
(Deutschland, 1920, 74mn)
ARD
Regie: Karlheinz Martin
Kamera: Carl Hoffmann
Musik: SchlagEnsemble H/F/M, Yati Durant
Darsteller: Adolf Edgar Licho (Fetter Herr), Eberhard Wrede (Bankdirektor), Erna Morena (Dame), Ernst Deutsch (Kassierer), Frida Richard (Großmutter), Hans Heinrich von Twardowski (Junger Herr), Hugo Döblin (Trödler), Roma Bahn (Tochter, Bettelmädchen, Kokotte, Maske, Heilsarmeemädchen)
Autor: Herbert Juttke, Karlheinz Martin nach dem gleichnamigen Drama von Georg Kaiser
Produktion: Ilag-Film

Am Boden zerstört macht sich der Kassierer auf den Weg nach Hause, wo ihn seine trübselige Familie und ein tristes Leben erwarten. Inzwischen wurde der Diebstahl in der Bank entdeckt. Sich der Gefahr bewusst, flieht der Kassierer auf die "Straße", durch den nächtlichen Schneesturm, in die nächstgelegene Stadt und entkommt damit der Polizei und dem Bankdirektor, die ihn auch zu Hause aufsuchen.
Beim Stadtbummel deckt sich der flüchtige Kassierer mit neuer, eleganter Kleidung ein, bevor er beim Sechstage(rad-)rennen im Sportpalast den wohlhabenden Lebemann spielt. Wieder unterwegs landet er in einem Tanzlokal und anschließend mit einer Kokotte und Champagner im Séparée. Von einem Seemann wird er außerdem in eine Kneipe geschleppt, wo ihn auch beim Kartenspiel seine Glückssträhne nicht verlässt.
Mittlerweile hat die Polizei die Fahndung ausgeschrieben. Eine Kapelle der Heilsarmee zieht durch die Stadt und lässt sich dort nieder. Gleichzeitig werden in dem kriminellen Kassierer melancholische Erinnerungen an seine Familie sowie Ängste vor dem Gefängnis wach, was den Reumütigen schließlich dazu veranlasst, einem Heilsarmeemädchen seine Geschichte zu beichten.
Daraufhin verteilt er das restliche Geld unter den Armen, die sich gierig auf die üppige Beute stürzen. Doch seine Bußemaßnahmen können den Banditen nicht retten: Kurz vor Mitternacht schwärzt ihn das Mädchen von der Heilsarmee bei einem Polizisten an. Die Festnahme des Kassierers steht bevor, doch dieser präferiert erneut die Flucht, diesmal aber die ins Jenseits ...
Drehbuch nach dem gleichnamigen Drama von Georg Kaiser, Herbert Juttke
Als das Paradigma des expressionistischen Films gilt scheinbar ohne Zweifel und Konkurrenz "Das Cabinet des Dr. Caligari". Doch zum Bild der Epoche gehören ebenso die Widersprüche und Brüche, die vergessenen, von der Kritik abgelehnten oder kommerziell erfolglosen Filme: "Von morgens bis mitternachts" war ein solcher Film - kein Produkt der Großfilmbranche, sondern ein Low-Budget-Projekt, initiiert von dem Theatermacher Karlheinz Martin. Dieser hatte das gleichnamige expressionistische Bühnenstück von Georg Kaiser über die Verlockungen der Straße und Stadt aus dem Jahre 1912 bereits auf der Bühne inszeniert. Zusammen mit Freund Herbert Juttke, dem Teilhaber einer kleinen Produktionsfirma, schrieb Martin das Drehbuch. Gedreht wurde in den Theaterpausen mit einem Team, das die Inszenierungsideen des Regisseurs mittrug und sich vor allem zu seinen kunstrevolutionären Parolen bekannte - von der Kunst als Imperativ der Freiheit und dem Gestaltungsrecht des Künstlers. Die Filmcrew samt Darsteller arbeiteten zur Entstehungszeit des Films mit Martin zusammen oder kannten ihn von früheren Kooperationen her. Auch Freunde wirkten als Laiendarsteller mit, zum Beispiel der Dichter Max Herrmann und dessen Frau Leni.
In "Von morgens bis mitternachts" sollte eine deformierte Welt deformiert gezeigt werden. Jedoch wirkte der Film zu Beginn der 20er Jahre so schrill, fremd und unkonventionell, dass selbst das schockgewohnte Berliner Metropolenpublikum sich ihm verweigerte und er erst recht nicht die oberschlesische Provinz erreichte. Weil der Regisseur die bildlichen Elemente des "Caligari" sowie den Expressionismus selbst bis an ihre logische Vollendung trieb und so weit über Zeit und Stil hinausging, fand "Von morgens bis mitternachts" kaum Publikum, außer in Japan, dem Land des Holzschnittkünstlers Hiroshige und des No-Theaters.
Martin bezog die Mittel seiner Inszenierung nicht nur aus der Interpretation des Theaterstücks oder aus dem Widerspruch gegen das bürgerliche Repertoiretheater und der Erprobung neuer Spielstätten. Der Film kann auch als Auseinandersetzung mit den zeit- und materialbedingten Beschränkungen des Mediums verstanden werden. "Von morgens bis mitternachts" ist unräumlich, unfarbig und stumm; doch gerade diese Mängel sollten nicht verborgen oder gar künstlich kaschiert, sondern sichtbar gemacht werden. Angekündigt als "der erste Film, der in den Urfarben Schwarz und Weiß abrollt", wurde das Bewegungsbild in die reine Antithese Schwarz-Weiß eingezwängt - wohl im Hinblick auf die generelle Unfarbigkeit des damaligen Films, die hier in letzter Konsequenz durchgespult und -gespielt werden sollte. "Von morgens bis mitternachts" ist der Versuch des experimentierfreudigen Martin, einen sprachlich so eigenwillig präformierten Text optisch neu zu organisieren. Entstanden ist ein Film, dessen Stärke in seiner einzigartigen Bildhaftigkeit liegt: Es wurden Bilder geschaffen, die das Wort fast gänzlich zu verdrängen vermochten und sich durch ihre schlagwortartige Gestaltung einprägen mussten.
"Von morgens bis mitternachts" war zu seiner Zeit offenbar nur in Privat- und Sonderaufführungen gezeigt worden. Lange Zeit danach galt der Film als verschollen, bis 1962 eine Kopie in Japan auftauchte. Ein Jahr später wurde der Film dann erstmals öffentlich in Ostberlin aufgeführt. Das Filmmuseum München nahm sich der Rekonstruktion des expressionistischen Stummfilms an.








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Ihre Meinungen
16 Kommentar(e)
Sendezeiten | der Golem
12.09.2010 - 01:35
Wieso müssen die Stummfilme zu solch unmöglichen Zeiten gesendet werden.
Mehr Stummfilme! | TW
11.09.2010 - 10:05
Hallo, ersteinmal ein großes Lob an die Arte Stummfilmredaktion für die vielen tollen Stummfilm Raritäten der letzen Jahre. Leider gibt es seit einiger Zeit keine Wiederholungen mehr und ein Film/Monat ist auch nicht sehr viel. Trotz des Patzers mit dem abgeschnittenen Bildformat von "Von morgens bis abends", hoffe ich daß es noch lange solche Filme zu sehen gibt und auch weiterhin restaurierte Filme gesendet werden. Der nächste Film "Schlagende Wetter" ist im Arte Programmverzeichnis sogar als HD gekennzeichnet. Bin mal gespannt ob er wirklich in HD gescannt worden ist.
Bildformat | vw1303
05.09.2010 - 22:24
Ich möchte mich meinen Vorrednern anschließen, und auch mein Unmut über die Verstümmelung des sorgfältig restaurierten Stummfilms "Von Morgens bis Mitternachts" äußern, und mich dafür einsetzen, daß Filme immer im Originalformat ausgestrahlt werden sollten. Ich bin ein großer arte Fan, und sehr dankbar dafür wenigstens einmal im Monat solche Stummfilm Schätze bei arte sehen zu dürfen. Jedoch komme ich nicht hinter den Sinn einer 16:9 Ausstrahlung im 4:3 Format ?? Das muss sicher ein Versehen sein ? Bei einer Filmrestauration wird doch versucht, jedes einzelne Bild möglichst vollständig wieder zu finden und dann sorgfältig zu restaurieren. Bei so einer Ausstrahlung wird doch ein Teil dieser Arbeit wieder zunichte gemacht ? Ich hoffe also sehr dass die Ausstrahlungen in Zukunft wieder im Originalformat sein werden ?
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