30/09/08
"Sozialer Mix lässt sich nicht verordnen"
Immer wieder geraten soziale Brennpunktviertel in die Kritik. Aber trotz jahrzehntelanger intensiver Stadtpolitik hat sich die Lage der Jugendlichen aus den Vorstädten nicht wirklich gebessert. Prof. Eckard von der Bauhaus-Uni Weimar hält den Versuch, die Sozialstruktur durch architektonische Maßnahmen zu beeinflussen, für einen Trugschluss.
Prof. Frank Eckardt ist Professor für Stadtsoziologie am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar und betreut zur Zeit unter anderem das von der EU finanzierte Projekt "Futur Urban Research in Europe".
ARTE: « Sag' mir wo Du wohnst und ich sage Dir wer Du bist »: Würden Sie dem zustimmen?
Prof. Eckardt: Dies trifft nur in einem sehr begrenztem Sinn zu. Noch hat sich die Einkommensfrage nicht als einzig entscheidendes Kritierium durchgesetzt, insbesondere nicht in Deutschland. Hier gibt es nach wie vor in vielen Städten einen hohen sozialen Mix. In Frankreich ist das, was Soziologen Segregation nennen, zwar bereits sehr viel länger und stärker ausgebildet, aber auch die Sozialstruktur der französischen Vorstädte stellt sich bei näherer Betrachtung als recht heterogen dar, sowohl was die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung angeht, als auch hinsichtlich der politischen Vertretung und des kulturellen Lebens.
Beim Vergleich zwischen Vorstadt und Stadtzentrum zeichnen sich schon deutlichere Unterschiede ab. Sie würden trotzdem nicht von zunehmender Ghettobildung sprechen?
Es gibt momentan zwei allgemeine europäische Tendenzen. Zum einen zieht es die Mittelschicht in die Innenstädte der Großstädte zurück. Mit ihnen kommt auch in vielen Städten die Kaufkraft zurück. Demgegenüber steht vielerorts die Verhärtung sozialer Problemlagen, auch nach 20 Jahren intensiver Stadtpolitik. In vielen europäischen Großstädten liegen die Problemviertel aber nicht außerhalb, sondern mitten in der Stadt, z.B. Tower Hamlet in London oder Kreuzberg in Berlin. Paris ist in diesem Sinne bereits problematischer, weil der soziale Mix hier teilweise aufgekündigt wird. Aber auch hier kann man nicht eigentlich von Ghettoisierung sprechen, bei der Debatte spielt viel Alarmismus mit, der die Probleme nicht löst.
Diese Gebiete haben im November 2005 in Frankreich für viel Aufregung gesorgt. Auch in Deutschland gibt es viele « Problemviertel ». Warum eskaliert das Problem hier nicht in gleicher Weise?
Auch in Deutschland gibt es Gegenden mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern. Dass sich die Probleme nicht in der gleichen Weise sichtbar machen wie in Frankreich, liegt meiner Meinung nach vor allem an der Arbeitsmarktsituation. Schüler aus Problemgebieten sind in Frankreich relativ gut versorgt, dort liegt die Quote für Schulabbrecher und Sitzenbleiber wesentlich niedriger als in Deutschland. Beim Eintritt in den Arbeitsmarkt ist die Situation genau umgekehrt: In der französischen Wirklichkeit wird der weiße Franzose vorgezogen, auch bei gleichen Schulzeugnissen. Die extreme Diskrimination hat über Jahre zu einer sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit geführt, die der eigentliche Schlüssel für die aktuelle Problemlage ist. In Frankreich ist auch so etwas wie ein zweiter oder dritter Arbeitsmarkt nicht (mehr) vorhanden.
Es liegt also nicht an der Adresse, wenn Jugendliche aus der Vorstadt keine Zukunftsperspektive haben?
Ich glaube das ist ein Trugschluss. Von einem Stadtsoziologen würde man erwarten, dass er ein besseres Wohnumfeld fordert. Das ist sicherlich auch notwendig, zum Beispiel hinsichtlich der Infrastruktur oder der Transportanbindung, aber in den letzten 20, 30 Jahren hat man in Frankreich sehr viel investiert in die "Politique de la ville". Herausgekommen ist letztendlich ein Scherbenhaufen. Die Probleme ließen sich meines Erachtens besser angehen, wenn diese Programme den sozialen Faktor wesentlich stärker einbeziehen. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass diejenigen, die es sich leisten können, die Vorstädte immer verlassen werden.
Könnte nicht auch ein besserer sozialer Mix zur Besserung der Lage beitragen?
Man bekommt keinen Job, nur weil man neben jemanden wohnt, der einen hat. Sozialer Mix lässt sich nicht verordnen und Interventionen können nur sehr behutsam vorgenommen werden. In Wirklichkeit hilft es ärmeren Menschen relativ wenig, wenn ihr Nachbar viel Geld hat. Sie haben viel mehr davon, wenn sie in eine Gegend ziehen, wo alle arm sind und das Mietniveau entsprechend niedrig ist. Wenn Sie anders herum in einem schönen Stadtteil ein Obdachlosenheim eröffnen, werden die Besser gestellten schnell abwandern - in den USA nennt man das "white flight". Ich halte den sozialen Mix nach wie vor für wünschenswert, aber er ist sicher nicht der wichtigste Punkt, an dem man arbeiten müsste.
Dass sich sozialer Mix nicht verordnen lässt, sieht man auch an der Gentrifizierung vieler ehemaliger Arbeiterviertel…
Natürlich gibt es diese Tendenz zur Gentrifizierung einzelner Stadtteile, die wichtige Frage ist aber, ob es dadurch auch zu einer Abwanderung der ärmeren Schichten kommt. Das trifft für die europäischen Städte nach wie vor aber viel weniger zu als für US-amerikanische Städte. Meiner Meinung nach kann man ärmere Stadtteile durchaus aufwerten, indem man sie über städtische "Pionniere" behutsam "von unten" gentrifiziert. Studenten oder Künstler etwa lassen sich eher auf etwas problematische Wohnumstände ein. Bei ihrem Auszug hinterlassen sie aufgewertete Wohnungen und Viertel, die auch für die Mittelschicht interessant sein können. Solche Entwicklungen beobachtet man momentan in Ostberlin. Auch in Dublin wurden in den letzten Jahren zahlreiche Problemgebiete renoviert, die jetzt durchaus interessant sind für die Mittelschicht und den internationalen Jet-set. Man sollte dies nicht nur als "Gentrifizierung" brandmarken.
Sie sehen die Zukunft der europäischen Stadt also eher positiv…
Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft der europäischen Städte betrifft. Es wird zunehmend schwierig sein, den multikulturellen Druck auf einige Stadtteile auszubalancieren, aber dem stehen enorme Potentiale gegenüber. Die europäischen Städte sind in den letzten 30 Jahren bunter, vielfältiger und kulturell attraktiver geworden, und haben gerade im Vergleich zu amerikanischen und asiatischen Molochstädten viele Vorzüge. In ökonomischer Hinsicht wird schnell übersehen, dass die europäischen Mittel- und Kleinstädte ökonomisch gesehen viel erfolgreicher sind als die internationalen "global cities", wenn man das Bruttosozialprodukt pro Kopf umrechnet. Auch hinsichtlich der sozialen Regierbarkeit, der Nähe und Überschaubarkeit ist die eher mittelgroße europäische Stadt ein Erfolgsmodell.
Das Interview führte Nicola Hellmann
Erstellt: 26-04-07
Letzte Änderung: 30-09-08