Gwenlaouen Le Gouil: Also, es fing damit an, dass ich einen Schlepper begleitet habe, einen Bootsverleiher, der heimlich Flüchtlinge von Somalia aus per Schiff in den Jemen bringt. Mit ihm bin ich zu dem Strandabschnitt gegangen, von wo sie losfahren. Ich wollte dort eine Sequenz drehen, wie die Zivilbevölkerung das Land verlässt. Und als ich dann dort an den Strand kam, ging alles ziemlich schnell. Sozusagen im Handumdrehen. In nur ein paar Minuten ist die ganze Situation aus dem Ruder geraten. Denn die Männer am Strand, also die bewaffneten Männer, die am Strand auf die Flüchtlinge aufpassten – sie waren nicht gerade erfreut darüber mich zu sehen und haben mich nach ein paar Minuten einfach entführt. So Knall Fall. Sie trennten mich von der Gruppe, trennten mich von meinem Übersetzer, meinem Producer und führten mich in ein kleines Tal nicht weit weit, gleich hinter dem Strand. Das war’s. Ich war entführt.
Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt schon verstanden, was die Lage war?
Am Anfang dachte ich, die wollen Geld. Denn wenn da plötzlich ein Weißer am Strand auftaucht, noch dazu mit einer Kamera, dann bedeutet das: Da locken Dollars. Ich hatte keine Ahnung, ob sie mich nur abzocken oder mich ausrauben wollten, ob sie nur mein Geld und die Ausrüstung wollten oder mehr: also mit mir ein Lösegeld erpressen.
Gut 24 Stunden lang war ich also ziemlich unsicher, ohne zu wissen, was sie mit mir machen wollten und was mit mir geschehen würde. 24 Stunden lang weiß ich gar nichts. Danach erfahre ich dann, dass sie auf ein Lösegeld aus sind. Ab da kam ich dann irgendwie viel leichter mit meiner Lage zurecht.
Hatten Sie denn vor der Entführung keinerlei Bedenken, waren Sie sich dieses Risikos bewusst, dass dies passieren könnte?
Doch, das Risiko war mir klar. Allerdings nicht so stark. Ich war ja nicht der erste westliche Journalist, der sich dort am Strand mit Flüchtlingen getroffen hat. Die Kollegen vorher hatten zwar auch schon kleinere Schwierigkeiten, allerdings nichts Ernstes. Und genau deswegen hatte ich den Dreh ja auch mit einem Schieber organisiert, den ich bezahlt hatte und dachte, so sei ich auf der sicheren Seite. Ich hatte das so gemacht, dass ich ihm einen Teil des Geldes vor dem Dreh gegeben hatte, den Rest sollte er dann abends nach den Aufnahmen bekommen. Doch mein Kontaktmann hatte meinen Kopf schon längst an andere Ganoven verkauft, an eine Schlepperbande, die meine Entführung organisiert hatten.
Sie mussten dann in einer Art Höhle ausharren – wie waren die Bedingungen dort?
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Und was Ihre physische Situation betrifft – waren Sie gefesselt, hatten Sie zu essen?
Gefesselt war ich zu keinem Zeitpunkt und zu essen hatte ich immer genug. Na ja. Also was heißt schon genug. Reis, Spaghetti und Kartoffeln. Das war’s. Und das jeden Tag. Geschlagen wurde ich nicht, außer am Anfang bei der Entführung selbst, da gab es eine Rangelei. Aber das war alles. Da gab es einen Mann, der mich nach vorne stieß, hinter mir in die Luft schoss, um mir Angst zu machen. Er hat mich gestoßen und auch geschlagen, aber nichts Schlimmes. Später dann wurde ich nicht mehr geschlagen, nicht malträtiert – trotzdem war das Ganze unangenehm. Jedenfalls waren sie um meinen körperlichen Zustand sehr besorgt. Sie hatten wohl große Angst, dass ich erkranken könnte, dass ich nicht genug essen würde. Denn nur eine gesunde Geisel bedeutet Lösegeld und Reichtum.
Genau – wie war das Verhältnis zu Ihren Entführern. Konnten Sie mit ihnen sprechen? Sprachen sie Englisch?
Nein, kein einziger sprach Englisch. Es war also entsprechend schwierig, mit ihnen zu kommunizieren. Wir sprachen ein paar Brocken, machten Zeichen, manchmal auch Zeichnungen. Dabei war alles, was sie interessierte: Ob ich Geld hätte, ob meine Familie reich wäre, ob ich in meinem Land jemand wichtiges sei und wie viel sie für mich kriegen könnten. Die Kommunikation beschränkte sich auf diese grundlegenden Fragen zum Lösegeld. Das war’s. Nach einigen Tagen kam dann einer vorbei, der Englisch sprach. Ich weiß nicht, was für eine Rolle der spielte. Er machte sich Sorgen um mich. Wahrscheinlich ein Vermittler, jedenfalls konnte ich mit ihm Englisch reden. Und so auch etwas mehr über meine Entführer erfahren und über ihn auch mit ihnen kommunizieren.
War Ihnen zu diesem Zeitpunkt die Situation klar? Also was sich im Umfeld um Ihre Entführung abspielte? Hatten Sie irgendwelche Informationen von außen?
Also ich hatte relativ schnell Informationen von außen, denn ab dem zweiten Tag kamen Vermittler vorbei mit einer Art Ältestenrat eines Clans. Sie wollten mich besuchen. Die brachten auch ein Satellitentelefon mit, damit sollte ich meine Familie, meine Angehörigen in Frankreich anrufen, und ihnen die Lösegeldforderung mitteilen. Also von diesem Zeitpunkt an hatte ich Kontakt mit der Außenwelt. Und auch einige Informationen. Und das ist lebenswichtig, bei so einer Geiselnahme. Wenn man festgehalten wird und nicht weiß, was geschieht, das ist ziemlich unangenehm. Also ab dem zweiten Tag brachte man mir dann relativ regelmäßig das Satellitentelefon, mit dem ich raustelefonieren konnte.
So also konnten Sie es aushalten?
Ja, das war lebenswichtig. Überlebenswichtig. Sonst weiß man gar nicht, was passiert. Ich wusste noch nicht mal, also am ersten Tag, ich dachte, dass niemand von meiner Entführung wusste. Das ist verdammt unangenehm. Und nur schwer zu ertragen. Ab dem Augenblick aber, wo Informationen von außen kommen, und sei es nur, dass die Familie weiß, dass man entführt ist, von da an geht es besser. Für die eigene Moral ist das grundwichtig.
Und von da an glaubten Sie, dass es Verhandlungen gab, dass die Botschaft für Sie arbeitet?
Ja, von da an war mir klar, dass es Verhandlungen gab und dass die französischen Behörden alles versuchten, um mich rauszuholen. Gleichzeitig war ich sehr beunruhigt – denn ich sagte mir: Aber wie und mit wem wollen die verhandeln? Da gibt es einerseits eine Lokalregierung, dann gibt es da einen Clan, der mich entführt hat und der gegen die Regierung kämpft und dann gibt es dann noch diesen Ältestenrat, der mitverhandeln will. Denn die ganze Gegend will ja ein Stück vom Kuchen abhaben. Und da habe ich mich natürlich gefragt: Wie wollen die verhandeln? Auf der einen Seite also war es beruhigend zu wissen, dass jemand an der Sache arbeitet – auf der anderen Seite war dieses Gefühl: das klappt doch nie!
Also wenig Kommunikation mit den Entführern wegen der Sprache. Da werden die Tage und Nächte doch wahnsinnig lang?
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Um sie zu nerven, wurde ich dann am sechsten, siebten Tag ein bisschen krank. Ich hatte ein paar Magenprobleme, nichts besonderes, aber sie haben es gleich bemerkt und ich habe dann aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. Ich täuschte vor, ernsthaft krank zu sein, damit sie mich schnell gehen ließen und das Lösegeld runtersetzten. Denn sie hatten tatsächlich Angst, dass sie mich als schwer Kranken nicht mehr austauschen könnten. Tja, so lief das. Aus einem verdorbenen Magen habe ich eine Riesenkrankheit gemacht um sie zu verunsichern. Ich dachte, das könnte vielleicht die Sache mit den Verhandlungen beschleunigen.
Wissen Sie, wie es zu Ihrer Freilassung kam? Können Sie darüber reden?
Alles weiß ich nicht. Denn ich war ja dort in meiner Grotte. Und hatte nur indirekte Informationen durch meine Entführer und einige Vermittler, die regelmäßig vorbeikamen und die mir die Dinge erklärten. Die gaben mir IHRE Fassung der Entwicklungen, auf Englisch. Ich kenne heute noch nicht alle Einzelheiten meiner Befreiung. Ich weiß auch nicht, ob es ein Lösegeld gab, oder wie hoch es war. Ich weiß insgesamt auch nicht wer alles beteiligt war, denn in der Sache spielten ja viele Parteien eine Rolle. Wie schon gesagt: Die Lokalregierung hat mitgemischt, der Clan meiner Entführer, der die Lokalregierung bekämpft, dann gab es Vermittler, die sich nebenbei auch noch was verdienen wollten, sozusagen ein kleines Trinkgeld, und dann gab es die Ältesten des Clans. Also eine Menge Parteien, mit denen es zu verhandeln galt. Ich weiß nicht, wie diejenigen, die mich da rausgeholt haben, die alle unter einen Hut bekommen haben. Das bleibt mir ein Rätsel.
Hat dies alles auch Ihren Blick auf die eigene Arbeit verändert? Haben Sie den Eindruck, zu große Risiken auf sich genommen zu haben, um die Reportage so zu drehen? Sehen Sie das heute alles anders?
Gezwungenermaßen sehe ich die Dinge heute, nach all dem, natürlich etwas anders. Auf der anderen Seite habe ich nicht den Eindruck, ein übermäßig großes Risiko eingegangen zu sein. Klar habe ich etwas gewagt: Wer nach Somalia auf Reportage geht, der weiß, dass es dort gefährlich ist. Da bereitet man sich vor. Doch speziell in Bossasso, also ganz im Norden von Somalia, dachte ich hätte ich das Risiko auf ein Minimum reduziert. Leider nein.
Manchmal denke ich auch einfach, dass ich Pech gehabt habe. Aber wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann vor allem diesen: Ich habe einfach nicht auf meine innere Stimme gehört, die mir noch ein zwei Tage vor dem Dreh sagte: Da läuft was nicht rund bei diesem Dreh. Das mag sich komisch anhören, aber es war sozusagen wie eine innere Stimme oder eine Warnleuchte, die anfing zu blinken – und die mir sagen wollte: Vorsicht, da ist der Wurm drin, irgendwo ist ein Haken an der Sache.
Aber ich wollte diese Stimme diesmal offenbar nicht hören, die Warnleuchte diesmal nicht sehen. Was ich sonst aber immer tue. Denn wenn man in solchen Situationen auf Reportage ist, das klingt zwar banal - aber dann muss man sich einfach auf seinen Instinkt verlassen… Und diesmal hab ich das nicht getan. Das war mein Fehler. Schuld daran war wohl meine Erschöpftheit. Vorher war ich nämlich gerade zehn Tage in Mogadischu gewesen. Und schuld war auch, dass ich mir selbst Druck gemacht habe – denn ich wollte unbedingt eine runde Geschichte haben und glaubte auch an mein Stück. Und da habe ich auf meine innere Warnstimme einfach nicht gehört und bin meinem Instinkt nicht gefolgt. Tja, das war der Fehler.
Und jetzt? Trotz und wegen alledem? Werden Sie wieder auf Drehreise gehen, es muss ja nicht Puntland sein?
Also in den nächsten Wochen und Monaten wäre das wohl sehr sehr schwierig, wenn ich noch mal nach Puntland müsste. Eines ist sicher, aus so einer Situation kommt man als anderer Mensch heraus… Aber dennoch: ich habe jetzt keinesfalls weniger Motivation, erneut auf Reportage zu gehen. Ich fühle mich durchaus bereit dazu und warte schon mit Ungeduld auf die nächste Drehreise.







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Gwenlaouen Le Gouil über seine Entführung (13'47)

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