
Darsteller: Cornelio Wall Fehr, Miriam Toews, Maria Pankratz
Mexiko/Frankreich/Niederlande, 2007, 142’
FotogalerieCarlos Reygadas im Gespräch

Synopsis: Bauer Johan lebt mit Frau und sechs Kindern in einer Mennonitengemeinde in der Provinz Chihuahua, Nordmexiko. Gegen die Gesetze Gottes und der Menschen hat er sich in eine andere Frau verliebt. Kritik: Kaum einer weiß, dass in den endlosen Weiten der nordmexikanischen Provinz Chihuahua mit seinen Viehzüchtern und Maisbauern auch eine knapp 100 000-köpfige Mennonitengemeinde lebt, mit eigenen Schulen, Krankenhäusern und sogar einem eigenen Rechtssystem mit speziellen bürgerlichen Freiheiten. Einige dieser Gemeinden wehren sich bis heute gegen moderne Kommunikations- und Transportmittel, wie Telefon, Internet oder Automobile und landwirtschaftliche Maschinen. Diese Mennoniten sind Nachfahren einer strenggläubigen, pazifistisch gesinnten und deshalb seit Jahrhunderten verfolgten, einen alten, aus Friesland stammenden deutschen Dialekt sprechenden Religionsminderheit. Ende des 19. Jahrhunderts aus dem kampflüsternen Europa zuerst nach Kanada ausgewandert, flohen sie im Zuge der nach Ende des 1. Weltkriegs vorherrschenden antideutschen Stimmung um 1920 bis nach Mexiko, wo die meisten von ihnen bis heute leben.
So viel Geschichtsunterricht muss sein, wenn man Carlos Reygadas neuen, betörend schönen, mystisch-heilsamen Film verstehen will, der sich nach „Japon“ und „Battle in Heaven“ erneut mit dem ewigen Mysterium zwischenmenschlicher Liebe und Verrat auseinandersetzt. Bauer Johann liebt zwei Frauen gleichzeitig, was für einen strenggläubigen Mennoniten, der seinen Lebensunterhalt mit dem Beackern von Gottes Furche verdient und seine 6 Kinder vor jeder Mahlzeit beten lässt, eine unverzeihliche Sünde bedeutet. Trotz religiösen Sonderwegs ist er damit zugleich auch ein entfernter Seelenverwandter des brandenburgischen Handwerkers aus Valeska Griesebachs Berlinale-Beitrag „Sehnsucht“ und gewissermaßen auch von Joy-Division-Frontmann Ian Curtis in Anton Corbijns „Control“, in diesem Jahr Eröffnungsfilm der ‚Quinzaine des Réalisateurs’. Alle drei sind sie zerrissen zwischen Gefühlswelten, die sich gegeneinander ausschließen. Nur scheint bei Reygadas die unwahrscheinlichste und zugleich plausibelste aller Lösungen möglich.
Wie Reygadas filmisch mit diesem Gewissenskonflikt umgeht und ihn in Szene setzt, macht ihn als Regisseur auf der Welt einzigartig. Da sind zuerst einmal die unglaublichen, an alte John-Ford-Western erinnernden Cinemascope-Bilder einer eher gleichförmigen, aber umso grandioseren Landschaft endloser weiter Felder unter feuerrot glühendem Himmel. Gott scheint in Reygadas Bildern nicht fern, bei all der erhabenen Stille und Langsamkeit, die von ihnen ausgeht. In den Gesichtern der Menschen, die diese Felder bestellen, haftet nichts Falsches, nichts Verstelltes an. Als seien dies die wahrhaftigen Diener Gottes, die seine Botschaft im urchristlichen Sinne leben, ohne Aufhebens davon zu machen, ohne missionarischen Bekehrungstrieb. Glaubhaft ist Reygadas unaufdringliches Glaubensbekenntnis vor allem auch deshalb, weil er alle Rollen mit Laiendarstellern verschiedenster mennonitischer Gemeinden besetzt hat. Und als seinerseits enigmatischer Visionär seinen Akteuren absolutes Vertrauen schenkt, das diese wiederum dazu befähigt, in ihre Leinwandrollen das ganze Gewicht ihrer Existenz hineinzulegen.
So glaubt Johan trotz aller Gewissenqualen, die ihn an den Rand seiner seelischen Belastbarkeit bringen, weiter an die Möglichkeit des irdischen Paradieses. Zu jeder Zeit legt er Rechenschaft über seine Gefühle ab, auch wenn diese noch so verletzend sind für seine beiden Frauen. Wenn er deshalb trotzdem ausgelassen eine mexikanische Schnulze singend mit seinem Pick-Up im Kreis fährt oder im Augenblick größten Schmerzes prophetisch über die reelle Möglichkeit einer zukünftigen Wendung zum Guten spricht, dann sieht auch der aus der Hektik des Festivalbetriebs heraus katapultierte Zuschauer auf einmal wie in einem Spiegel einen greifbaren Ausweg aus den unauflösbaren Widersprüchen der eigenen Existenz aufscheinen.
Martin Rosefeldt
Synopsis: Johan, ein sehr gläubiger Mann und Vater, der mit seiner Familie der Mennonitengemeinde im Norden Mexikos angehört, verliebt sich in eine andere Frau.Kritik: Die auf den Himmel gerichtete Kamera wird von tiefster Nacht verschlungen, in der nur das Funkeln der Sterne durch einen leichten Nebelschleier hindurch zu sehen ist. Der Wind und die unbestimmbaren Klänge einer noch schlafenden Natur erwachen nach und nach zum Leben, im Gleichklang mit einer Morgendämmerung, die einen schillernden, roten, gelben, blauen, glühenden Himmel offenbart, verbunden mit einer sinnlichen und unergründlichen Kamerafahrt. Diese fantastische Einführung lädt den Zuschauer von Anfang an dazu ein, seine ganze Aufmerksamkeit auf Carlos Reygadas‘ Hauptanliegen zu richten, das er mit seinem Film „Stellet Licht“ verfolgt: Schönheit betrachtend zu erfassen, durch feinfühliges Darstellen von Zeit und Raum. Nach der Natur kommen Gesichter - von Männern, Frauen und Kindern. Nicht irgendwelche Gesichter, sondern die der Mennoniten Mexikos, einer ursprünglich im 16. Jahrhundert aus der Schweiz eingewanderten Gemeinschaft, einer Gruppe äußerst frommer protestantischer Dissidenten. Johans Familie ist gemäßigt, sie akzeptiert Autos und Medizin, aber toleriert weder Telefon noch Internet und stellt das Ritual systematischen Betens in ihren Lebensmittelpunkt. Dabei ist diese Familie voller Blondschöpfe weit davon entfernt, sich eine eigene schroffe, abweisende Welt zu schaffen, vielmehr zeichnet sich ihr Leben durch Sanftmut und den sparsamen Umgang mit Worten aus, wodurch die Sinnlichkeit dieser Menschen untereinander und ihr ergreifend harmonisches Dasein im Einklang mit der Natur noch weiter hervorgehoben wird. Carlos Reygadas nähert sich ihnen mit unermesslicher Hochherzigkeit, mit spürbarer, unendlicher, stiller Nachsicht, die nie nachlässt. Gleich eines störenden Elements steht die Leidenschaft Johans für eine andere Frau zwar im Mittelpunkt der Handlung, vor allem aber auch im Mittelpunkt für den Untreuen, ein Gefühl, das ihn in seinem tiefsten Inneren erschüttert, niemals schmutzig oder unrein ist, aber ununterdrückbar: Diese so feine Nuance gehört zu den wertvollsten Elementen in diesem Film, denn mit einem außergewöhnlichen Mitgefühl, das Reygadas bereits in „Japón“ und „Batalla del Cielo“ unter Beweis gestellt hat, offenbart der Filmemacher das Ausmaß einer zutiefst menschlichen Komplexität und macht sie nachvollziehbar. Da in dieser so einfachen Geschichte noch im letzten Moment die Vorstellung eines Wunders ins Spiel gebracht wird und die Bilder von so erstaunlicher Schönheit sind, geht auch im Nachhinein von „Stellet Licht“ ein faszinierendes Gefühl aus, das der Erhebung der Seele zum Göttlichen, wie ein Gebet.
Olivier Bombarda






per E-Mail verschicken



Facebook
Twitter
RSS

