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08/11/04

Sein Bruder

Synopsis
 
Thomas, der an einer Blutkrankheit leidet, erkennt, dass er wohl nicht mehr lange zu leben hat, und will vor seinem Tod alle ungelösten Probleme regeln. Unter diesen Umständen nimmt er wieder Kontakt zu seinem jüngeren Bruder Luc auf. Zwischen den beiden herrschte lange Zeit Funkstille, doch die Brüder überwinden ihre Entfremdung und werden sich wieder ihrer Liebe füreinander bewusst.
 
Thomas' Krankheit schreitet voran, was ihn und seinen Bruder nur noch mehr zusammenschweißt. Seite an Seite stehen sie die Qualen der Behandlungen durch, bis Thomas nicht mehr kann und sich aufgibt. Luc und Thomas wollen nicht in der Sterilität einer Klinik für immer voneinander Abschied nehmen, deshalb unternehmen sie eine letzte gemeinsame Reise zum alten Familienhaus am Meer.
 
 
Der Kommentar zum Film
 

Die beiden ungleichen Brüder sitzen vor den Klippen der Bretagne auf einer Bank und lauschen den Worten eines alten Mannes, der ihnen von all den Ertrunkenen erzählt, die von der Meeresströmung immer an der selben Stelle an den Strand gespült würden.
 
Hier, im Ferienhaus der Eltern, verbringt Thomas an der Seite seines Bruders Luc seine letzten Tage, nachdem er sich entschlossen hat, die überlebenswichtige Cortison-Behandlung seiner unheilbaren Krankheit abzubrechen. Wenig später wird er von dieser Möglichkeit, die Natur und nicht die machtlosen Mediziner über sein Schicksal entscheiden zu lassen, Gebrauch machen. Thomas, einst der ganze Stolz der Familie und zum Narziss herangewachsen, ist zu schwach, um für das Leben zu kämpfen.
 
Zwischen dieser Klammer erzählt Patrice Chéreau von der Beziehung zweier ungleicher Brüder, in der der Tod die Rollen neu verteilt. Luc, als introvertierter Homosexueller der vermeintlich schwächere und ungeliebte Bruder, offenbart sich dem Älteren nach Jahren des Schweigens als einziger Halt. Aber Luc bleibt auf Distanz, weil dieser Hilfeschrei ihm doch nur wieder die alte Rolle des Kleinen Bruders zuweist.
 
Eindrucksvoll ist es, wie die Kamera aus nächster Nähe den Zerfall des Körpers und des Gesichts inmitten der sterilen Krankenhauswelt dokumentiert. Chérau geht es dabei nicht um eine Gesellschaftskritik, sondern um einen ungeschönten, hyperrealistischen Blick auf den nahenden Tod, in dessen Angesicht die Menschen hilflos reagieren. Er wirft die Mitglieder dieser Familie auf sich selbst zurück und aus der Bahn, ohne Chance, sich ihm zu widersetzen.
 
Chéreaus Fazit ist dennoch von großer, malerischer Schönheit. "Son Frère" ist wie ein Gemälde, in dem die Stille und die Worte, die zwischen den Brüdern ausgetauscht werden zu Anteilnahme und schließlich Versöhnung führen.
 
Martin Rosefeldt
 
 
Nach seinem Film-Choral "Ceux qui m'aiment prendront le train" (1998) wollte sich Patrice Chéreau auf eine einfache Zwei-Personen-Geschichte konzentrieren. So entstand "Intimacy" (Goldener Bär 2001), dessen Handlung in einer in sich geschlossenen Welt (einer Londoner Wohnung) spielt, wobei es Chéreau vor allem darum ging, die Körper, ihre Bewegungen und Umarmungen einzufangen.
 
Der nach einer Novelle von Philippe Besson gedrehte Film "Son frère" geht in gleicher Weise vor und erzählt wieder eine Geschichte inniger Verbundenheit, dieses Mal zwischen zwei Brüdern, deren Beziehung paradoxerweise im Angesicht des Todes des Älteren noch einmal erlebt und neu belebt wird.
 
Wie so oft bei Patrice Chéreau entsteht der große Erfolg des Films durch seine besondere Musikalität, die sich in den Dialogen, den ineinander greifenden Sätzen, dem ausgeprägten Sinn für stille Momente und für die Geräusche der Umgebung zeigt. In dieser sehr düsteren Geschichte, die ihm als eine Art Partitur dient, hält sich Chéreau ganz nah bei seinen beiden Darstellern: dem leidenden Bruno Todeschini und Eric Caravaca, dem Symbol für den Blick des Betrachters. In vollkommener Seelenverwandtschaft bangen sie gemeinsam, von diesem Bruderpaar geht eine tiefe, starke Sinnlichkeit aus.
 
Chéreau gelingt etwas höchst Seltenes: Er sagt das Unsagbare, er zeigt diese Liebe zwischen diesen beiden Menschen, die dem gleichen Schoß entsprungen sind, eine Liebe voller Bewunderung, Angst, Gewalt, Leid und Frustration, doch auch mit einem telepathischen sinnlichen Verstehen aller Augenblicke und Worte. Thomas' Krankheit macht durch ihre ungeschönte Realität - Krankenhaus, Urin, Blut -, dass der Film mitunter schwer auszuhalten ist.
 
Es braucht eine Weile, bis man ihn verdaut hat. Es braucht eine Weile, bis sich einem sein herber und bleibender Reiz erschließt.
 
Olivier Bombarda

Erstellt: 08-11-04
Letzte Änderung: 08-11-04