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18/06/10

Sk-interfaces

  • Bio-Kunst: "Sk-Interfaces" in Luxemburg

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Unsere Reportage sehen


Das 2008 für die Kulturhauptstadt Liverpool konzipierte Projekt Sk-interfaces ist derzeit im Casino in Luxemburg zu sehen. Die Leitung hat Jens Hauser, Kurator und Theoretiker von Bio–art übernommen, auf den auch die Ausstellung Art Biotech’ in Nantes aus dem Jahr 2003 zurückgeht. Das Konzept wird aus dem Namen ersichtlich: Haut und Häute als Schnittstellen. Rund zwanzig mehr oder weniger bekannte zeitgenössische Künstler (u. a. Orlan, Eduardo Kac, Philippe Rahm, Stelarc und Wim Delvoye), teils auch mit wissenschaftlichem Hintergrund, stellten sich der Herausforderung.
In einem Register, das den Rahmen jedes wissenschaftlichen Museums sprengt, erforschten sie die Grenzen der Schöpfung und des Lebendigen. In der genreübergreifenden Ausstellung wird die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen den einzelnen Disziplinen, Kunst und Wissenschaft ausgelotet. Alle Produktionen versuchen eine Neudefinition der mit der Haut zusammenhängenden gesellschaftlichen und psychologischen Aspekte.
Die Ausstellung ist ein hybrider Rundschlag, bei dem Philosophie und wissenschaftliche Forschung miteinander verschmelzen. Haut wird hier als Schnittstelle zwischen dem Inneren und dem Äußeren, dort als experimenteller Werkstoff behandelt. Jun Takita verzichtet ganz auf die Haut zugunsten der Bepflanzung, sein bemoostes Gehirn symbolisiert und hinterfragt die Geschichte anthropomorpher Landschaften. Die Ausstellung nutzt neue Technologien ebenso wie herkömmliche Medien, um unsere Gewissheiten über Bord zu werfen. Die Haut ist die das Ich umschließende Grenze, an der sich unendlich viele - fleischliche wie metaphorische – Kontaktmöglichkeiten bieten. Dem Betrachter eröffnen sich sowohl mikroskopische als auch makroskopische Visionen, zu denen die skulpturalen Wohnräume von Zbigniew Oksiuta gehören. Julia Reodica wiederum züchtet aus eigenen Vaginalzellen und tierischen Zellen im Rahmen der „The Living Sculpture Series: hymNext Hymen“ (2004-2008) neue Jungfernhäutchen, die sie mit symbolischen Motiven verziert. Paul Vanouse untersucht in seinem Projekt „Relative Velocity Inscription Device“ (2002) ausgewählte, für die Hautfarbe zuständige Gene, die in einem Gelelektrophorese-Apparat ein absurdes Rennen gegeneinander austragen.

Die Projekte der Ausstellung Sk-interfaces bilden eine Aneinanderreihung von Vorschlägen, die sich mit dem Oberbegriff Haut bzw. Häute auseinandersetzen. Das Auge muss sich an die verschiedenen Interpretationen und Darstellungen gewöhnen, um die vielseitige Definition der Membran zu erfassen – mal Oberfläche, mal Bild, Symbol oder Symptom der modernen Welt. Die Werke sind mehrförmig, überraschend, manchmal auch störend und zeigen neue Aspekte der Hülle Haut. Neben dem Sehen werden auch andere Sinne beansprucht: Der Betrachter fühlt, reibt und riecht.

Die Performance-Künstlerin und Vertreterin der Body Art Kira O’Reilly lädt die Besucher zu einer Begegnung ein, die nichts für Zartbesaitete ist. In „Inthewrongplaceness“ (2005-2009) verbringt die Irin in einem mit Blumen und einem Bett austaffierten Zimmer fünf Stunden mit einem ausgenommenen Schweinekadaver. Frau und Tier, Rücken an Rücken, es auf ihr, sie in ihm, scheinen ineinander überzugehen, ihre Körper eins zu werden. Der Betrachter wird aufgefordert, beide Häute zu befühlen, um sich ihrer ähnlichen Beschaffenheit bewusst zu werden. Die extreme Performance hinterfragt sowohl das „Tierische“ als auch unsere Einstellung zu Körper und Tod. Das Künstlerduo Art Orienté Objet entwarf den „RoadKill Coat“ (2000), einen Pelzmantel aus dem Fell überfahrener Tiere. Die ökomilitante Aktion stilisiert den Mantel zu einer Art tierischem Totem. Das Tissue Culture and Art Project konfrontiert den Besucher in „Victimless Leather-A Prototype of a Stitchless Jacket Grown in a Techno-scientific Body“ (2004-2009) mit drei Destillierkolben, in denen „halb-lebendige“ Miniaturjacken aus immortalisierten tierischen und menschlichen Zellen kultiviert werden. „Leder ohne Opfer“ – und wieder eine Metapher auf das Leben. Wo andere ihren Körper mit tierischen Zellen hybridisieren, hat sich der Künstler Stelarc eine an Cyborg-Technologie erinnernde chirurgische Performance ausgedacht: Das Projekt „Ear on Arm“ zeigt, wie er sich ein ohrförmiges Gerüst inklusive Kommunikationsapparatur in den Unterarm implantieren lässt.

Bei Wim Delvoye wird die Haut zu einer beinahe furchterregenden Landschaft. Nicht ohne Humor und Ironie zeigt er in „Sybille II“ (1999) eine Makroaufnahme der Hautoberfläche, durch die sich Mitesser eruptiv den Weg bahnen. Hautfältchen werden zu Tälern, Mitesser zu Geysiren, die zur Musik des Künstlers ausbrechen. Politischer wird es im Projekt „Truth Serum“ (2008-2009) des Künstlers Neal White und seinem „Office of Experiments“: Freiwillige nahmen 2008 an geheimen medizinischen und kulturellen Experiment teil. Man verabreichte ihnen eine „Wahrheitsdroge“, The Office of Experiments ließ einen dunklen Clown auftreten, der sie einschüchterte, und dann wurden sie in Verhörform einem sorgfältig ausgearbeiteten psychologischen Test unterzogen. Das Critical Art Ensemble vertritt mit seinem Projekt „Immolation“ (2007) einen aktivistischen Ansatz: Mittels degenerierter Gewebekulturen und Mikrofotografie zeigen sie die Auswirkungen illegaler Brandwaffen auf die Zivilbevölkerung in kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Zeitzeuge der Geschichte ist die Haut auch im Projekt „World Skin“. In dieser von Maurice Benayoun und Jean-Baptiste Barrière erdachten interaktiven 3D-Kriegslandschaft können sich „Safaritouristen im Land des Krieges“ fotografieren lassen und die Souvenirfotos mitnehmen.

Zane Berzina erforscht als Designerin insbesondere reaktive und interaktive Textilien sowie neue biomimetische Materialien nach dem Vorbild von Haut als „intelligentem Interface“. Ihre thermochrome „Touch Me“-Wand (2005-2009) reagiert mit abgestuften Fabschattierungen auf verschiedene Hauttemperaturen und macht Berührungen wie Handabdrücke sichtbar. Zu den Künstlern, die Klischees und Vorurteile über Tabus und Ängste herausfordern wollen, gehört Sissel Tolaas. Ihre olfaktorische Installation baut den Geruch der Angst nach: Durch Berühren einer Wand werden Moleküle freigesetzt, die aus den Achselhöhlen von Menschen mit starken Phobien gewonnen und chemisch reproduziert wurden. Um Ausdünstungen geht es auch bei Yann Marussich. Durch Wärmeregulierung und präzises Timing inszeniert der Performance-Künstler eine kontrollierte biochemische Choreographie in Methylenblau, das nach und nach aus Augen, Mund, Nase und schließlich den Hautporen dringt. Mit der durchlässigen Membran der Haut lässt Marussich Körperlichkeit als eine nach außen gestülpte Innerlichkeit erleben.

Die Ausstellung Sk-interfaces hybridisiert und zeigt immer wieder neue Möglichkeiten der Wahrnehmung, um der Frage auf den Grund zu gehen, was uns im Wesen ausmacht.

Ausstellung

Sk-Interfaces
vom 26. September 2009 bis zum 10. Januar 2010
im Forum d'art contemporain Casino
Luxemburg
>> Offizielle Website

Videos

Reportage von Yannick Cador für ARTE Culture gedreht in Liverpool bei FACT in 2008
Reportage von Jens Hauser für ARTE Culture über Symbiotica und das Projekt "Victimless Leather"
Interview mit Stelarc von Jens Hauser - Transmediale 07


Artikel

Erstellt: 23-09-09
Letzte Änderung: 18-06-10


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