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Filmfestival Venedig 2008

Erleben Sie das Filmfestival von Venedig, als wären Sie selbst mit dabei gewesen!

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Filmfestival Venedig 2008

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Filmfestival Venedig 2008

Venedig 2008 - 26/08/09

Autobiographisches Kino aus Frankreich.

„Stella“ von Sylvie Verheyde und „35 Rhums“ von Claire Denis


Sylvie Verheyde und Claire Denis vertreten mit ihren sehr inspirierten Filmen Stella (***), Sektion Giornate degli Autori und 35 Rhums (***), Außer Konkurrenz, das französische Kino in Venedig.

  • Im Gespräch mit Sylvie Verheyde
  • Trailer: "Stella"
  • Im Gespräch mit Claire Denis
  • Im Gespräch mit Alex Descas

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STELLA


Biographisch angehaucht bewegt sich der Film „Stella“ mit seinen humoristischen, aber auch melancholischen Zügen nah am aktuellen Zeitgeist der französischen Comics von Blutch bis Bouzard und ist dazu von ganz besonderem Charme. Stella ist elf Jahre alt und lebt gegen Ende der 70er Jahre – ganz so wie die Regisseurin in ihrer Kindheit – im chaotischen Prolo-Universum der Kneipe, die ihre Eltern in Paris betreiben und in der die Stammgäste so gut wie zur Familie gehören. Gleichzeitig kommt sie in die erste Gymnasialklasse einer schicken, vornehmen Schule, die im scharfen Kontrast zu ihrem Zuhause steht, wo laute und ungehobelte Gestalten, Trunkenbolde und Nachtschwärmer ein- und ausgehen. Die Regisseurin erweist sich als geschickte Dialogschreiberin und Erzählerin, indem sie eine allgegenwärtige, quirlig-flotte Mädchenstimme aus dem Off alles detailliert kommentieren lässt. Stella ist eine Art verwackelter Bindestrich zwischen zwei Welten, in denen sie sich nicht zurechtfindet: auf der einen Seite das Umfeld ihrer nichtsnutzigen, von den Ereignissen überrollten Eltern (Karole Rocher als wunderbar spöttisch-knurrige Mutter, Benjamin Biolay in einer perfekten Verkörperung des trägen Vaters), auf der anderen das Fegefeuer der verabscheuten Schule, der sie nicht das Geringste abgewinnen kann. Wo es nur geht, fügt Sylvie Verheyde ihrer Galerie ein weiteres Porträt ihrer köstlichen Figuren hinzu: Mal ist es der Stammgast am Tresen, der sich für Eddy Mitchell hält, mal die hysterische Englischlehrerin, die auch Fellini hätte erfinden können. Das sorgfältig gestaltete Ambiente der Siebziger und die Musik (u. a. von Sheila, Bernard Lavilliers, Daniel Guichard und Gérard Lenorman) machen das Bild des Durchschnittlichen nahezu perfekt und verleihen dem Film gleichzeitig eine nostalgische Dimension.

Stella
von Sylvie Verheyde
Frankreich, 2008, 102 Min.
mit Léonora Barbara, Melissa Rodriguès, Karole Rocher, Benjamin Biolay, Guillaume Depardieu
Venice Days – Giornate degli Autori – ARTE-Koproduktion

Dieses wohldosierte Gleichgewicht und insbesondere die Szenen, in denen überhaupt keine Erwachsenen zu sehen sind, verleihen dem Film etwas wunderbar Authentisches und errinern an „Mes petites amoureuses“ von Jean Eustache. Aus all dem geht Stella ganz groß hervor.

35 RHUMS


Die Inspiration zu ihrem Film „35 Rhums“, die Geschichte einer unzertrennlichen Vater-Tochter-Beziehung, bezog Claire Denis aus dem Leben ihres Großvaters und ihrer Mutter (s. unser Interview). Zum achten Mal arbeitete sie hier mit dem Schauspieler Alex Descas zusammen (der den Vater Lionel spielt), an dem sie vor allem dessen „innere Intensität“ mag, „mit der er tiefe Gefühle zum Ausdruck bringt“. Zum ersten Mal auf der Leinwand ist dagegen Mati Diop in der Rolle seiner Tochter Joséphine zu sehen – eine wahre Entdeckung. Unterlegt vom Soundtrack der Gruppe Tindersticks beschreibt „35 Rhums“ diese natürliche, grenzenlose Liebe, die sich in Blicken und Gesten widerspiegelt, die häufig mehr sagen als alle Worte. Claire Denis geht es vor allem um das Gefühl dieser allgemeinen kindlichen Angst, die sich all derer bemächtigt, die es mit gewissen unumstößlichen Dingen zu tun bekommen, die das Leben nun mal bereithält. So zeigt sie nicht nur Lionels und Joséphines Furcht vor der natürlichen und unvermeidlichen Trennung, sondern beschreibt auch andere ähnliche Gefühlswelten, wie die des frischgebackenen Rentners, der mit seinem neuen Leben nicht zurechtkommt, oder die Qualen des alleinstehenden Noé (Grégoire Colin), der sich nicht dazu durchringen kann, die geerbte Wohnung zu verkaufen, oder aber Gabrielles (Nicole Dogue) Melancholie ob der unerwiderten Liebe zu Lionel.

35 Rhums
von Claire Denis
Frankreich, 2008, 100 Min.
mit Alex Descas, Mati Diop, Nicole Dogué, Grégoire Colin
Außer Konkurrenz – ARTE-Koproduktion

Sie alle versuchen unentwegt, sich mit einer Wahrheit zu arrangieren, die sie doch nicht anerkennen wollen und der sie sich lieber im Schutz der allgemeinen Wehmut entziehen, anstatt klare Entscheidungen zu treffen, obwohl sie doch wissen, dass dies über kurz oder lang unausweichlich sein wird. Claire Denis macht ein Kino der Gefühle und ist mit „35 Rhums“ sich selbst und ihren tief bewegenden Obsessionen sehr nahe gekommen, als ob ihr nur das Kino die Möglichkeit böte, heiter und fröhlich allem den Rücken zu kehren.


Olivier Bombarda






Erstellt: 02-09-08
Letzte Änderung: 26-08-09