(geb.1967 in Kenia)
Gurinder Chadha kam 1961 nach Großbritannien und wuchs in Southall auf, einem Viertel Londons in der Nähe von Heathrow, in dem auch heute noch viele Inder und Pakistani leben. Sie ist mit Paul Mayeda Berges verheiratet, einem Amerikaner japanischer Abstammung, der für einige ihrer Filme das Drehbuch geschrieben hat. Die beiden pendeln heute zwischen London und Los Angeles.Bereits Bhaji on the beach (1993) befaßte sich mit einem typischen Diaspora-Thema: Generationskonflikte, die Anpassung an eine andere Gesellschaft und die Spannung zwischen Elternhaus und Alltagsleben von Jugendlichen im heutigen England. Mit Bend it lick Beckham (deutscher Verleihtitel: Kick it like Beckham) hatte Chadha 2002 in Europa und den U.S.A. einen großen Erfolg. Der Film erzählt die Geschichte eines Mädchen aus einer indischen Einwandererfamilie, die heimlich in einem Fußballclub spielt und dadurch in Konflikt mit ihren Eltern gerät.
Vor kurzem erschien Chadhas neuer Film Bride an Prejudice nach dem gleichnamigen Roman von Jane Austen, eine Bollywood-Version mit Super-Star Aishwarya Rai in der Titelrolle. Dieser Film wurde jedoch sowohl im Westen wie in Indien bei Publikum und Kritik eher reserviert aufgenommen.
Nagesh Kukunoor
(geb.1967 in Hyderabad, Andhra Pradesh)
Wie viele Inder, ging auch Nagesh Kukunoor zum Studium in die Vereinigten Staaten. Anschließend arbeitete als Chemiker in Atlanta, wo er auch heute noch zum Teil lebt. Doch der Beginn seiner filmischen Karriere führte ihn in seine südindische Heimat zurück. HYDERABAD BLUES ist ein typischer Diaspora-Film, der die enge Verquickung mit der eigenen Biografie erahnen läßt. Kukunoor war sowohl Drehbuchautor, Regisseur, Produzent wie auch Hauptdarsteller des Films, der mit einem minimalen Budget ästhetisch an eine Videoproduktion erinnert. Er lief jedoch in ganz Indien recht erfolgreich im Kino.Nach seinem zweiten Film ROCKFORD drehte Kukunoor mit BOLLYWOOD CALLING eine interessante Reflexion über das indische Kino. Es geht um einen erfolglosen amerikanischen Schauspieler, der in indischen Film mitwirkt. Kukunoor greift die Klischees auf, die über Bollywood existieren, und formt sie zu einer - simplen - Persiflage. Der Film besticht vor allem durch die darstellerische Leistung von Om Puri und der mit diesem Film entdeckten Perizaad Zorabian.
Kukunoors bester Film ist wohl TEEN DEEWAREIN / THREE WALLS. Es ist ein spannender Krimi mit Star-Besetzung aus Bollywood (Jackie Shroff, Juhi Chawla, Naseeruddin Shah) sowie Kukunoor selbst, der zwar keine Songs enthält, aber eine starke Annäherung an den Hindi-Film ist. Er zählt sicherlich zu den interessantesten Filmen des Jahres 2003. Anschließend drehte Kukunoor eine Fortsetzung seines Erstlings, HYDERABAD BLUES 2 - REARRANGED MARRIAGE. Zur Zeit arbeitet er an einem Film für die Produktionsfirma von Subhash Ghai, Mukta Arts International, mit dem Arbeitstitel KOLIPAD EXPRESS.
Deepa Mehta
(geb. 1950 in Amritsar, Punjab)
Deepa Mehta, die 1973 nach Kanada emigrierte, ist weder in Indien noch im Westen unumstritten. Ihr bekanntester Film, FIRE, wurde in Europe und den U.S.A. sehr unterschiedlich aufgenommen; in Indien führte er zu Eklats. FIRE (1996) ist die Geschichte zweier Frauen (hervorragend dargestellt von Shabana Azmi und Nandita Das), die gekränkt und unterdrückt vom Chauvinismus ihrer Ehemänner ein Verhältnis miteinander beginnen. Der Sturm des Protests richtete sich in Indien vor allem gegen die Darstellung der weiblichen Homosexualität.Diese Protestwelle löste natürlich im Gegenzug auch eine Bewegung der Solidarität mit der Regisseurin aus. Besonders vehement setzte sich Shabana Azmi, die als Parlamentsabgeordnete für die indische Frauenbewegung aktiv ist, für den Film ein.
FIRE war der erste Teil einer Trilogie, die mit EARTH (1999) fortgesetzt wurde. Die Dreharbeiten des dritten Teils mit dem Titel WATER wurden allerdings durch massive Proteste behindert. Als schließlich die Filmdekorationen in Varanasi (ehemals Benares) von Demonstranten niedergebrannt wurden, schien das Aus für den Film gekommen zu sein. Vor kurzem jedoch konnte er jedoch, mit veränderter Besetzung, in Sri Lanka fertiggedreht werden.
Mit einem Film ganz anderer Art, BOLLYWOOD HOLLYWOOD (2002), überraschte Mehta Gegner und Anhänger. Der Film spielt in Nordamerika und erzählt die Geschichte eines wohlhabenden Sprößlings aus einer indischen Familie, der eine Frau, die er über ein escort service angeheuert hat, als seine zukünftige Braut ausgibt, um dem Druck der Famile, endlich zu heiraten, zu entgehen.
Jagmohan Mundhra
(geb.1946 in Nagpur, Maharashtra)
Jagmohan Mundhra ist eine der schillerndsten Gestalten der indischen Diaspora. In Indien, wo er aufwuchs, absolvierte er das prestigeträchtige Indian Institute of Technology (IIT) und promovierte an der Universität Michigan in Film-Marketing. Um sein Ziel zu erreichen, Filmregisseur zu werden, ging er nach Los Angeles, wo er zunächst Marketing unterrichtete. 1975 begann er, in einem alten Kinopalast, der zugesperrt werden sollte, Filme aus Indien zu zeigen, damals eine Pionierleistung. Das Wagnis gelang: die in Südkalifornien lebenden Inder kamen in Scharen, um Filme aus ihrer Heimat zu sehen. Bald wurde es auch Mode, Auslandspremieren von Bollywoodfilmen in seinem Kino abzuhalten: mit den Filmen kamen Stars und Regisseure, wie Dev Anand oder Yash Chopra. Durch die Bekanntschaft mit dem Schauspieler Sanjeev Kumar, der einen seiner Filme in L.A. zeigte, gelang es Mundhra schließlich, seinen ersten Film als Regisseur (mit Kumar in der Hauptrolle) zu drehen. SURAAG (1982) war der erste Hindi-Film, der zur Gänze in den U.S.A. produziert wurde. Ein weiterer Film folgte, mit Shabana Azmi in der Hauptrolle, doch gab es Zensurprobleme, und der Publikumserfolg blieb aus.
Mundhra begann wieder zu unterrichten und versuchte gleichzeitig, als Regisseur amerikanischer Filme Fuß zu fassen. 1990 gelang ihm der Durchbruch mit NIGHT EYES - und war mit dem Erfolg gleich wieder in einem Genre gefangen: dem des erotischen Thrillers. Rund zwanzig solcher Filme hat Mundhra seitdem gedreht. Doch im Jahr 2000 gelang es ihm, ein langersehntes Ziel zu erreichen: einen künstlerisch wertvollen Film mit einer eindrucksvollen politischen Aussage zu drehen. BAWANDAR / THE SAND STORM, der in einem Dorf in der Wüste von Rajasthan spielt, beschreibt den Kampf einer Bewohnerin (hervorragend gespielt von Nandita Das) und einer Frauenorganisation gegen die alteingesessenen Dorfoberen.
Mira Nair
(geb. 1957 in Bhubaneshwar, Orissa)
Mit ihrem ersten Film SALAAM BOMBAY! (1988) hat Mira Nair Filmgeschichte geschrieben. Indem ihr Film für den Auslandsoscar nominiert wurde, schaffte sie es sogar, das indische Kino zu einer Zeit in die Schlagzeilen der westlichen Presse zu bringen, in der man sonst nicht viel von ihm wahrnahm. Heute ist der bedrückende Film über das Leben in den Slums von Bombay bereits ein Klassiker. Und Mira Nair, die heute zwischen New York, Kampala (Uganda) und Indien pendelt, ist inzwischen zum Inbegriff der Diaspora-Regisseurin geworden.In weiteren nicht unumstrittenen Filmen hat sie zwar meist auf ihr Heimatland Bezug genommen, wie etwa in MISSISSIPPI MASALA (1990) oder in KAMA SUTRA / A TALE OF LOVE (1997), doch die Ästhetik ihrer Filme ist und war stets unabhängig von regionalen Zuordnungen. Mit MONSOON WEDDING gelang ihr 2001 ein Überraschungserfolg mit einer relativ rasch und billig hergestellten Produktion. Die Darstellung der Vorkommnisse während einer drei Tage währenden Hochzeit in Delhi spricht definitiv Diaspora-Themen an und hat durch die Nähe zum kommerziellen Kino Indiens starken Pop-Charakter. Mit Lilette Dubey und Naseeruddin Shah hochkarätig besetzt, wurde der Film auch mit Preisen überhäuft. 2004 stellte Nair die Verfilmung des Thackeray-Romans VANITY FAIR fertig. 2005 beginnt sie ein jährliches Workshop für Drehbuchautoren in Uganda, der Heimat ihres Mannes, eines Anthropologen und Politikwissenschaftlers.
David Rathod
(geb. 1952 in Chicago)
David Rathod, der seine Kindheit bis zum 13.Lebensjahr in Bombay verbrachte, ist der Sohn des indischen Regisseurs Kantilal Rathod, der mit seinen Filmen in den indischen Sprachen Hindi und Gujarati Preise auf etlichen Filmfestivals in Europa und den U.S.A. gewonnen hat. Rathod hat zwar nur einen Diaspora-Film gedreht und ist sonst eher als amerikanischer Regisseur zu sehen (er drehte Musikvideos für Gruppen wie Huey Lewis and the News und die Bangles und leitet heute eine Produktionsfirma für Werbe- und Industriefilme), mit WEST IS WEST ist ihm allerdings ein Ur-Diaspora-Film gelungen, der für Interessierte ein Muß ist. WEST IS WEST (1987) erzählt die Geschichte von Vikram, der aus Indien nach San Francisco kommt und versucht, einen Platz auf einer amerikanischen Universität zu bekommen. Sehr fein verwebt Rathod die beiden sprachlichen Ebenen, zwischen denen Vikram wechseln muß. Auch die Bollywood-Ästhetik spielt in dem Film mehrfach eine wichtige Rolle. Die Rolle des Vikram wird übrigens von Ashutosh Gowariker verkörpert, der heute mit LAGAAN und SWADES ein erfolgreicher Bollywood-Regisseur ist.
M. Night Shyamalan
(geb. 1970 in Pondicherry)
Sein erster Film war PRAYING WITH ANGER (1992), er schrieb dazu das Drehbuch, führte Regie und produzierte. Er spielte auch die Hauptrolle, und zwar einen Inder, der in den U.S.A. geboren wurde und nun in Indien ein Studium beginnt. Es ist eine Reise in eine Heimat, die er vorher nie kannte. Eine umgekehrte Diaspora-Erfahrung.
Shyamalan (das "M." steht für Manoj, "Night" für Nelliyattu), Sohn eines Ärzte-Ehepaars, wuchs in einem wohlhabenden Vorort von Philadelphia auf. Schon als Kind drehte er Super-8-Filme; später studierte er Film an der New York University. Mit dem Thriller THE SIXTH SENSE (1999) mit Bruce Willis in der Hauptrolle hatte Shyamalan riesigen Erfolg: der Film wurde in den U.S.A. und weltweit zum Kassenschlager. Die darauffolgenden Filme, UNBREAKABLE, SIGNS und zuletzt THE VILLAGE konnten zwar den Erwartungen, die man in den Filmemacher setzte, künstlerisch nicht ganz gerecht werden. Doch brachten sie den produzierenden Studios und dem Regisseur jede Menge Geld: THE VILLAGE beispielsweise spielte am ersten Wochenende in Nordamerika über 50 Millionen Dollar ein.
Wenn Shyamalan auch heute reine Hollywoodfilme dreht, so ist er doch der kommerziell erfolgreichste Filmemacher indischer Abstammung im Ausland. Sein Name ist Millionen von Kinogängern ein Begriff, sein Bild gelangte sogar auf das Titelblatt der Wochenzeitschrift Newsweek. Vor kurzem wurde er vom indischen Präsidenten als einer von fünfzehn bedeutenden Auslandsindern geehrt.






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