

Der Film gewann den ersten Preis beim Troia International Film Festival 2001. Außerdem wurde Krzystof Pieczynski für seine Leistung in "Das Paradies kommt morgen" beim Polnischen Film Festival 2001 als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Erstellt: 09-06-04
Letzte Änderung: 15-06-04