Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 11/09/08
Soom
Ein Film von Kim Ki-duk
Frau trifft Mörder im Todestrakt
Korea 2007, 84 Min.
Mit Chang Chen, Park Ji-a, Ha Jeong-woo, Gang In-heyong
Synopsis: Als die betrogene und depressive Ehefrau Yeon vom Selbstmordversuch des Mörders Jang Jin in der Todeszelle erfährt, macht sie sich auf den Weg zu dem Gefängnis, in dem dieser einsitzt. Yeon gelingt es, die Wärter zu überreden, dass sie Jang Jin treffen darf. Yeon besucht ihn immer wieder, und nach und nach entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung zwischen ihnen.
Kritik: Kim Ki-duk schenkt uns mit seinem vierzehnten Film eine weitere existentielle Geschichte um eine Beziehung mit sehr speziellen Vorzeichen: Jang Jin sitzt in der Todeszelle. Er hat seine Frau und sein Kind umgebracht, er hat nichts mehr zu erwarten außer dem Tod. Yeon lebt in einem schönen Haus, mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter. Aber es kommt ihr vor wie ein Gefängnis. Seit sie herausgefunden hat, dass ihr Mann sie betrügt und ihr dadurch jegliches Vertrauen ins Leben überhaupt abhanden gekommen ist, vegetiert sie depressiv vor sich hin.
Kim Ki-duk führt diese beiden unglücklichen Gestalten zusammen und sieht zu, was passiert. Eine Versuchsanordnung mit wenig Dialog. Minimalistisch reduziert auf das Haus, in dem Yeon wohnt, die Zelle, in der sie sich treffen und die Zelle, in der Jang Jin mit drei anderen Häftlingen einsitzt. Obwohl der Winter kalt ist, kommt Yeon mal im Frühlings- mal im Sommerkleid ins Gefängnis, und sie hat noch viele weitere Ideen, um für Jang Jin den Wechsel der Jahreszeiten zu simulieren. So klebt sie selbst gebastelte Fototapeten an die kahlen Wände der Zelle. Mal zieren die Wände üppige Frühlingsblüten, mal lockt das blaue Meer zum Baden. Yeon singt für Jang Jin, so gut sie kann. Sie zaubert für den Häftling eine magische Welt, die dieser nie wieder in Freiheit sehen wird. Sie schenkt ihm die schönste Zeit seines restlichen Lebens. Sie tut es aber nicht nur für ihn, sondern auch für sich, und ihre gemeinsamen Momente, ihre Berührungen und Küsse werden immer leidenschaftlicher. So lange, bis ein Gong ertönt. Das Zeichen, dass der Wärter sie trennen soll. Den Gong betätigt kein anderer als Kim Ki-duk selbst, der allerdings nur in der Spiegelung des Überwachungsmonitors zu sehen ist. Das ist nur konsequent, denn schließlich ist er der Regisseur, der alle Fäden in der Hand hat.
Kim Ki-duk verzichtet weiterhin auf die seinen frühen Filmen immanente Brutalität. Er will nicht mehr schockieren und provozieren. Nun erobert er die Herzen der Zuschauer mit seinen existentialistischen Liebesgeschichten. Dies gelingt ihm durch ein Kino der genauen Gesten, der unwiderstehlichen Blicke und der wenigen Worte. Mit präziser Genauigkeit widmet er sich komplexen Charakteren, die er in ihrer Vielfältigkeit zeigt, und weist gleichzeitig schon im Titel darauf hin, was lebenswichtig ist: das Atmen. Yeon und Jang Jin beleben sich beide gegenseitig. Sie haben beide den Atem verloren und finden ihn gemeinsam wieder.
Nana A.T. Rebhan
Erstellt: 21-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08