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Text von Nana A.T. Rebhan - 02/09/08

Sonar by day, Barcelona by night

Sonar-Festival in Barcelona, vom 15.-17. Juni 2006


Das Sonar hat sich in seinem 13. Jahr längst als Klassiker der Elektronikszene etabliert. Europas größtes Festival für elektronische Klänge lockt neben Headlinern auch kleine Kunst- und Frickelprojekte in die spanische Metropole. Der Mix macht’s, sowohl beim Programm als auch beim Publikum. Hier treffen Artists, Djs, diverse Musik-Industrie-Schaffende, Kritiker und ganz normale Hörer und Tänzer aufeinander, um gemeinsam den häufig experimentellen bis durchgeknallten Klängen zu lauschen, die von Samplern, Synthesizern, Platten und diversen elektronischen und nichtelektronischen Gegenständen stammen.

Als Live-Acts waren diesmal u. a. dabei: Das Dreigestirn des Technos von gestern, Jeff Mills, Richie Hawtin und Ricardo Villalobos, Fat Freddy’s Drop, Hot Chip, Miss Kittin, Isolee, Goldfrapp und Señor Coconut – um nur einige wenige zu nennen.

Erwartet wurden an die 90.000 Menschen, die sich auf 3 Tage Sonar by Day und 2 Tage Sonar by Night verteilten. Insgesamt gab es weit über 100 Liveacts und Djs zu hören, die sich auf diverse Bühnen verteilten. Folge dieses riesigen Angebots ist natürlich die Qual der Wahl. Soll man sich einen bereits bekannten Act anhören oder lieber einem Klangkünstler aus der letzten Ecke Finnlands lauschen, von dem man noch nie etwas gehört hat? Auch hier macht’s die Mischung. Wer grade keine Lust auf akustische Beschallung hat, der kann sich in das Gewölbe des Museums für moderne Kunst begeben. Hier wird ihm eine Plattencover-Ausstellung, Filmprogramme und eine Verkaufsmesse geboten.

Während das Sonar by Day kuschelig in der Altstadt Barcelonas - nur einen Steinwurf von der umtriebigen Straßenpromeniermeile „Las Ramblas“ entfernt – liegt, findet das Sonar by Night in riesigen Hallen im Vorstadt-Industriegebiet statt. Wer Mega-Raves mit mehren Tausend Zuhörern liebt, dem sei diese Veranstaltung empfohlen. Alle anderen haben erneut die Qual der Wahl: zwischen mehreren Dutzend Clubs und Parties, die sich zum alljährlichen, 3-tägigen Spektakel alle nicht lumpen lassen, bei dem Barcelona zum unumstrittenen Referenzpunkt elektronischer Musik aufsteigt. Mit fein designten Flyern werben sie um die Gunst der potentiellen Besucher. Sex sells, das wissen auch die Grafiker, doch sexy Frauen sind ihnen zu alltäglich. Sie machen lieber einen Abstecher ins Reich der Tiere. Der Nitsa Club etwa hat auf die Vorderseite seines Special-Programms kopulierende Tiere gedruckt. Es gibt zwei Varianten der Motive, einmal vögeln die Könige der Lüfte (Adler), einmal die Könige der Savanne (Löwen). Da kann eigentlich nichts schief gehen, bei solch einer majestätischen Einladung.

Diverse deutsche Labels präsentieren im Nitsa Club ihr Showcase, etwa KOMPAKT(Michael Mayer, Superpitcher, Matias Aguayo & Roccness (live), The Modernist (live), Guy Borrato, Beatschubiger, BPITCH CONTROL (Ellen Allien & Apparat (live), Paul Kalkbrenner (live), Kiki, Sascha Funke, Smash TV (live) und die Visuals kommen von der Pfadfinderei. GIGOLO (Hell mit einem 4-stündigem Set, David Caretta, Rebecca Kalinowsky, Dj Fra) und FREUDE AM TANZEN (Whignomy Brothers, Marek Hemmann (live), Mathias Kaden, Krause Duo) sind auch mit von der Partie – um nur ein paar zu nennen. Das war das Programm eines Clubs – man potenziere dieses Auf- und Angebot mit 10 bis 20 und merkt sehr schnell, dass man dummerweise die meisten und besten Acts einfach nur verpassen kann. Das sorgt aber auf jeden Fall für Gesprächsstoff. Und: Keine Sorge, man wird sich treffen, früher oder später. Vielleicht auch erst am nächsten Tag, wenn die Sonne wieder strahlt und man in Flip Flops durch die Altstadtgassen schlurft, immer auf der Suche nach dem nächsten Espresso, weil der Kopf dröhnt, und man doch noch so viele gute Acts mitnehmen will...

Sonaristen erkennen sich ganz unkompliziert an den bunten, verschiedenfarbigen Plastikarmbändchen, die es für jede Veranstaltung gibt. Selbstredend bleiben die bunten Bändchen auch an den Folgetagen dran, so dass jeder sehen kann, wie viele und welche Veranstaltungen der andere besucht hat – das erleichtert die Kommunikation und genießt Trophäenstatus. Unter die Vielfalt der bunten Flyer mischt sich ein Roter, auf dem ein stilisiertes Pärchen (Männlein und Weiblein) zu sehen ist, das sich an der Hand hält. Über ihnen blinkt ein Herz. Die blaue (männliche) Version gibt es folgerichtig auch, da geht es schon zur Sache, und das stilisierte Pärchen liegt in einem Bett - das Herz schwebt jetzt über ihnen. Dieser nette Wegbegleiter ist keine Partyeinladung, sondern Reklame für ein Stundenhotel – freilich ein ganz besonders Schönes. Das La Paloma ist zu finden in der Strasse gleichen Namens, Nummer 24/26 oder unter www.hlapaloma.com.

Bei 90.000 erwarteten Besuchern ist längst die heimelige Intimität und persönliche Atmosphäre der ersten Jahre verflogen. Laurent Garnier, einer der Freunde der ersten Stunde trat 1994 vor wenigen Hundert Leuten auf. Seitdem blieb er dem Festival treu und besuchte es fast jedes Jahr – auch wenn er einmal nicht spielte. Eine besonders schöne Erinnerung für ihn ist das Jahr 1998, als er direkt nach Kraftwerk spielte. Nach seinem Auftritt kam er in seine Garderobe zurück und fand dort eine Notiz von Kraftwerk, wie sehr sie seine Show genossen hätten. Natürlich war er auch dieses Jahr wieder mit dabei, und spielte mit Buggee und seinem Saxophonisten. Gern denkt Laurent Garnier auch an das Jahr 2000: „Das war wirklich witzig.“, erzählt er. „Es war mein fünftes Jahr, deshalb konnten wir meinen Auftritt nicht als Laurent Garnier deklarieren. Deshalb kündigten wir ihn als DJ Jamon  aus Japan an (auf spanisch bedeutet Jamon Schinken). Wir machten große Poster, die wir im Presseraum aufhängten, auf denen  bekannt gegeben wurde, dass DJ Jamon keine Interviews gibt. Die Presseleute meinten: ‚Wer zum Teufel denkt er, dass er ist.’ Es kannte ihn ja keiner. 90 Prozent der Leute wussten nicht, dass ich spiele. Es war eine großartige Stimmung, am Strand, weil es das letzte Set war, und alle Mitarbeiter dorthin kamen, die zwei Wochen lang hart gearbeitet hatten.“

Eines der Highlights der besonderen Sorte dieses Jahres war Señor Coconut, der mit bürgerlichem Namen Uwe Schmidt heißt, und aus Frankfurt stammt. Mit seinem Sänger Argenis Brito und seinen lateinamerikanischen Rhythmen heizte er dem Publikum ordentlich ein. Vor allem Frauen schunkelten ihre Hüften zu salsaverwandten Klängen in den frühen Abendstunden. Wer das nicht mochte, konnte sich zeitgleich Birdy Nam Nam genehmigen. Die vierköpfige französische Formation hatte ihre Plattenteller nebeneinander aufgebaut. In kürzester Zeit gelang es dem Quartett, die bislang vor sich hinschlummernden Zuhörer minimalistischer Klänge im Sonar Dôme aufzuwecken und zum Tanzen zu bewegen. Als Zugabe gab es ein frei improvisiertes Stück, bei dem alle vier ihr großes Talent unter Beweis stellten, und einer von ihnen auf seinem sich drehenden Plattenteller mit seinen Fingern lostrommelte.

Jedes Jahr präsentiert das Festival einen Fotozyklus, der eigens für das Sonar produziert wird, und der es fernab von irgendwelchen Klischees repräsentieren soll. Die Bilderreihe steht jeweils unter einem Thema, diesmal dem Stillleben. Das Hauptmotiv ist ein „fast“ klassisches Stillleben diverser Früchte, wie man es aus der Malerei kennt. Nur: Die aufgeschnittene Zitrone ist verschimmelt. Auf einem weiteren Bild ist eine weite, bergige Landschaft zu sehen, im Hintergrund brennen Berghänge, vielleicht ein Vulkanausbruch. Diese Untergangsstimmung setzt sich fort im dritten Motiv, einer Bibliothek, in der alle Bücher wild verstreut auf dem Boden herumliegen. Vor fünf Jahren ließ sich eine spanische Mittelstandsdurchschnittsfamilie in diversen Posen ablichten – uninteressante Familienporträts, hätten sich nicht alle Familienmitglieder in die Hose oder auf den Rock gepinkelt. Das Sonar liebt es zu provozieren, zu experimentieren, aufzufallen – wobei wir wieder bei einer der besten Qualitäten dieses einzigartigen Festivals wären.

Natürlich hat ein Kulturbetrieb wie dieser – mit einem Etat von 2,7 Millionen Euro und 19 ständig Angestellten - auch sein Gegenprogramm: In einer weiteren riesigen Halle am Standrand, in der Nähe zum Stadtstrand feierten ca. 2000 Punks mit munter herumtollenden Hunden, irre lauten Gabba-Klängen aus selbst zusammen geschweißten  Synthesizern das Off-Sonar. Der Cocktail stimmt einfach: Sonne, Sand, Sommer, Experimentelles und Tanzbares, alte Hasen und wuseliger Kleinkram – das Sonar ist ganz zu Recht einer der Klassiker unter den Sommerevents.


Das Festival
Sonar 2006
vom 15. bis zum 17. Juni 2006
in Barcelona
>> Offizielle Website des Festivals

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Kultur Digital
Juni 2006
Text von Nana A.T. Rebhan
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Erstellt: 13-06-06
Letzte Änderung: 02-09-08


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