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Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 11/09/08

Secret Sunshine

Ein Film von Lee Chang-dong


Eine Frau findet zum Glauben – aber für wie lange?

Korea 2007, 142 Min.
Mit Jeon Do-yeon, Song Kang-ho

Synopsis: Die junge Mutter Shin-ae zieht mit ihrem Sohn Jun in die Geburtsstadt ihres gerade verstorbenen Mannes, um noch einmal von vorn zu beginnen. Kurze Zeit später wird Jun gekidnappt und tot aufgefunden. Nach einem Selbstmordversuch findet Shin-ae zum Glauben, zum ersten Mal in ihrem Leben.

Kritik: Ruhig und unauffällig erzählt der koreanische Regisseur Lee Chang-dong eine Geschichte, die die Qualitäten einer guten Novelle besitzt: Hier wird die Lebensgeschichte und die innere Wandlung einer Frau erzählt. Mit Shin-ae und Jun kommen wir an in der Kleinstadt Miryang, was übersetzt etwa „Secret Sunshine“ bedeutet. Shin-ae wird zwar freundlich von ihren Nachbarn begrüßt, doch schon bald zeigt sich, dass die Einheimischen der Frau aus der Großstadt Seoul nicht über den Weg trauen. Deren Mistrauen ist unterschwellig zu spüren, und einmal kann Shin-ae beim Friseur sogar mit anhören, was über sie gemunkelt wird.

In Cinemascope filmt Lee Chang-dong seine klugen Beobachtungen: “Ich spürte, dass Cinemascope eine Möglichkeit ist, eine Geschichte zu erzählen, nicht nur über Dinge, die zu sehen sind, sondern auch über das, was versteckt ist. Ich habe versucht, die Szenen so zu komponieren, dass man als Zuschauer nicht die Komposition spürt, sondern nur die gleitende Bewegung.“ Dies ist ihm gelungen. SECRET SUNSHINE ist kein Thriller, doch die Reaktionen, die Shin-ae in verschiedenen Situationen zeigt, überraschen doch stets aufs Neue. Lee Chang-dong: „Ich glaube heutige Zuschauer wissen einfach alles, deshalb ist es mein Ziel, etwas Unvorhersehbares zu tun, etwas Unerwartetes.“

SECRET SUNSHINE ist eine innere Tour de Force einer Frau, die erst den Mann, dann den Sohn verliert, und die innerhalb einer ihr fremden Gemeinschaft von Menschen mit dieser schmerzlichen Erfahrung umgehen muss. Nach außen will sie stark sein, keine Schwäche zeigen. Nie bittet sie andere um Hilfe. Doch irgendwann bricht der in ihr aufgestaute Schmerz aus ihr heraus, er sucht sich seinen Weg. Auf die anderen wirkt dies schockierend. Sie haben Angst vor der Tiefe dieser Gefühle. In diesen Momenten zeigt sich in aller Schärfe, wie allein Shin-ae ist und wie wenig Hilfe sie sich von ihren Mitmenschen erwarten darf, eine gelungene Kritik an der koreanischen Gesellschaft, in der es als unfein gilt, sich in die Belange anderer einzumischen und in der sich jeder selbst der Nächste ist.

Jeon Do-Yeon spielt Shin-ae mit ergreifender Genauigkeit, in ihrem Heimatland ist sie ein Star. In fast jeder Szene ist sie zu sehen, und mit kleinen stets sehr präzisen Gesten ist es ihr möglich, ihre innere Verwandlung glaubhaft zu spielen. Eine Frau, in der langsam der Glaube an Gott reift. Dieser wird auf eine äußerst harte Probe gestellt, als sie in den Knast fährt, um dem Mörder ihres Sohnes zu vergeben. Etwas passiert dort, womit sie nicht im Geringsten gerechnet hat, und das sie weit zurückwirft.

Zwar ist Shin-ae die zentrale Figur von SECRET SUNSHINE, doch eigentlich wird die Geschichte aus der Perspektive des Mechanikers erzählt, den sie als ersten Menschen in Miryang kennen lernt und der sich in sie verliebt hat. Er fühlt sich als einziger Mensch für sie verantwortlich, folgt ihr wie ein Hund. Gespielt wird er von einem weiteren Star des koreanischen Kinos, Song Kang-ho, der eine der Hauptrollen im erfolgreichsten koreanischen Film aller Zeiten spielte, in THE HOST.

Lee Chang-dong, der ehemalige koreanische Minister für Kultur und Tourismus, hat einen Film geschaffen, der ganz seinem Wesen entspricht, ein kleines ruhiges Meisterwerk von großer Eindringlichkeit. SECRET SUNSHINE entwickelt sich gemächlich, aber mit steter innerer Dringlichkeit. Bisweilen schreit Shin-ae einfach los, laut und archaisch, mitten in der Predigt. Diese Momente sind vulkanische Ausbrüche ihres komplexen Gefühlslebens in einer Gesellschaft, die Emotionen verbirgt.

SECRET SUNSHINE scheint fast dokumentarisch. Doch wie präzise die Konstruktion ist, wird spätestens dann klar, wenn die Kamera von Shin-ae wegschwenkt und auf dem Ausschnitt eines Hinterhofes verharrt, in dem wir Erde und einen schmutzigen leeren Plastikbehälter sehen. Ein harter Kontrast, mit dem wir aus dem Film herausgerissen werden, brutal und genial.

Nana A.T. Rebhan

Erstellt: 25-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08