Große Gefühle, Sozialdramen und traurig flirrende Leichtigkeit – das junge spanische Kino ist seit Almodóvars Filmen in den 1980er Jahren auf Erfolgskurs und glänzt mit internationalen Stars.„Jeder hat gehört, dass nun in Spanien alles anders ist, aber es ist nicht so einfach, diesen Wandel im spanischen Kino zu finden. In meinen Filmen können die Menschen sehen, wie Spanien sich verändert hat – weil es jetzt möglich ist, einen Film wie ,Das Gesetz der Begierde‘ zu zeigen.“ 1987 pries Pedro Almodóvar mit solchem Selbstbewusstsein sein damals aktuelles Werk an, in dem von einer Amour fou zwischen einem schwulen Filmregisseur und seinem jugendlichen Verehrer, gespielt von Antonio Banderas, erzählt wird. „Das Gesetz der Begierde“ war Almodóvars sechster langer Spielfilm und markierte seinen internationalen Durchbruch, während er in Spanien selbst bereits den Ruf als aufregendster Nachwuchsregisseur inne hatte. Seine Liebesgeschichten drehten sich in einer schrillen, schrägen und respektlosen Art und Weise um die sexuelle Orientierung. Für das große Publikum waren diese sehr chaotisch und in ihrer bewusst unzusammenhängenden Erzählweise zu unverständlich und zu sprunghaft. Auch das ausgefeilte und explizit schwule Melodrama „Das Gesetz der Begierde“ war für das damalige Spanien ungewöhnlich und schockierend.
Heute ist Pedro Almodóvar längst ein Klassiker. Spätestens seit dem Oscar für „Alles über meine Mutter“ im Jahr 2000 ist sein Werk mit höchsten Weihen gekrönt, und mit seinen 55 Jahren und 16 langen Spielfilmen ist er der Übervater des spanischen Kinos. Er, der sexuelle und oft auch soziale Außenseiter konsequent ins Zentrum seiner Filme rückte, hat für lange Zeit das Kino in einem Land geprägt, das in wenigen Jahren rasante Veränderungen durchmachte. Als Almodóvar Anfang der 1980er Jahre auftauchte, beschäftigte das spanische Kino nur ein Thema: die Entwicklung von einer engstirnig autoritären Welt mit rigiden sozialen Normen hin zu einer entfesselten Konsumgesellschaft, in der alles möglich schien. Dieser Prozess hatte im übrigen Westeuropa ein rundes Vierteljahrhundert gedauert. Nicht so in Spanien. Dort vollzog sich der Wandel nach dem Tod des Diktators Franco 1975 in weniger als zehn Jahren. Viel von der Überdrehtheit in Almodóvars Filmen hat mit dem Tempo dieser Entwicklung zu tun.
Nach Francos Tod folgte die Konsumdiktatur
Anfang der 1990er Jahre betraten mit Bigas Luna und Fernando Trueba zwei Regisseure im Alter Almodóvars die internationale Bühne. Beide sind für ihre leidenschaftlichen Filme bekannt und Fernando Trueba erhielt 1993 für die erotische Komödie „Belle Epoque“ mit Penélope Cruz einen Oscar.
Doch schon Mitte der 1990er ist im spanischen Kino wieder eine neue Generation auf den Plan getreten. Alejandro Amenábar, Julio Médem, Fernando León de Aranoa, Alex de la Iglesias, Isabel Coixet oder Icíar Bollaín sind einige Namen. Sie erregten im spanischsprachigen Raum meist schon mit ihren Erstlingswerken Aufmerksamkeit und werden als Vertreter der „nueva ola“, der neuen Welle, zusammengefasst. Für diese Cineasten ist das Schrille eines frühen Almodóvar bereits ausgereizt, nur Alex de la Iglesias spielte etwa in seiner Komödie „Aktion Mutante“ in witziger Weise mit dem Thema des entfesselten Konsumrausches. Produzent dieses abgefahrenen Science-Fiction-Films war niemand anderes als Pedro Almodóvar, der damit erstmals den Film eines Kollegen produzierte. Die anderen Regisseure richteten ihren Blick auf Spanien, indem sie etwa einer mystischen Naturbetrachtung (Julio Medem mit „Vacas – Kühe“), einem Rückgriff auf den Film Noir (Alejandro Amenábar mit „Faszination des Grauens“) oder einem sozialkritischen Realismus (Iciar Bollaín und León de Aranoa) frönten, der durchaus auch heitere Töne anschlagen konnte. Wenige Jahre später waren diese Regisseure dann weltweit so bekannt, dass sie in internationalen Großproduktionen Hollywoodstars wie Nicole Kidman (Alejandro Amenábars „The Others“, 2001) oder Tim Roth (Isabel Coixets „The secret Life of Words“, 2005) für Hauptrollen verpflichten konnten. Und Fernando León de Aranoa, der solide erzählte und hervorragend gespielte Sozialdramen dreht, konnte sich 2002 beim Filmfestival in San Sebastián für seine Tragikomödie „Montags in der Sonne“ den Hauptpreis abholen – vielleicht gelingt das dieses Jahr Iciar Bollain, die ihren neuen Film „Mathahari“ im Wettbewerb laufen hat.
Stars folgen dem Ruf spanischer Regisseure
Filmregisseur de Aranoa gelang zudem mit dem Prostituiertendrama „Princesas“ 2005 die kommerziell erfolgreichste einheimische Produktion des Jahres. Und ein Jahr zuvor sorgte Amenábar mit dem Sterbehilfedrama „Das Meer in mir“ (mit einem grandiosen Javier Bardem in der Hauptrolle) ebenso für Furore. Gemeinsam ist diesen Filmen, dass sie sich weitgehend in den Bahnen eines soliden Erzählkinos bewegen. Dies förderte den Ruf, die aktuelle spanische Kinolandschaft sei formal eine der konservativsten Europas. Doch damit tut man der Vielfalt des Filmschaffens in diesem Land unrecht. Es gibt nämlich durchaus auch formal und inhaltlich radikale und kompromisslose Werke, die es aus Insiderzirkeln heraus zu internationaler Beachtung schafften. So etwa der 2006 in San Sebastián vorgestellte Film „Was ich von Lola weiß“ von Javier Rebollo. Der Erstling von Rebollo mit seinem atemlosen Monolog eines vereinsamten Mannes, dessen einziger Lebensinhalt in der Beobachtung seiner attraktiven Nachbarin besteht, ist so etwas wie ein spanisches Echo auf frühe Filme des französischen Kinos der späten 1950er Jahre, der sogenannten Nouvelle Vague. Bezeichnend ist für diese Filme, dass sie einen Pessimismus und eine Traurigkeit ausstrahlen, die so gar nicht zu dem sonnigen Spanien zu passen scheinen. Ähnlich auch bei „dunkelblaufastschwarz“ (2006), ein flirrend leichtes, raffiniert erzähltes Erstlingswerk des jungen Daniel Sánchez Arévalo, in dem Themen wie soziale Unrast, sexuelle Orientierungslosigkeit oder vertrackte Vater-Sohn-Beziehungen so flüchtig aufscheinen, dass daneben die großen Gefühle eines Pedro Almodóvar nur noch wie ein fernes Echo wirken.
Geri Krebs für das ARTE Magazin
Almodovar auf Arte
Montag, 10. September um 20.40 Uhr im "Première Séance"Alles über meine Mutter
Mittwoch, 12. September um 22.40 Uhr im"Ciné-Découverte"Das Gesetz der Begierde
Montag, 17. September um 20.40 Uhr dans "Première Séance"Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs
Montag, 24. September um 20.40 Uhr dans "Première Séance"Mein blühendes Geheimnis






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