Schriftgröße: + -
Home > Schule > TV-Programm > Schulverweigerer

Dienstag, 7. September ab 20.45 Uhr - 19/08/05

Schulverweigerer

Schulschwänzer gibt es wahrscheinlich seit die Schule als Einrichtung existiert. Doch seit einiger Zeit greift die Schulmüdigkeit europaweit in erschreckendem Maße um sich. Wie hilflos nicht nur die Gesetzgeber, sondern die europäischen Gesellschaften generell auf das Phänomen reagieren, wird durch die harten Maßnahmen deutlich, über die öffentlich nachgedacht wird. Die "Null Toleranz"-Haltung soll auch die Eltern von Schulschwänzern treffen, zum Beispiel durch Kindergeldentzug. Ob diese Kampfansage allerdings die Ursachen der Schulmüdigkeit von Kindern und Jugendlichen berührt, die immer früher aus der schulischen Laufbahn aussteigen, ist fraglich. Der Themenabend begreift den Risikofaktor Schuleschwänzen als alarmierenden Indikator für einen Missstand. Er macht offene Spannungen in dem komplexen Beziehungsdreieck zwischen Kind, Familie und Schule aus und will neben der Ursachenforschung zur Sensibilisierung und zum besseren Verständnis eines erschreckenden und vielschichtigen Phänomens beitragen.


20.45 Uhr
Schwänzen macht Schule

Dokumentarfilm von Daniela Schmidt, Eva Schmitz
ARTE/ZDF, Deutschland 2004, Erstausstrahlung, 58 Min.

In Deutschland gehen 400.000 Kinder nicht mehr zur Schule. Es handelt sich um Schulverweigerer, die wochen- oder monatelang dem Unterricht fernbleiben. Die meisten sind zwischen 13 und 16 Jahre alt. Jährlich verlassen 86.000 Kinder und Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Viele von ihnen rutschen in die Kriminalität ab. Allein in Berlin schwänzen 15.000 Kinder täglich den Unterricht. Im Westen der Stadt werden im Lernprojekt "courage" die beiden 15-jährigen Mädchen Hannah und Mandy betreut. Die Töchter aus gutem Hause sind "Opfer" der modernen Wohlstandsverwahrlosung, Scheidungskinder, die sich nirgendwo zugehörig fühlen, für die niemand da ist, der ihnen den Rücken stärkt und ihnen gleichzeitig die Grenzen zeigt. In Berlin-Mitte bekommen der 15-jährige Rami und der 14-jährige Mathias ihre letzte Chance in dem Projekt "Arbeiten und Lernen". Wie viele andere Schulverweigerer sind sie mehrmals sitzen geblieben, bevor sie den Anschluss ganz verpasst haben. Im Osten der Metropole befindet sich das "Jugendwerk Aufbau Ost", das sich um jüngere Schulmüde kümmert. Ziel ist die Wiedereingliederung der zehn- bis zwölfjährigen Kinder in die Regelschule. Schulverweigerung, so die Beobachtung des Filmes, ist keine "Null-Bock"-Haltung, wie häufig unterstellt wird. Sie ist zuerst ein Hilferuf an Eltern und Lehrer. Die Kinder zeigen damit, dass in ihrem Leben etwas nicht stimmt. Immer wieder nennen sie Gründe wie Einsamkeit und häusliche Probleme. Die Schule ist für viele ein Ort der Angst, des Versagens und der Ignoranz. Aussagen, die meist in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion der "Schwänzer-Problematik" nicht an erster Stelle ins Spiel gebracht werden. Elektronische Fußfesseln für chronische Schwänzer helfen ebenso wenig wie polizeiliche Verfolgung oder Bußgelder für die Eltern. Schulverweigerer brauchen Hilfe und Aufmerksamkeit, keine Kriminalisierung. Denn sie wollen nichts anderes sein als ganz normale Schüler.


Die Filmemacherinnen Daniela Schmidt und Eva Schmitz wollten wissen: Was sind das für Kinder, die die Schule schwänzen? Warum drücken sie sich vor dem Unterricht? Warum verweigern sie das Lernen, und was wollen sie uns damit zeigen? Auf der Suche nach Antworten stießen sie in Berlin auf spezielle Lernprojekte, die einzelnen Schulverweigerern alternatives Lernen vermitteln. Für die Kinder die letzte Chance, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Mehrere Monate begleiteten die Filmemacherinnen fünf junge Aussteiger aus drei verschiedenen Schulverweigerer-Projekten. Sie gaben ihnen eine kleine Digital-Kamera in die Hand. Für die Kinder war dies spannend, für die Filmemacherinnen eine Möglichkeit, sich ihnen zu nähern. Im Film kommen auch die Eltern, Lehrer, ehemalige Klassenkameraden und Projektmitarbeiter zu Wort.

21.45 Uhr
A wie Ausstieg

Dokumentarfilm von Bernard Martino
Deutschland / Frankreich 2004, Erstausstrahlung, 60 Min.
Immer mehr Kindern fällt es schwer, sich den schulischen Lernvorgaben anzupassen. Lehrer und Politiker bemühen sich um Strategien, möglichst früh Eltern und Schülern notwendige Hilfen anzubieten. Welches sind die ersten Anzeichen für eine Karriere als Schulverweigerer? Sind Schulmüdigkeit und Schulverweigerung Ausdruck "schlecht erzogener" Kinder, die nicht mehr bereit sind, sich der schulischen Disziplin zu unterwerfen? Oder sind sie eher die Konsequenz des immer tiefer werdenden Grabens zwischen einer schwierigen sozialen und familiären Realität einerseits und ständig steigenden schulischen Anforderungen andererseits? Muss man sich Gedanken machen über die kleinen Rebellen oder eher über die Erwachsenen, die ihrer eigenen Rolle nicht gerecht werden? Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Eltern ihrem Erziehungsauftrag, das heißt der Vermittlung von Werten, nicht mehr im notwendigen Maß nachkommen können oder wollen, in der aber gleichzeitig immer mehr vom schulischen Erfolg des Kindes abhängig ist. Ist die Schule ein Ort, an dem man sich dieses Paradoxons bewusst ist? Oder fungiert sie eher als Druckverstärker, der die Erwartungen der Erwachsenen ungefiltert an die Kinder weitergibt? Bei der Ursachensuche kann es nicht um schnelle Urteile und allgemein gültige Rezepte gehen. Der Dokumentarfilm zeigt eine Grundschule in Bagnolet bei Paris, wo deutlich wird, wie unterschiedlich die Kinder mit den schulischen Erwartungen an sie zurechtkommen. Und in Charleville-Mézières in den Ardennen begegnet Filmemacher Bernard Martino in einer so genannten "classe-relais" Jugendlichen, die schon aus dem Schulsystem ausgestiegen waren und in einer gemeinsamen Maßnahme des staatlichen Erziehungswesens und des Justizministeriums ihre letzte Chance erhalten. Diese Auffangklassen versammeln, getrennt von der normalen Schule, Jugendliche mit extremen Lernschwierigkeiten. Bei jedem einzelnen von ihnen, so die erschreckende Einsicht ihrer Lehrerin, hat das Abgleiten von der normalen Schullaufbahn bereits in der Grundschule begonnen.

Erstellt: 01-09-04
Letzte Änderung: 19-08-05