Christina von Braun, Kulturwissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Universität vor allem auf dem Gebiet der Gender Forschung, ist zu sehr Wissenschaftlerin, um nicht enschieden ihre Sache zu etikettieren. „Stille Post“ nennt sie ihr Buch und das, was seit dem Zweiten Weltkrieg zwischen den Frauen ihrer Familie gelaufen ist. „Stille Post“ - kein glücklicher Begriff, enthält er doch auch die andere Seite des von Ohr zu Ohr Weitergeflüsterten: die Verballhornung, ein Riesenspaß auf Kindergeburtstagen einst. Diffamiert der Begriff nicht eher, was die Autorin meint? Das Schweigen respektive das Verschwiegenwerden der Frauen, die hinter vorgehaltener Hand nur leise mündlich weitergeben, was ihre Geschichte ist. Die weibliche Flüsterkette über Jahrhunderte. Schön hört sich das an!
So frappiert der Fall der einen Großmutter, Emmy von Braun, Mutter dreier Söhne, von denen der älteste, Sigismund, der Vater Christina von Brauns war. Ein Jung-Diplomat im Dritten Reich, zuletzt unter Ernst von Weizsäcker im Vatikanischen Asyl der Familie in Rom, als die Allierten Italien erobert hatten. Später war er Botschafter und Staatssekretär in der Bundesrepublik. (Der mittlere Sohn, Wernher von Braun, war der nicht unumstrittene Raketenforscher.) Gradlinig und charakterstark war Emmy von Braun eine typische Vertreterin des ostelbischen Adels, die, bevor sie mit ihrem Mann endgültig ihr Gut in Niederschlesien verlassen mußte, Tag für Tag notierte, was geschah: Das faszinierende Tagebuch eines Jahres unter russischer und polnischer Siegerherrschaft zwischen dem Kriegsende und der endültigen Vertreibung. In den Rahmen der „Stillen Post“ passt hier, dass es wieder nicht die Frau war, sondern ihr Mann, Magnus von Braun, der daraus einen Teil seiner Memoiren machte.
In die Flüsterkette der Frauen der Familie gehört auch die Mutter.Eine schöne, kluge, leidenschaftliche Frau, die sich an erfolgreiche Männer anlehnte und vielleicht dadurch in ihrem Leben scheiterte. Seit dem Aufenthalt im Vatikanischen Asyl, wo 1944 Christina von Braun auf die Welt kam und ihre ersten fünf Jahre verbrachte, lebte Hildegard von Braun bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 von Antidepressiva und versuchte mehrfach Suizid. Ihr „Vatikanisches Tagebuch“, das die Tochter jetzt entschlüsselte, ist nicht nur ein interessantes Zeitdokument, auch das Zeugnis einer hoffnungslosen und wieder fast mit dem Selbstmord endenden Liebesaffäre mit einem hohen Monsignore. Zeitläufte auch das.
Die Großmutter inspirierte zur "Stillen Post"Zur zweifellos interessantesten Gestalt, der anderen Großmutter mütterlicherseits, Hildegard Margis, deren Gestalt die Autorin zur „Stillen Post“ inspiriert hat, ist das Quellenmaterial rar. Nicht zuletzt auch aufgrund des „diffusen Verschweigens“ in der im Establishment der jungen Bundesrepublik verankerten Familie von Braun. Da war es vielleicht nicht opportun, dass Hildegard Margis Mutter Jüdin war; dass sie dem kommunistischen Widerstand politisch aktiv nahestand? Sie starb, verraten, im Gestapo-Gefängnis im September 1944 an Herzversagen nicht unbedingt im Geist der Zeit auch, dass sie, verwitwet und alleinerziehend, eine erfolgreiche Berufsfrau war, ja in den zwanziger Jahren eine regelrechte Berühmtheit in der von ihr entwickelten- Hausfrauen und Verbraucherberatung, zuletzt gar wohlhabende Unternehmerin, bis die Nazis dem ein Ende machten.
Weil es wenig über sie gibt, setzte die Autorin sozusagen wörtlich um, was Aleida Assmann über die famileinliterarisch aktiven Sechzigjährigen von heute schreibt, dass sie versuchten den „Generationendialog“, der nie statt gefunden habe , „zeitverschoben in ein Selbstgespräch zu transformieren“. Sie inszeniert einen fiktiven Briefwechsel mit dieser Großmutter, die starb, als sie geboren wurde. Eine Hilfskonstruktion, die als Reflexionsebene der Autorin die Erzählung beleben und vertiefen soll, jedoch dramaturgisch ins Gegenteil umschlägt. Künstlich wird hier der Erzählfluss durch ständiges kommentieren dessen, was der Leser ja schon aus den Zeugnissen weiß, verlangsamt. Es üfert manchmal in Wiederholungen aus, die den Verdacht aufkommen lassen, dass hier nicht zu Ende redigiert wurde. Ein dritter oder vierter redaktioneller Durchgang, es muss ja nicht der vierzehnte von Virginia Woolf sein, wäre dringend nötig gewesen. Schade, dass es nicht dazu kam. Schade im Kontrast zu den packenden und sensiblen Passagen des Buchs.
Eine Rezension von Ariane ThomallaChristina von Brauns Buch ist für den
Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.