02/04/03
Simenon oder die Maßlosigkeit

Zum 100.Geburtstag des europäischen Literaten Georges Simenon
ARTE-Gastautor Christoph Stölzl ist bekennender Simenon-Anhänger, war Kultursenator von Berlin und ist jetzt Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Berlin.
Georges Simenon rangiert auf den vorderen Plätzen der meist übersetzten Autoren der Welt. Unter den französischsprachigen Autoren wurden nur Jules Verne, Charles Perrault und René Goscinny öfter übersetzt.
Erst hinter Simenon finden sich Autoren wie Honoré de Balzac, Hergé oder Alexandre Dumas.
(Foto:© Look Magazine)
Noch jeder, der sich mit ihm einließ, ist süchtig geworden. Und dass den Süchtigen der Stoff nicht ausging, dafür hat er in einer Arbeitswut, für die es in der Geschichte der Literatur kaum eine Parallele gibt, gründlich vorgesorgt. Wozu der Mensch fähig ist in Leidenschaft, Liebe und Laster, in Neid und Habgier, in Eigensinn, Stolz und Gewohnheit – er hat davon erzählt in immer neuen Geschichten, von denen keine der anderen gleicht. Simenon oder die Maßlosigkeit, so könnte das Motto über diesem Schriftstellerleben lauten.
Die Auflagen seiner Bücher gehen in die hunderte von Millionen. Sie sind in mehr als 55 Sprachen übersetzt. Simenon-Filme gibt es, nicht nur in Frankreich, seit 1932. Simenon ist ein „global player“ der Unterhaltungskultur. Aber zur Welt kam Georges Simenon in einem Winkel Alteuropas: in der alten Bischofsstadt Liège (Lüttich) in Belgien, in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung der Rue Leopold Nr. 26, am 13. Februar 1903.
Er stammte aus einer Familie, in der große Gegensätze nahe beisammen wohnten: der Großvater ein Deutscher, der nach Holland geheiratet hatte und später nach Belgien ging; in der mütterlichen Familie sprach man ein mit Deutsch gemischtes Flämisch. Ein Teil der Familie war reich und prominent, Bankdirektor und Bischof, die anderen waren arm wie Simenons Eltern: Buchhalter und Verkäuferin. Ganz jung wird Simenon Lokalreporter und Möchtegern-Romancier. Voller Ehrgeiz nimmt er am 14. Dezember 1922 den Nachtzug nach Paris: Wer französisch schreibt, muss ins Herz der frankophonen Kultur. Hier wurde aus dem belgischen Provinzliteraten der Simenon, den wir kennen: der Meister der Verknappung, der Lakonie. Sein Weg ist ein Paradox: Ein Jahrzehnt fabriziert Simenon unter 16 bekannten Pseudonymen hunderte von Groschenromanen und Kolportagegeschichten, Erotisches wie Detektiv- und Abenteuerstories. Er verdient viel Geld, reist, lebt in der Pariser Edel-Bohème.
Um 1930 ist die Lehrzeit vollendet. Der Klassiker Simenon erfindet seinen Welterfolg: Kommissar Maigret. Die Geburt Maigrets fand auf einem Schiff in Holland statt. Simenon später: „Habe ich ein, zwei oder sogar drei kleine Genever mit einem Schuss Bitter getrunken? Jedenfalls sah ich nach einer Stunde, ein wenig schläfrig, allmählich die mächtige, unbewegliche Statur eines Mannes sich abzeichnen, der mir einen rechten Kommissar abzugeben schien. Im Laufe des Tages gab ich ihm noch ein paar Requisiten: eine Pfeife, eine Melone auf dem Kopf, einen dicken Überzieher mit Samtkragen. Und weil es in meinem verlassenen Boot so feucht und kalt war, genehmigte ich ihm für sein Büro einen alten Kanonenofen. Am nächsten Tag war das erste Kapitel (…) fertig; vier oder fünf Tage darauf der ganze Roman.“
Porträt von Georges Simenon, Ölbild, gemalt von seiner ersten Frau, Régine Renchon (genannt Tigy) im Jahr 1927. Dieses Porträt, in Besitz von Simenons Sohn Marc (der heute verstorben ist), befindet sich derzeit in Porquerolles bei Mylène Demongeot (Witwe von Marc Simenon).
(© Fonds Simenon)
Wer diesen Ur-Maigret in die Hand nimmt, sieht fasziniert, wie sich dort aus den Eierschalen des Krimi-Genres eine neue Form erhebt: der Kriminalroman als soziologische, politische und psychologische Archäologie. Seine Hauptfigur ist kein Schnüffler-Detektiv, sondern ein scheinbar träger Meister der Empathie. Das erste Maigret-Buch entpuppt sich am Ende als eine tragische Geschichte aus dem osteuropäischen Judentum, und auch Simenons genial-bedrückende „Verlobung des Monsieur Hire“ (1933) nimmt wach die Verdüsterung des europäischen Zeitgeistes auf. In den 1930er Jahren reist Simenon durch ganz Europa und publiziert hellsichtige Reportagen (darunter eine über Trotzki im Exil), die der Wiederentdeckung harren. Lokalkolorit und die „Macht der Umstände“ als Schlüssel für große und kleine Tragödien werden Simenons Rezept auch bei den Romanen. Sein Thema, der „nackte Mensch“, ist scheinbar unberührbar durch die politischen Katastrophen um ihn herum. Und dann doch 1945 der Bruch mit Europa, vielleicht Konsequenz seiner Erlebnisse im besetzten Frankreich. Kanada, New York, Florida, Arizona, Kalifornien, Connecticut: Sein Wanderleben folgt keinem erkennbaren Muster.
Und was am erstaunlichsten ist: In der Neuen Welt entstehen sowohl Romane, die bis in den Geruch hinein europäische Stimmungen, Frankreich, Belgien oder das zerstörte Nachkriegsdeutschland evozieren, als auch Geschichten, die „amerikanischer“ nicht sein könnten. Die Sehnsucht nach seinem Europa, dem Europa der Provinz, hat ihn 1955 zurückgetrieben.
Gestorben ist er 1989 in der Schweiz, am Schluss ganz einsam, wie eine seiner bizarren Figuren.
Hartnäckig hält sich das Missverständnis, Simenon müsse noch als „große Kunst“ entdeckt werden. Dabei ist er von dem Moment an, wo er seine anonyme Schreibfabrik aufgab, anerkannt worden. André Gide, Jean Renoir, Maurice de Vlaminck, Jean Cocteau, Alfred Andersch, Jean Amery, Patricia Highsmith – die Reihe der großen Künstler, die Simenon gehuldigt haben, ist endlos.
Von den Simenon-Süchtigen hat vielleicht sein Brieffreund Federico Fellini das Geheimnis Simenon am besten beschrieben: „Ich konnte nie glauben, dass Simenon wirklich existiert (...). Man gerät in eine beinahe unbegrenzte Umlaufbahn des Lesens hinein, so dass Simenon dauert, so lang man nur will, einen das ganze Leben lang begleitet.“
Christoph Stölzl
Erstellt: 23-04-04
Letzte Änderung: 02-04-03