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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Sonny Rollins: A Night At The Village Vanguard

(COMPLETE, 1957)


Improvisationen von kathartischer Kraft
von Günther Huesmann

Die Auswahl im Überblick

Damit es für die rasenden Motivstrudel des Bebop fit ist, muss das Saxophon hell und leicht klingen. Dies war fast einhellig die gängige Meinung Anfang der fünfziger Jahre unter Saxophonisten, als ein Spieler die Szene betrat, der genau das Gegenteil davon vertrat. Er spielte ruppig, rau und schwer im Sound. Ausgestattet mit dieser urigen Klang-Aura bewältigte er selbst die schnellsten musikalischen Stromschnellen des Bebop-Vokabulars. Dieser Mann hieß Sonny Rollins. Er bewies, was bis dahin als unmöglich gegolten hatte: dass man die robuste Spielart eines Coleman Hawkins auf Charlie Parker und die Linien des Bebop anwenden kann – ohne an Expressivität und virtuosen Möglichkeiten zu verlieren.


Der Mitschnitt eines Auftritts im New Yorker Jazzclub „Village Vanguard“ 1957 gehörte zu den ersten Platten, die Sonny Rollins als Leader dokumentieren (zuvor hatte er zwei Jahre mit Max Roach gespielt und gelegentlich im Quintett von Miles Davis ausgeholfen). Er ist ein Musterbeispiel für Improvisationen von kathartischer Kraft.
Was wir auf „A Night at the Village Vanguard“ erleben, ist die Explosion der Phantasie durch ein Saxophon. Es sind die Direktheit und die insistierende Kraft, Rollins’ bohrende Fantasie, die seine Improvisationen einzigartig machen. Sonny Rollins wird so sehr eins mit seinem Instrument, dass sein Saxophon nicht mehr Werkzeug ist, sondern Teil der Musik. Charakteristisch für ihn ist eine Art relaxte Rastlosigkeit, eine fast besessene Art sich in einen Spielrausch zu steigern, der dem Hörer das Gefühl gibt: Hier manipuliert niemand ein Instrument. Hier spielt die Musik sich scheinbar selbst.

So freundlich und humorvoll die Ansagen des damals 27jährigen scheinen (Audio-Material, das – wie mancher alternative Take – erst nachträglich gefunden wurde, was die ursprüngliche LP über die Jahre hinweg auf den Umfang von zwei CDs wachsen ließ), die Musik ist feurig, druckvoll und ohne Kompromisse auf die Erkundung des Materials bedacht.
Es gibt unzählige Live-Aufnahmen aus dem New Yorker „Village Vanguard“ – „the world’s leading jazz club“. Nur ganz wenige aber reichen an die Intensität dieser Platte heran. Dabei war die Titelauswahl alles andere als gewagt. Rollins bezieht sich auf Material, das in der vom Bebop beeinflussten Musikergeneration gang und gäbe war. Er improvisiert über Standards wie „Old Devil Moon“ und „What Is This Thing Called Love“, über Balladen wie „I Can’t Get Started“ genauso wie über die von Musikern des modernen Jazz favorisierten Themen wie „Four“ von Miles Davis oder „Woody’n You“ von Dizzy Gillespie.

Das Spektakuläre dieses Albums ist, was Sonny Rollins aus dem Material macht. Er dreht und wendet die Melodien, er „quetscht“ die Themen nach musikalischer Substanz aus „wie eine Zitrone“, und wenn man denkt, es sei nichts mehr herauszuholen, dann überrascht er den Hörer mit einer Wendung, mit einem Sturzbach neuer, glänzender rhythmischer und melodischer Ideen. Dieser Improvisator konnte damals so schnell denken, wie wohl kein anderer Saxophonist (außer Coltrane).
Die Aufnahme-Qualität lässt zu wünschen übrig, die grandiosen Soli machen diese Unzulänglichkeiten jedoch mehr als wett. Sie zeigen Sonny Rollins im vollen, rauschenden Fluge seiner genialen Improvisationen. Auffallend an Rollins’ Spiel ist die Phantasie, die Konsequenz mit der er aus wenigen Ausgangsmotiven Spannungsbögen von großer Tragfähigkeit baut. Fast im Alleingang hob Rollins mit dieser Platte eine Instrumentalgattung aus der Taufe, die es zuvor im Jazz nicht gegeben hatte, die nach ihm aber zu einem Testfeld für jeden improvisierenden Tenorsaxophonisten werden sollte: die des Saxophontrios (zwei andere Saxophontrio-Platten von Rollins sind „Way Out West“, 1957, und „The Freedom Suite", 1958).
Hier zeigt Rollins, wie man an eine so reduzierte Besetzung aus Saxophon, Bass und Schlagzeug herangeht. Seine Improvisationen auf „A Night at the Village Vanguard“ demonstrieren eine kompromisslos forschende, sich tiefer und tiefer in das Innere der Songstruktur bohrende musikalische Phantasie. Dabei erlaubt sich Rollins rhythmische Freiheiten und melodische Risiko-Momente, die ihn innerhalb der damaligen Konventionen des Hard Bop fast schon wie einen avantgardistischen Outsider erscheinen lassen.

Auch knapp fünfzig Jahre nach diesen Aufnahmen ist die brennende Intensität seines Spiel derart atemberaubend, dass schwer zu sagen ist, was man mehr bewundern soll: die rhythmischen Freiheiten, die Rollins sich gegenüber der Form erlaubt, oder die Treffsicherheit, mit der er – trotz aller abweichenden Fabulierkunst – in der Songform Kurs hält. Sämtliche Optionen hielt sich der Saxophonist bei der Aufführung offen. Augenzeugen berichten, dass Sonny Rollins im „Kitchen“ zu spielen begann, wie man den kleinen Raum hinter der Bühne des „Village Vanguard“ nennt, wie er Saxophon blasend durch den Club zwischen den Tischen umher wandelte – mit geschlossenen Augen, wundersamerweise ohne jemals irgendwo anzustoßen. Dieses Bild mag womöglich eine Legende sein. Aber es spiegelt treffend die traumwandlerische Sicherheit wider, mit der Rollins’ durch die Songformen von Bebop-Klassikern und Tin-Pan-Alley-Balladen navigiert.
Humor spielt eine große Rolle in der Musik von Sonny Rollins. Es ist ein Humor, der schnell ins Ironische, Sarkastische, manchmal sogar Zynische kippen kann („I’ll Remember April“). Sonny Rollins kann über Themen improvisieren, aus denen sonst niemand etwas Sinnvolles herausziehen kann („Get Happy“): über alte Schinken der Tin & Pan Alley, über Schnulzen und angestaubte Soundtracks. All dies ist Rollins als Spott und beißende Kritik ausgelegt worden. Doch so sehr Humor und Ironie in seiner Musik eine Rolle spielen – diese mitunter sonderbaren Melodien sind bei Sonny Rollins biographisch motiviert. Viele dieser Themen sind in der Tat „die Songs seines Lebens.“ Er hat sie aus Filmen aufgegriffen, die er als Jugendlicher im Kino sah. Er sei jemand, der danach suche, Komplexität in Simplizität zu finden, hat Sonny Rollins einmal gesagt. Das sei es, worum sich bei ihm alles drehe. „Ich ging jeden Samstag ins Kino. Das war unser TV.“
Mit „A Night at the Village Vanguard“ bewies Sonny Rollins ganz nebenbei, dass es keiner Aufhebung von Tonalität und Beat bedarf, um den Schlagzeuger in eine nahezu gleichberechtigte Position zu heben. Denn es ist diese Platte, die den Schlagzeuger Elvin Jones erstmals in seiner reifen Phase dokumentiert. Der hyperbolische Swing, den Jones später bei John Coltrane zur Vollendung bringen sollte, formiert sich unter dem Druck von Rollins’ Improvisationen auf ideale Weise. Die Power und die Komplexität von Jones’ Spiel weisen weit über alle herkömmlichen Konzepte des Hard-Bop-Drumming hinaus. Mit einer solchen Rhythmusgruppe öffnet sich ein Feld der uneingeschränkten Kommunikation. Wilbur Wares dunkle, kraftvolle Bass-Stützlinien besitzen unter Musikern einen legendären Ruf. Sein energischer Swing hat den für Sonny Rollins passenden rhythmischen Drall. „Es gibt Momente, in denen dieses Trio klang, als sei es aus drei Drummern zusammengesetzt“, resümiert der Kritiker Bob Blumenthal.

Sonny Rollins ist bekannt dafür, dass er das Spiel mit Pianisten meidet. Hier macht er Ernst damit. Er mag nicht, wenn ihm „Akkordarbeiter“ in die Quere kommen. Befreit von akkordischem Ballast, schwingt sich Rollins zu Improvisationsflügen auf, wie sie in der Geschichte des Saxophonjazz einzigartig sind.
In „I’ve Got You Under My Skin“ spielt er in lockeren Calypso-Grooves auf seine karibischen Wurzeln an. „A Night in Tunesia“, der Dizzy Gillespie-Klassiker, ist wiederum ein rauschendes Fest der Bebop-Intensität. „Softly as in a Morning Sunrise“ bringt neben Rollins den Bassisten Wilbur Ware in den Vordergrund. „Sonnymoon for two“ ist ein Meisterwerk des Blues. „Old Devil Moon“ verwandelt Rollins mit seinem typischen sarkastischen Humor in eine mitreißende Latin-Studie.
Die instrumentale Farbpalette dieser Aufnahmen mag reduziert erscheinen – die melodischen, harmonischen und rhythmischen Variationen sind es nicht. Sie sind Ausdruck einer überbordenden improvisatorischen Phantasie, ein wahrer Ausbund an musikalischer Üppigkeit und schierer Spontaneität. Diese Platte diente und dient Generationen von Saxophonisten als ein Kompendium des unermüdlichen Forschens und musikalischen Staunens.
Übrigens: Jazzgeschichte scheint sich nicht stets in Publikumszahlen auszudrücken. Der Applaus im Village Vanguard am Ende des Stückes „Four“ lässt gerade mal auf zwanzig Besucher schließen. Sie jedenfalls waren dabei, bei diesen „great moments.“ Momente voller Magie.

Text: Günther Huesmann

SONNY ROLLINS
A NIGHT AT THE VILLAGE VANGUARD
(COMPLETE), 1957

Erstellt: 09-02-07
Letzte Änderung: 28-11-08


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